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Wer sich nicht dem Leben aussetzt, hat der Literatur nichts zu geben

Für Abdelhak Najib  ist Schreiben kein Beruf und keine Technik. Es ist eine existentielle Haltung. Schreiben beginnt nicht am Schreibtisch, sondern im Leben selbst - dort, wo Erfahrungen Spuren hinterlassen, wo sie sich nicht glätten lassen und nicht folgenlos bleiben.

Alte Schreibmaschine von Thom Milkovic auf unsplash

Abdelhak NajibWer schreibt, muss gelebt haben. Nicht im dekorativen Sinn, nicht geschützt und bequem, sondern in der ganzen Spannweite des Daseins. Reisen gehören dazu, ebenso Begegnungen und Erfolge - vor allem aber das Scheitern. Glück ebenso wie Unglück. Verlust, Hoffnung, Enttäuschung, Verrat. Najib spricht von einem Leben, das sich nicht an der Oberfläche erschöpft, sondern Tiefe sucht, Schluchten gräbt, Narben zulässt. Nur wer diese Tiefen kennt, kann Texte schreiben, die mehr sind als stilistische Übungen - Texte, die andere erreichen.

Schreiben verlangt Mut. Ohne Risiko, ohne Gefahr, ohne das Loslassen aller Sicherheiten bleibt nur leere Produktion. Najib kritisiert scharf eine Literatur, die sich selbst genügt, die sich im Spiel mit Formen erschöpft und dabei das Leben meidet - getragen von Stimmen, die viel sagen wollen, aber wenig erlebt haben. Aus einer existenziell leeren Biografie lasse sich kein Buch formen, das trägt.

Dass seine eigenen Bücher gelesen werden, erklärt Najib nicht mit Marktlogik. Seine Werke sind in Marokko nur in wenigen Städten erhältlich, zugleich aber international präsent - in europäischen Metropolen ebenso wie im Nahen Osten, in Afrika und in Nordamerika. Mehrere seiner Bücher liegen bereits in fünfter Auflage vor. Entscheidend ist für ihn nicht die Zahl der verkauften Exemplare, sondern die Existenz von Lesern - Menschen, die sich auf Texte einlassen, die Tiefe verlangen.

Abdelhak Najib

Die Resonanz der Kritik bestätigt diesen Weg. Rezensenten heben die Kraft seiner Sprache hervor, ihre Rohheit ebenso wie ihre lyrische Präzision, die bewusste Konstruktion seiner Romane. Titel wie Der Exterminator von Dakhla, Der Frühling der fallenden Blätter, Das Labyrinth der Angst oder Der letzte Krieg des unbekannten Soldaten wenden sich an Leser, die Literatur nicht als Unterhaltung, sondern als Erkenntnisform begreifen. Diese Haltung lässt sich mit der Tradition des existenziellen Romans vergleichen - Literatur als Konfrontation, nicht als Trost.

Najibs Texte erzählen von Leben in all seiner Brüchigkeit: von Entbehrung, inneren Gespenstern, Heuchelei, Wahnsinn, Widersprüchen, Lügen, Verletzungen - und von der Möglichkeit einer Erlösung, die nie garantiert ist. Sie richten sich an Leser, die bereit sind, sich selbst zu betrachten. Wenn soziale Praktiken wie der Hammam oder Hochzeiten erscheinen, dann nicht als folkloristische Marker, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Ordnung.

Literatur beginnt für Najib dort, wo touristische Perspektiven enden. Um Literatur zu schaffen, müsse man sich ins Leben stürzen und es in seiner ganzen Wahrheit erzählen - in seiner Schönheit ebenso wie in seiner Brutalität. Viele Menschen, so seine Überzeugung, besitzen ein feines Gespür für Authentizität. Ein künstlicher Text bleibe künstlich, ein zusammengesetzter Text bleibe tot. Diese Unterscheidung sei unbestechlich.

Auch dem Thema Zensur begegnet Najib ohne Pathos. Sie äußere sich heute weniger durch Verbote als durch Auslassung, durch Sichtbarkeitsentzug. Journalisten, Medien oder Institutionen beanspruchten Deutungshoheit und reproduzierten immer dieselben Stimmen. Diese Praxis ändere jedoch nichts an der Realität seiner Arbeit. Najib veröffentlicht, reist, spricht, wird eingeladen - insbesondere von renommierten internationalen Kulturinstitutionen. Wer glaubt, ihn durch Schweigen marginalisieren zu können, offenbare letztlich nur die eigene Bedeutungslosigkeit. Schreiben ist für Najib kein pädagogischer Akt. Er schreibt nicht, um zu klagen oder zu belehren. Er schreibt, weil es etwas auszutragen gilt - mit sich selbst. Schreiben ist für ihn ein egoistischer Akt, im wörtlichen Sinn: eine Bewegung vom Ich aus. Jeder Schriftsteller sei Egozentriker. Doch dieser Egozentrismus schließt Menschlichkeit nicht aus. Im Gegenteil: Schreiben ist zugleich Selbstbefragung und Hinwendung zum Anderen - zu dessen Träumen, Alltag und Brüchen. Schreiben heißt, mehrere Leben neu zu beginnen. Es heißt, zu präzisieren, zu schärfen, sich aufzurichten. Es bedeutet, die eigene Haut zu retten - durch Sprache. Schreiben ist eine geistige Recherche über das Leben, seine Raserei, seine Wut und darüber, was der Mensch erträgt, ohne zu zerbrechen. Es ist der Versuch, die Welt auszusprechen - mitten im Lärm.

Najib widmet viele seiner Texte der allgegenwärtigen Mittelmäßigkeit. Die Menschen hätten Geschmack, sagt er. Sie schätzten Qualität, großes Kino, echtes Theater, gute Musik. Dennoch setze sich oft das Schlechte durch. Je geringer die Qualität, desto größer der Erfolg. Dummheit werde zur Norm und zur vermeintlichen kreativen Form. Ein Volk, das keine Qualität hervorbringt, ignoriere sich selbst. Bald bleibe kein Raum mehr für jene, die den Menschen erheben und einer immer hässlicher werdenden Welt noch Schönheit entgegensetzen wollen.

Lesen auf der Bank von I Odyssee Belle auf unsplash

Kultur im edlen Sinn mache Angst. Ein gebildetes Volk lasse sich nicht manipulieren, stelle Fragen, fordere Rechenschaft, entlarve Lügen. Es baue Zukunft - im Interesse der Gesellschaft, des Landes und seiner internationalen Ausstrahlung. In seinen politischen Büchern analysiert Najib die „Geografien der Angst“: Angst vor Ignoranz, vor Freiheit, vor Veränderung, vor jungen Menschen und Frauen, vor Kultur als Entwicklungsfaktor. Angst vor politischer Leere, vor Entfremdung zwischen Regierenden und Bevölkerung, vor ideologischen Heilsbringern aus einer anderen Zeit. Diese Analyse spiegelt reale Spannungen zwischen Reformwillen und gesellschaftlicher wie administrativer Trägheit wider.

Ein besonders prägendes Kapitel seines Lebens ist seine schwere Covid-19-Erkrankung. Najib war dem Tod nahe. Innerhalb kurzer Zeit verlor er massiv an Gewicht, sein Körper wurde von der Krankheit aufgezehrt. Ärzte hatten ihn aufgegeben. Und doch kehrte er zurück. Für ihn ist diese Erfahrung eine der größten Lektionen seines Lebens - eine Prüfung, eine zweite Chance. Er spricht von Gelassenheit angesichts des Endes, von Humor im Angesicht des Todes, von der bewussten Weigerung, aufzugeben. Leben, sagt er, sei stärker als Krieg. Die Konsequenz daraus ist radikal: alles Überflüssige streichen. Fassaden meiden. Gewissheiten hinterfragen. Den Geist freihalten. Weitergehen. Zeit nicht vergeuden. Leben ernst nehmen.

Filmaufnahme von Brands People auf unsplashNeben seiner literarischen Arbeit gründete Najib einen Verlag und initiierte eine groß angelegte Leseinitiative. Feldstudien zeigten, dass viele Schulen über keine Bibliotheken verfügen und zahlreiche Jugendliche keinen Zugang zu Büchern haben. Bücher wurden verteilt, Hausbibliotheken angeregt, Lesen als Schutzraum verstanden. Lesen ist nicht nur Bildung, sondern auch ein Mittel gegen soziale Marginalisierung und ideologische Radikalisierung.

Heute arbeitet Najib an Spielfilmen, einer internationalen Serie und an Dokumentarprojekten. Gedreht wird in Afrika, Europa, im Nahen Osten und in den USA. Ziel ist es, tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen sichtbar zu machen. Für Najib ist dies Schreiben mit anderen Mitteln - und eine konsequente Fortsetzung seiner Haltung.

Dr. Imane Kandili 
Übersetzung aus dem Französischen