Opferfest: Pulverspiele und Staatsempfang zum Aid el-Kebir 1888

Seite 1 von 3

„Wer sanft geht, geht sicher; wer sicher geht, geht weit“ war ein Motto von Joseph Thomson, britischer Geologe und Entdecker. Nach ihm wurden von ihm beschriebene Pflanzen, Tiere (Thomson-Gazelle) und geographische Plätze (Thomson’s Falls in Kenia) benannt. Thomson reizte eher das Entdecken als die Wissenschaft.

 

Joseph Thomson

Im Buch von Joseph Thomson (siehe Auszug weiter unten) geht es u.a. um seine Reise 1888. Von Gibraltar über Tanger und Azemmour erreicht Thomson Mogador. Über Safi und Marrakech geht er nach Demnate. Marrakech spielt eine zentrale Rolle. Von hier aus wird oft gestartet, hierher kehrt er immer wieder zurück.

Eine Expedition führt ihn zum Kaid von Telouet in seine Kasbah, eine zur Kasbah El Goundafi an der heutigen N10. In der Nähe von Imlil, unterhalb des Toubkal wird ein 3500m hoher Pass bestiegen. Eine Besteigung führt auf den Ogdimt, den wir heute als Jbel Igdat (3583m) kennen.

Der Rückweg nach Mogador erfolgt über den traditionellen Handelsweg entlang der heutigen Autobahn A3 über Agadir.

Stadtmauer, MarrakeschSommer 1888, Marrakech

Wir hatten das Glück, die Feier des "Aid-el-Kebir" zu erleben, das den Abschluss der mit der Pilgerfahrt nach Mekka verbundenen Zeremonien markiert. Nach dem Brauch der ganzen mohammedanischen Welt opfert jeder, der es sich leisten kann, ein Schaf, eine Ziege oder eine Kuh, kleidet sich in sein bestes Gewand und begeht einen hohen Feiertag.

In Maraksh wird die Feier zum Anlass für einen großen Staatsempfang genommen, bei dem sich alle Kaids Südmarokkos versammeln, um ihrem Lehnsherrn, dem Sultan, zu huldigen. Da der Sultan abwesend war, wurde sein Platz vom Vizekönig Mulai Othman eingenommen.

Das Opferfest (Arabisch: Eid Al-Adha, in Marokko auch Aid el-Kebir genannt, was soviel heißt wie "großes Fest". In diesem Jahr wird es ab dem 20. Juli begangen) ist das höchste islamische Fest. Es erinnert an den Propheten Abraham, der gemeinsame Stammvater von Muslimen, Juden und Christen. Es ist der Höhepunkt der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka, der Hadsch, und wird von Muslimen auf der ganzen Welt gefeiert.

Die Straßen boten einen ungewöhnlich belebten Anblick, mit ihren drängenden Tausenden, alle sauber rasiert und in neuen Kleidern. Die Läden waren geschlossen, nur Süßigkeiten- und Kuchenverkäufer betrieben ihr Geschäft. Überall war das unverwechselbare Bimmeln der Glocke des Wasserverkäufers zu hören. Die große Masse des Volkes war auf Eseln, Maultieren oder Pferden zu dem Agdel-Garten ungefähr 2 Meilen außerhalb unterwegs.

Niemals zuvor hatte ich einen interessanteren Anblick gesehen: Nach Süden und Osten breitete sich über dreißig Meilen lang die Weite der marokkanischen Ebene aus, die etwas von der Erhabenheit eines grenzenlosen Meeres hatte. Dahinter erhob sich die dunkle, hoch aufragende Kette des Atlas, halb verschleiert durch den sommerlichen Dunst, der einen seltsamen Glanz auf die Berghöhen warf. Unten lagen die Stadtmauern, die Dattelpalmenhaine und Gärten, die Kuppeln und Türme der Moscheen und die flachgedeckten roten Häuser. Um uns herum drängten sich Tausende aus der Stadt und der umliegenden Ebene - Araber und Mauren, Shellach und Neger, alle waren da. Fast jeder war in ein weißes Gewand und einen Turban gehüllt, nur die jungen und Kinder fügten mit ihren karmesinroten oder gelben Kaftanen etwas Farbe hinzu. Die Szene wurde vervollständigt durch lange Reihen von Reitern, deren lange Steinschloss-Gewehre auf ihren Sätteln ruhten, und durch die Menge von Höflingen und wohlhabenden Beamten und Stadtbewohnern.

Bis zur Ankunft des Vizekönigs zeigten die verschiedenen Parteien ihre Geschicklichkeit in der Reitkunst und im Umgang mit den Waffen, indem sie sich übten.

Das Tor des Gartens öffnete sich und eine Gruppe Kavallerie galoppierte heraus. Dahinter kamen zwei prächtige Pferde, alle in voller Montur und von Pferdepflegern geführt.

Der nächste, der erschien, war ein fein aussehender, ehrwürdiger Alter mit einem schönen weißen Bart, einem riesigen Turban und einem voluminösen Hut, in einen cremefarbenen Burnus gehüllt, dessen Kapuze seinen Turban bedeckte, während die Röcke über seine Füße herabhingen. Dies war Vizekönig Mulai Othman, der zu Pferd ritt, umgeben von Stallknechten zu Fuß und Männern, die lange Tücher in der Luft schwenkten, um die Fliegen von seiner königlichen Person fernzuhalten.

Eingang zum Palasthof

Ein Bauwerk, das wir bemerkt hatten, hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit einer Schießbude auf einem Volksfest. Sein Zweck war jedoch heiligerer Natur. Bei dieser Gelegenheit musste es für eine Moschee herhalten, und dort konnten wir die gemalte Nachahmung des Mihrab oder der Gebetsnische sehen, die den "Punkt der Anbetung" anzeigt, die Richtung der heiligen Stadt Mekka. Dort befand sich auch eine Kanzel für den Leser und Ausleger des Korans.

Teilnehmer der Expedition Lieutenant Harold Crichton-BrowneIn würdiger Prozession bewegte sich der Vizekönig auf die improvisierte Moschee zu. Am Rande der Matte angekommen, stieg er ab, zog seine Pantoffeln aus und marschierte hinüber zum Mihrab. Kaum war die Gebetsnische erreicht, ertönte der Gebetsruf scharf und klar in der frischen Morgenluft, jeder Laut und jede Silbe stechend ausgesprochen und langanhaltend, musikalisch und liebevoll vertieft. Für den Augenblick hörten das Galoppieren der Pferde und die donnernden Salven auf, das Getöse der redenden Tausende war verstummt, und kaum ein Geräusch störte die Eindrücklichkeit des halbgesungenen Aufrufs an alle wahren Gläubigen, zum Gebet zu kommen.

Im nächsten Moment erhob sich Mulai Othman aus seiner hockenden Position, und wie Maschinen, die von einem gemeinsamen Impuls bewegt wurden, folgte die andächtige Menge, die ihn umgab, seinem Beispiel. Er war es, der das Gebet anführte. Während alle unisono murmelten, beugten sich Rücken und Knie, die Stirnen wurden auf den Boden gedrückt, die Körper schwankten hin und her, die Gesichter waren leicht nach oben gerichtet und wirkten wie in sich versunken. Unterwerfung unter Gottes Willen, Demütigung vor Seiner Größe, Abscheu vor Seinem Zorn, Flehen um Seine anhaltende Langmut und Barmherzigkeit - Lobpreis - Dank - alles wurde gleichermaßen in Wort und Tat ausgedrückt; und in den stillen Pausen der Andacht konnte man die hallenden Salven der Soldatenscharen hören. Wenn man sich umdrehte, sah man Wolken von Staub und blassblauem Rauch, aus deren Mitte eine wilde Reihe von galoppierenden Pferden und Haiks brachen, die wie weiße Standarten im Winde flatterten.

Was uns am meisten überraschte, während wir den Gläubigen bei ihrer Andacht zusahen, war der Gleichmut, mit dem unsere entweihende Anwesenheit aufgenommen wurde. Wir waren gekommen, ganz darauf vorbereitet, vertrieben zu werden, und doch belästigte uns niemand.

Am Ende der Gebete setzte sich die Gemeinde wieder "auf einen Haufen" und sah aus wie Kleiderbündel, die von kegelförmigen Kapuzen bedeckt waren. Ein Tolb, ein gelehrter Mann, betrat nun die Kanzel und begann, aus dem Koran zu lesen.

Fantasia
Seite

Copyright © marokko.com. Alle Rechte vorbehalten. Kopien sind nur mit schriftlicher Genehmigung von marokko.com erlaubt. Hinweise zu "Haftung für Inhalte" und "Urheberrecht" sind unter Impressum beschrieben. Kommentare zu einzelnen Artikeln sind ausdrücklich erwünscht und können in forum.marokko.com gepostet werden.