Faouzi Skali in Rom: Jesus, Moses, Maria und Wege der Begegnung
In Rom überreicht Faouzi Skali Papst Leo XIV. sein Buch über Jesus in der sufischen Tradition. Die Begegnung führt zu einem Gedanken, der sein Werk seit Jahren prägt: Moses, Jesus und Maria können Räume zwischen Religionen öffnen, ohne ihre Unterschiede aufzulösen.

Auf dem Foto ist es eine kurze Geste: ein Buch wechselt die Hände. Doch hinter ihr steht eine Beschäftigung, die Skali seit Jahrzehnten begleitet. Es geht um die Frage, ob große geistige Gestalten verschiedener religiöser Überlieferungen Wege der Begegnung öffnen können, ohne dass die Unterschiede zwischen diesen Traditionen verschwinden müssen.
Im Gespräch mit der marokkanischen Tageszeitung L’Economiste beschreibt Prof. Dr. Faouzi Skali die Übergabe deshalb nicht als bloße protokollarische Aufmerksamkeit. Jesus nimmt in der islamischen Überlieferung und besonders in der sufischen Literatur einen bedeutenden Platz ein. Skalis 2004 bei Albin Michel in Zusammenarbeit mit der französischen Sufismusforscherin Eva de Vitray-Meyerovitch erschienenes „Jesus in der Sufi-Tradition“, führt Evangelium, Koran und Texte der islamischen Mystik zusammen und betrachtet Jesus aus dem Inneren der sufischen Tradition.
Während seiner Begegnung mit Leo XIV. sprach Skali zudem über sein bereits 2011 veröffentlichtes Werk "Moses in der Sufi-Tradition" und über seinen Wunsch, diese Beschäftigung mit einer Arbeit über Maria fortzusetzen. So entsteht aus der Begegnung in Rom eine bemerkenswerte Linie: Jesus, Moses und Maria.
Ein Denken, das sich über Jahre entfaltet
Für Leser von marokko.com kommt diese Entwicklung nicht unvermittelt. Zahlreiche Veröffentlichungen Skalis und mehrere Beiträge über seine Arbeit dokumentieren seit Jahren ein Denken, das sich zwischen innerer Erfahrung, kulturellem Erbe und gesellschaftlicher Verantwortung bewegt.
In Perlen der Weisheit führt Skali in jene Form sufischer Literatur ein, in der wenige Worte ganze Erfahrungsräume öffnen können. Weisheit bedeutet dort nicht allein Wissen, sondern die Fähigkeit, im richtigen Augenblick zu erkennen und entsprechend zu handeln. Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn richtet den Blick anschließend nach innen. Selbsterkenntnis erscheint nicht als psychologische Selbstbeobachtung, sondern als fortschreitende Klärung des eigenen Bewusstseins und als Weg zu einer tieferen Wahrnehmung des Menschen.
Schon darin zeigt sich ein Grundmotiv seiner Arbeiten: Wissen und Spiritualität stehen nicht gegeneinander. Innere Erfahrung und Erkenntnis sollen einander vertiefen.
Besonders deutlich wird das in Liebe und Wissen. An Rābiʿa al-Adawiyya, Rūmī und Ibn ʿArabī zeigt Skali eine Tradition, in der Liebe nicht als Gegenstück zur Vernunft erscheint. Erkenntnis ohne innere Erfahrung bleibt unvollständig; Liebe ohne Erkenntnis verliert ihre Orientierung. Am Ende des geistigen Weges, so beschreibt es der Text, lassen sich beide kaum noch voneinander trennen.
Mit Betrachten und handeln verlässt dieser Gedanke den Bereich der inneren Erfahrung und führt in die Ethik. Skali greift dort die Futuwwa auf, die geistige Ritterlichkeit, deren Werte sich in Großzügigkeit, Verantwortlichkeit und dem Einklang von Wort und Handlung zeigen. Spiritualität bewährt sich damit nicht im Rückzug aus der Welt, sondern im Verhalten innerhalb der Welt.
Auch die Frage nach dem Verhältnis zur eigenen Geschichte zieht sich durch seine Texte. In Neue Ansätze für eine bessere Zukunft wendet sich Skali gegen zwei entgegengesetzte Vorstellungen: dass gesellschaftlicher Fortschritt das Abwerfen der Vergangenheit verlange oder dass Zukunft nur durch die Wiederherstellung eines vergangenen Modells möglich sei. Das kulturelle und spirituelle Erbe soll weder abgestreift noch konserviert werden. Seine Kraft liegt darin, aus der Tiefe der Vergangenheit Fragen und Antworten für die Gegenwart entstehen zu lassen.
Jüngere Arbeiten führen diese Überlegung weiter. Marokkanischer Sufismus als Quelle geistiger Erneuerung versteht die sufische Tradition Marokkos als lebendige kulturelle und gesellschaftliche Ressource.
Der Beitrag Der Sufismus und die Frage nach einer neuen Vernunft fragt nach ihrer geistigen und schöpferischen Kraft für die Gegenwart.
Und der Beitrag Zwischen Fortschritt und Rückbesinnung – kulturelles Erbe der islamischen Welt greift die Spannung zwischen Moderne und Überlieferung erneut auf: Die Vergangenheit kann Orientierung geben, ohne zum Bauplan für die Gegenwart zu werden.
Eine andere Seite dieses Weges zeigt Lieder der göttlichen Liebe. Dort rückt die Poesie in den Mittelpunkt. Abstrakte theologische Argumentation erreicht nicht immer jene Erfahrungen, für die mystische Dichter Bilder, Rhythmen und Gleichnisse gefunden haben. Gerade bei Ibn ʿArabī wird sichtbar, weshalb Poesie für Skali mehr ist als eine literarische Form: Sie kann Erfahrungen ausdrücken, die sich einer rein begrifflichen Sprache entziehen.
Auch die von ihm initiierten kulturellen Räume gehören zu dieser Entwicklung. Im Beitrag Festival der Sufi-Kultur: Kunst der Vermittlung wird das Festival in Fès als Ort sichtbar, an dem geistiges Wissen nicht allein durch Vorträge, sondern ebenso durch Musik, Poesie und Kunst vermittelt wird.
Reise durch Kulturen und Orte des Sufismus zeigt dieselbe Idee in größerer geografischer Perspektive: unterschiedliche Schulen und kulturelle Ausdrucksformen des Sufismus treten miteinander in Beziehung.
Daneben gibt es Beiträge, die Skalis Entwicklung von außen betrachten. Mohamed Ameskanes Spiritualität liegt in der Luft zeichnet den Weg von seiner Beschäftigung mit Rūmī und seiner eigenen Hinwendung zum Sufismus bis zu einer Vorstellung von Spiritualität nach, die in die Gesellschaft hineinwirken soll. Seit Januar 2025 besitzt diese Beschäftigung zudem eine institutionelle Dimension: Skali leitet an der Akademie des Königreichs Marokko den Lehrstuhl „Geopolitik der Kulturen und Religionen“, der die Beziehungen zwischen Religion, Kultur, Identität und politischer Ordnung untersucht.
Der redaktionelle Beitrag Wie Auslegung Weltordnungen prägt. Ein neues Forschungsfeld gewinnt Profil macht deutlich, wie weit diese Fragestellung inzwischen reicht: Die Art, in der religiöse Texte gelesen und ausgelegt werden, kann gesellschaftliche Vorstellungen und politische Wirklichkeiten mitprägen.
In Wie kann man in die Menge eintreten, ohne sich in ihr aufzulösen? stellt eine Joha-Geschichte die Frage, wie ein Mensch sich vollständig in die Perspektive eines anderen hineinversetzen kann, ohne dabei seine eigene Identität aufzugeben. Kommunikation verlangt danach weder Verschmelzung noch Gleichheit, sondern die Fähigkeit, eine andere Welt wahrzunehmen und dennoch bei sich selbst zu bleiben.
Für die jetzige Begegnung in Rom erhält dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Von der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis führt in diese Richtung. Zwei Geschichten zeigen dort, wie Menschen über verschiedene Namen und begrenzte Wahrnehmungen in Streit geraten und ihre jeweilige Sicht mit der ganzen Wirklichkeit verwechseln. Hinter der einfachen Erzählung steht eine anspruchsvolle Frage: Wie weit reicht unser Wissen über das, was der andere sieht?
Jesus, Moses und Maria
Vor diesem Hintergrund erhält die Begegnung mit Leo XIV. ihr eigentliches Gewicht. Skali bringt nach Rom keinen Gedanken, der erst für diesen Anlass entstanden ist. Die Übergabe des Buches verdichtet vielmehr eine Linie, die sich durch viele seiner Arbeiten zieht.
Moses steht bereits seit Jahren in diesem Weg. Er ist eine zentrale Gestalt im Judentum, Christentum und Islam und zugleich der im Koran am häufigsten genannte Prophet. In "Moses in der Sufi-Tradition" rekonstruiert Skali auf der Grundlage koranischer Texte und islamischer Überlieferungen wichtige Stationen seines Lebens und verfolgt ihre Deutung bei Autoren wie Ibn ʿArabī, Rūmī und Emir Abdelkader. Moses erscheint dabei nicht nur als historische oder religiöse Gestalt, sondern als Träger geistiger Erfahrungen, die innerhalb des Sufismus weitergelesen wurden.
Ähnlich nähert sich Skali Jesus. „Jesus in der Sufi-Tradition“ löst ihn nicht aus seiner christlichen Bedeutung heraus. Ausgangspunkt sind vielmehr Koran, islamische Überlieferung und die Werke großer Sufis. Gerade dadurch entsteht die Möglichkeit einer Begegnung: Dieselbe Gestalt kann aus unterschiedlichen religiösen Blickwinkeln betrachtet werden, ohne dass einer davon den anderen ersetzen muss.
Maria könnte nun die dritte Gestalt dieser Reihe werden. Im Gespräch mit L’Economiste beschreibt Skali ihre Stellung als außergewöhnlich. Sie steht im Herzen der christlichen Überlieferung und besitzt zugleich im Koran eine herausgehobene Stellung. Skali interessiert dabei nicht allein der Vergleich religiöser Texte. Mit Maria verbindet er ebenso eine innere Haltung: Aufnahmebereitschaft, Stille, Vertrauen und Offenheit gegenüber dem, was den Menschen übersteigt. Gerade deshalb hält er sie für einen möglichen Ort islamisch-christlicher Begegnung. Nicht, weil Christen und Muslime dasselbe über Maria glauben, sondern weil beide Traditionen ihre geistige Bedeutung kennen.
Begegnung ohne Gleichmacherei
Hier liegt der stärkste Gedanke des Interviews. Skali warnt ausdrücklich davor, Maria oder andere gemeinsame religiöse Gestalten in einfache Symbole eines gefälligen Dialogs zu verwandeln. Wirkliche Begegnung bestehe weder darin, Unterschiede zu beseitigen, noch darin, aus verschiedenen Religionen eine gemeinsame Lehre zusammenzusetzen. Im Gegenteil: Jeder müsse seine eigene Tradition tief genug kennen, um die Tiefe der anderen erkennen zu können. Dialog entsteht damit nicht aus religiöser Unbestimmtheit, sondern aus Verwurzelung und Offenheit zugleich.
An dieser Stelle begegnet uns erneut die Frage aus Wie kann man in die Menge eintreten, ohne sich in ihr aufzulösen? Sich auf die Welt eines anderen einzulassen verlangt nicht, die eigene Identität abzugeben. Gerade wer weiß, woher er kommt, kann sich einer anderen Perspektive öffnen, ohne sie zu vereinnahmen oder sich selbst in ihr zu verlieren.
Maria kann deshalb Christen und Muslimen einen Raum der Begegnung öffnen, ohne für beide dasselbe zu bedeuten. Jesus kann im Christentum und im Islam unterschiedlich verstanden werden und dennoch Gegenstand eines ernsthaften geistigen Gesprächs sein. Moses verbindet die drei monotheistischen Traditionen, ohne ihre jeweiligen Überlieferungen zu einer einzigen Erzählung zu machen. Der Unterschied wird damit nicht zum Scheitern des Dialogs. Er gehört zu seinen Voraussetzungen.
Von Rom zurück nach Fès
Von hier führt der Weg wieder nach Fès. Für Skali ist die Stadt, wie er im Interview erklärt, ein besonders bedeutender Ort: geprägt von Wissensvermittlung, Spiritualität und dem Austausch zwischen Schulen, Kulturen und unterschiedlichen geistigen Sensibilitäten. Seit Jahren versucht das Festival der Sufi-Kultur, dieser Vorstellung eine öffentliche Form zu geben.
Vom 17. bis 24. Oktober 2026 findet die 18. Ausgabe des Festival de Fès de la Culture Soufie et des Sagesses du Monde unter dem Leitgedanken „La poésie mystique, élixir de guérison“ – „Mystische Poesie, ein Elixier der Heilung“ statt. Das Festival selbst beschreibt diese Heilung als eine innere Erfahrung, in der Poesie Worte für das Unsagbare finden und mystische Erfahrung den Menschen wieder mit etwas verbinden kann, das über ihn hinausweist.
Auch Skali grenzt diese Vorstellung im Gespräch mit L’Economiste ausdrücklich von medizinischer Heilung ab. Er spricht von einer inneren und kulturellen Heilung und öffnet den Gedanken bis in eine zivilisatorische Dimension. Gesellschaften erleben heute vielfältige Formen der Fragmentierung: Identitäten, Erinnerungen und Zugehörigkeiten können Menschen miteinander verbinden, aber ebenso gegeneinander gestellt werden. Mystische Dichtung setzt dem keine politische Theorie entgegen. Sie erinnert daran, dass der Mensch nicht vollständig in seinen Zugehörigkeiten, Interessen oder Konflikten aufgeht.
Bei Rūmī, Ibn ʿArabī, ʿAttār und anderen Dichtern findet Skali eine Sprache, die solche Grenzen durchqueren kann, ohne sie zu leugnen. Darin liegt auch die Verbindung zwischen dem Festival in Fès und der Begegnung in Rom: Beide kreisen um die Frage, wie ein geistiges Erbe lebendig bleiben kann, ohne sich abzuschließen.
So erhält das Bild eines marokkanischen Gelehrten, der einem Papst ein Buch über Jesus in der sufischen Tradition überreicht, seinen eigentlichen Sinn. Dahinter stehen Moses und Maria, Rūmī und Ibn ʿArabī, Fès und Rom, verschiedene Schriften und unterschiedliche Glaubenswege. Sie werden nicht zu einer einzigen Tradition verschmolzen. Gerade darin liegt die Stärke dieser Begegnung.
Denn eine Idee zieht sich durch Faouzi Skalis Arbeit seit vielen Jahren: Begegnung beginnt nicht dort, wo Unterschiede verschwinden, sondern dort, wo sie nicht mehr verhindern, dass Menschen einander zuhören.
Quellen
- Begegnung in Rom mit Skalis Aussagen zu Jesus, Moses, Maria, Fès und dem Dialogverständnis. Interview von Youness Saad Alami mit Faouzi Skali, L’Economiste, Ausgabe vom 14. September 2026.
- Die bibliografischen Angaben zu "Jésus dans la tradition soufie" vom Verlag Éditions Albin Michel.
- Veröffentlichungen und Beiträge von und über Skali auf marokko.com.
- Offizielle Webseite des Festival in Fes.
