Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo - In arabischer Schrift halte ich den Artikel über meine Mutter in meiner Hand.

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Vor mehr als drei Monaten wurde meine Mutter von Mohammed in Berlin zu ihrer Geschichte interviewt. Sie sollte von ihrer persönlichen Geschichte, dem weiten Weg von Tanger nach Berlin erzählen und davon berichten, wie sie ihre Kinder in der Fremde aufzog.

Mutter hatte das Gespräch mit dem feinfühligen Mohammed viel Freude gemacht, sie hatte marokkanisches Gebäck und einen frischen Minztee zubereitet, und das trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit und der starken Schmerzen in den verschlissenen Kniegelenken.

Und genau jetzt, am Tag ihrer Beerdigung hier in Tanger, sehe ich die Ausgabe der Frauenzeitschrift La kulli Anissa (»Für alle Frauen«) am Kiosk, dem Baqqal gegenüber unserem Haus. Ich kann es kaum glauben. In arabischer Schrift halte ich den Artikel über meine Mutter in meiner Hand. Drei Schwarzweißfotos sind abgebildet. Eins zeigt Mutter als junge, wunderschöne Frau zusammen mit meinen beiden älteren Geschwistern. Es ist in Tanger aufgenommen. Das zweite Bild zeigt meine jungen Eltern und wieder Hamid und Latifa in einem deutschen Fichtenwald. Das dritte Bild stammt vom letzten Jahr im Garten meiner Brüder, ganz nah dem Minzebeet von Hamid mit der kräftigsten Pfefferminze Berlins.

Mutter ist in diesem Bild das Zentrum. Sie schaut ernst, aber stolz, umrahmt von uns drei Söhnen. Hamid ernst, Morad mit der Andeutung eines Lächelns, ich lächelnd. Latifa war an diesem Tag nicht dabei. Der Artikel erzählt die Geschichte meiner Mutter und endet mit ihrem Wunsch, in Tanger beerdigt zu werden, und ihrer Bitte, dass ihre Kinder ihr diesen Wunsch erfüllen mögen. Ich halte die Worte, die ich nicht lesen kann, halte die Bilder in meinen zitternden Händen. Ich weine und lächle.

Eine unwirkliche Nacht geht zu Ende. Das Frühstück aus schwarzen Oliven, Baguette, Choritto und arabischem Kaffee, schmeckt steril, selbst die Farben der Speisen sind blass und ohne Kontur.

Nun fahren wir alle zum Friedhof, so will es der Brauch. Gestern waren wir im engen Familienkreis zusammen. Ein prächtiger Ochse wird geopfert, heute wird er zu Ehren meiner Mutter den Gästen serviert. Auf dem Friedhof begießen wir das Grab mit Rosenwasser und unseren schweren Tränen. Die anderen Gräber sind trocken, ausgetrocknet von der Sonne. Eine wunderbare Stimmung liegt über dem Grab, trotz der hungrigen und gierig wirkenden Wegelagerer links und rechts, die mit der Trauer der Menschen Geldscheine und Münzen verdienen wollen.

Die Gesänge der trauererfahrenen Männer werden lauter, plötzlich berührt der Wind uns, er umarmt uns – bestimmt, kräftig, aber sanft. So sanft, wie er es noch nie in diesen Tagen und Nächten getan hat.

Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel, der unendlich viele Tränen geweint hat, lächelt für einen Augenblick und flüstert mir zu: „Nach sechs langen Monaten der Dürre regnet es an diesem Abend, Allah sei gepriesen.“ Ich denke, auch der Himmel weint vor Trauer und schenkt zugleich neues Leben.

Wir sind erschöpft, wollen einfach nur schlafen. Die lieblose Tanzbar neben der Wohnung meiner Mutter peinigt uns mehr als die unzähligen gierigen Mücken im Zimmer. Ich bin nicht in der Lage, wütend zu sein. Der Tag zieht wie in einem Kurzfilm im Zeitraffer an mir vorbei.

Die Farben des Tages versteckten die Trauer. Aus Schwarz wurde Blau, aus Blau wurde Gelb, aus Gelb wurde Rot, aus Rot wurde Schwarz. Jetzt bleibt es schwarz. Ich kann nicht einschlafen, wünsche mir, ich könnte es, um für einige Stunden den Schmerz und die Trauer loszulassen. Der Morgen scheint unendlich weit. Ich drehe und wälze mich, ich kann nicht schlafen. Ich stehe auf und trete an das kleine Bücherregal im Flur, ziehe ein etwas zerfetztes altes Buch hervor und schlage es in der Mitte auf. Ein Gedicht von Anaïs Nin:

„Lass deine Träume wie einen Drachen in den Himmel steigen. Du weißt nie, was sie dir zurückbringen werden: ein neues Leben, einen neuen Freund, eine neue Liebe, ein neues Land.“

Ich lese diese Worte zwei oder drei Mal und bin dann endlich eingeschlafen.

Die Betgesänge betäuben meine Sinne
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