Opferfest: Pulverspiele und Staatsempfang zum Aid el-Kebir 1888 - Der Freitagsmarkt

Seite 3 von 3: Der Freitagsmarkt

Inmitten der Gaerten in Maraksh

  In Marokko ist Thomson als Christ und ohne weitere Tarnung unterwegs. Obwohl Forschung und Wissenschaft Anlass der Reise ist, treten sie in den Hintergrund. Eher ist es ein sehr persönlicher Bericht seiner Erlebnisse mit Land und Leuten auf seinen Wegen. Deutlich ist immer wieder der britische Humor spürbar, sein Interesse an den Lebensumständen der Bevölkerung wird entsprechend vermittelt. Natürlich bleiben schwelende Konflikte in seinem bunt zusammengewürfelten Team, u.a. bestehend aus dem jungen Leutnant Harold Crichton-Browne, den Juden Shalum und David Assor sowie einheimischen Helfern nicht aus, die immerfort neu geordnet und geklärt werden müssen.

In der Kühle des Nachmittags machten wir uns also auf den Weg zum Platz des Freitagsmarktes. Hier fanden wir viele tausend Menschen, die sich versammelt hatten, um das Spiel zu sehen.

Am anderen Ende des Platzes, mit der Kutubia in einiger Entfernung, die alles überblickt, sind die verschiedenen Stämme auf ihren Pferden in Reihen hintereinander aufgestellt, alle in höchst unsoldatischen Kostümen, aber ein perfekter Traum an künstlerischen Effekten. Vor ihnen erstreckt sich der Platz, der für sie freigehalten wird, mit den maurischen Menschenmassen auf beiden Seiten und den Wänden der angrenzenden Häuser, die mit Schaulustigen gefüllt sind.

Die erste Linie beginnt nun, sich vorwärts zu bewegen. Die Pferde werden zum Trab gezügelt und zeigen ihre feine Bewegung, während sie mit feurigem Leben vorwärts tanzen. Ihre langen Schweife fegen über den Boden, die verworrenen buschigen Mähnen und üppigen Stirnlocken tragen zu ihrem wilden Aussehen bei. Ihre Ausstattung ist von der prächtigsten Art: Zaumzeug und Sattel sind mit gelben, grünen oder karminroten Überzügen geschmückt. Ihre Reiter, in voluminöse cremefarbene Kleider gehüllt, sitzen wie geborene Helden, ihre kurzen Krummdolche an der Seite, die purpurnen Schnüre ihrer Waffen und Pulverhörner helfen, ihre Haiks auf den Schultern zu halten.

Sie halten ihre langen Gewehre in den Händen, die Schäfte ruhen auf ihren Oberschenkeln und die Mündungen zeigen zum Himmel. Der Anführer reitet in der Mitte und zeichnet sich durch die Feinheit seines Haiks aus, aber noch mehr durch das prächtige Pferd, auf dem er reitet, und die Pracht seines Geschirrs.

Währenddessen wird das Tempo erhöht. Die Pferde versuchen auszubrechen, ungeduldig über die Verzögerung.

In diesem Moment hebt der Anführer sein Gewehr hoch in die Luft. Wie von einem gemeinsamen Impuls bewegt, tun zwanzig andere dasselbe. Die Pferde, die spüren, dass der Moment des Handelns gekommen ist, werden mit Mühe zurückgehalten. Die Waffen, die immer noch über Kopf gehalten werden, werden nun in die Horizontale gebracht. Im nächsten Moment werden sie gesenkt und die Schäfte gegen die Schultern gedrückt. Die Zügel werden fallen gelassen und die Pferde preschen in einem gewaltigen Ritt vorwärts. Einen Augenblick lang hört man nichts als das dumpfe Donnern galoppierender Füße, sieht nichts als eine Reihe ausgerichteter Gewehre und eine unbestimmte Masse von weißen Kleidern und Pferden, die halb in einer Staubwolke verborgen sind.

Während wir mit atemloser Spannung dem lebenden Wirbelwind zusehen, ertönt eine krachende Salve in unseren Ohren, und dann werden wir verwirrt gewahr, dass wieder Kanonen um uns hallen, dass wir schwebende Haiks und rotgeschmückte Mützen teilweise inmitten von gelben Staubwolken und kräuselnden Kränzen aus blauem Rauch sehen. Dann kehrt die Gruppe aus dem Staub und Rauch im Gänsemarsch zum Ausgangspunkt zurück.

Kaid für Kaid zeigt die disziplinierte Geschicklichkeit seiner Männer in der Reiterei und im Umgang mit den Waffen mit wechselndem Erfolg und Beifall. Manchmal werden die Linien unterbrochen, oder ein Soldat feuert sein Gewehr vorzeitig ab; dann muss der Angriff noch einmal wiederholt werden.

Am interessantesten waren jedoch die Kunststücke derjenigen, die einzeln oder zu zweit ritten. Diese zeigten die größte Geschicklichkeit und fügten ihrer Vorführung etwas von Realismus und dramatischem Interesse hinzu. Sie suchten nach dem imaginären Feind. Die Augen mit den Händen verdeckend, tänzelten sie vorwärts und schauten eifrig in alle Richtungen. Wurde ein Feind gesehen, stürmten sie mit wilden Rufen "Keiner außer dem einen Gott!" auf ihn zu. Spöttische Schreie oder blutrünstige Drohungen wurden ihm entgegengeschleudert. Dann kam das Schießen, der plötzliche Halt und der Galopp zurück.

Es gab einige, die besondere Kunststücke vorführten, wie z. B. das Abfeuern ihrer Gewehre, während sie in allen möglichen ungewöhnlichen Positionen gehalten wurden, oder das Hochwerfen ihrer Waffe in die Luft, während sie in vollem Galopp waren, sie wieder auffingen und dann auf einen imaginären Feind von vorn oder von hinten schossen.

Bei diesen und anderen Kunststücken errang ein Mann aus Sidi Rehal die Ehre des Tages. Er ging in einer geraden Linie in vollem Galopp, stand aufrecht im Sattel, warf seinen Turban in die Luft, rutschte wieder in den Sitz und drehte sich, immer noch in vollem Galopp um und stellte sich auf den Kopf. Ein anderes Mal stand er in vollem Tempo auf dem Sattel und schwang sein Gewehr über dem Kopf, ließ sich wie zuvor in den Sitz fallen, drehte sich blitzschnell um und schoss auf seinen imaginären Verfolger.

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Ein drittes Kunststück bestand darin, bei der Verfolgung durch den Feind eine Verwundung vorzutäuschen und im Sattel zu schwanken, als ob der Verfolgte verletzt wäre. Der Verfolger, der auf diese Weise aus seiner Deckung gelockt wurde, durfte sich nähern, woraufhin sich der scheinbar verwundete Mann sofort aufrichtete und der Feind zu Tode kam, bevor er Zeit hatte, sich von der Überraschung zu erholen.

Dieses interessante Schauspiel dauerte bis nach Sonnenuntergang.

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