Warum Angst heute eine der wertvollsten Ressourcen geworden ist
Angst gehört zu den ältesten menschlichen Gefühlen. Sie schützt, warnt und hilft beim Überleben. Doch in der modernen Welt hat sie eine neue Rolle erhalten. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, beeinflusst Entscheidungen und wird zunehmend zu einer Ressource, mit der Politik, Medien, Wirtschaft und digitale Plattformen arbeiten. Abdelhak Najibs Überlegungen führen zu einer unbequemen Frage: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Angst zu ihrem wichtigsten Antrieb wird?

Kaum ein Gefühl prägt menschliches Handeln so nachhaltig wie Angst. Seit den Anfängen der Menschheit war sie Warnsignal, Schutzmechanismus und Überlebensinstinkt zugleich. Ohne sie hätten unsere Vorfahren viele Gefahren nicht überstanden. Sie schärfte die Sinne, beschleunigte Entscheidungen und erhöhte die Chancen, in einer unberechenbaren Welt zu bestehen.
Doch in der modernen Welt hat sich ihre Funktion gewandelt. Was einst vor unmittelbaren Gefahren schützte, wirkt heute oft weit über die eigentliche Bedrohung hinaus. Die meisten Menschen müssen nicht täglich um ihr physisches Überleben kämpfen, und dennoch scheint Angst allgegenwärtiger denn je. Sie begegnet uns in Nachrichten, politischen Debatten, sozialen Netzwerken und wirtschaftlichen Prognosen. Kaum vergeht ein Tag ohne Warnungen vor Krisen, Konflikten oder drohenden Katastrophen.
Der marokkanische Schriftsteller Abdelhak Najib beschreibt dieses Phänomen als eine Entwicklung, in der Angst längst mehr geworden ist als ein menschliches Gefühl. Sie ist zu einer gesellschaftlichen Kraft geworden, die Aufmerksamkeit bündelt, Verhalten beeinflusst und ganze Systeme antreibt. Dabei geht es nicht darum, ob die jeweiligen Bedrohungen real sind. Viele sind es zweifellos. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, Umweltprobleme oder geopolitische Spannungen sind keine Erfindungen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum besitzt Angst heute eine derart außergewöhnliche Wirkungskraft?
Die Antwort liegt in einem Mechanismus, der tief in der menschlichen Natur verankert ist. Das Gehirn reagiert auf mögliche Gefahren schneller und intensiver als auf beruhigende Nachrichten. Wer eine Bedrohung wahrnimmt, schenkt ihr automatisch mehr Aufmerksamkeit als positiven Entwicklungen. Was einst ein evolutionärer Vorteil war, prägt heute ganze Informationssysteme.
Medien und digitale Plattformen kennen die Macht dieses Mechanismus. Dramatische Schlagzeilen ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als positive Nachrichten, Warnungen verbreiten sich schneller als Entwarnungen. In sozialen Netzwerken verstärken Algorithmen diesen Effekt zusätzlich. Inhalte, die Empörung, Besorgnis oder Unsicherheit auslösen, werden häufiger geteilt und kommentiert als differenzierte Analysen. So entsteht ein Kreislauf, in dem die Logik der Aufmerksamkeit die Logik der Erkenntnis zunehmend verdrängt. Darin liegt eines der großen Paradoxe unserer Zeit. Noch nie verfügten so viele Menschen über Wissen, Bildung und technische Möglichkeiten. Noch nie waren Informationen so leicht zugänglich. Und dennoch wächst vielerorts das Gefühl, von Krisen und Gefahren umzingelt zu sein.
Dieses Gefühl bleibt nicht ohne Folgen. Wer Angst hat, sucht Sicherheit. Wer verunsichert ist, greift eher zu einfachen Antworten. Wer sich bedroht fühlt, ist oftmals bereit, Freiheiten gegen das Versprechen von Schutz einzutauschen. Genau hier liegt einer der zentralen Gedanken Abdelhak Najibs. Angst ist nicht nur ein individuelles Gefühl. Sie besitzt eine soziale Dimension. Sie kann Gemeinschaften mobilisieren, aber ebenso lähmen. Sie kann Menschen zum Handeln bewegen, sie aber auch dazu verleiten, ihre eigene Urteilsfähigkeit aus der Hand zu geben. Gleichzeitig wäre es zu einfach, Angst ausschließlich negativ zu betrachten. Die Furcht vor Krankheiten hat medizinische Fortschritte hervorgebracht. Die Sorge um die Umwelt hat ökologische Bewegungen entstehen lassen. Die Schrecken der Kriege des 20. Jahrhunderts führten zur Gründung internationaler Institutionen und zu neuen Formen der Zusammenarbeit. Entscheidend ist daher nicht die Existenz von Angst, sondern die Art und Weise, wie Gesellschaften mit ihr umgehen.
Wird Angst zum Ausgangspunkt von Verantwortung und Problemlösung, kann sie produktiv wirken. Wird sie dagegen dauerhaft kultiviert und zur dominierenden Perspektive auf die Welt gemacht, entsteht ein Klima permanenter Verunsicherung. Besonders problematisch wird es dort, wo Angst zur Ware wird. Dann entsteht ein Markt der Verunsicherung, auf dem Bedrohungen Aufmerksamkeit erzeugen und Aufmerksamkeit in Einfluss, Reichweite oder wirtschaftlichen Nutzen verwandelt wird. Je größer die Sorge, desto größer die Nachfrage nach Orientierung, Schutz und vermeintlichen Lösungen. Angst wird zur Ressource einer Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften in solchen Situationen immer wieder vor einer grundlegenden Entscheidung stehen. Wollen sie sich von ihren Ängsten leiten lassen oder von ihrer Fähigkeit zur Vernunft? Wollen sie Risiken nüchtern einschätzen oder sich von ihnen beherrschen lassen?
Die Antwort auf diese Frage entscheidet letztlich darüber, wie frei eine Gesellschaft bleibt.
Genau auf diesen Punkt lenkt Abdelhak Najib den Blick. Nicht jede Sorge ist unbegründet, nicht jede Bedrohung eingebildet. Doch zwischen Wachsamkeit und Angst verläuft eine feine, aber entscheidende Grenze. Die eine schärft den Blick für die Wirklichkeit, die andere verengt ihn. Je stärker Unsicherheit zur beherrschenden Perspektive wird, desto größer wird die Versuchung, Sicherheit über Freiheit zu stellen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, jede Gefahr zu beseitigen - ein unmögliches Unterfangen -, sondern ihr den Platz zuzuweisen, der ihr zusteht.
Freiheit entsteht nicht dort, wo Gefahren verschwinden. Freiheit entsteht dort, wo Menschen ihnen mit klarem Blick begegnen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Denn Angst mag ein mächtiger Begleiter sein. Gefährlich wird sie erst dann, wenn sie beginnt, unser Denken zu lenken, unsere Entscheidungen zu bestimmen und unseren Blick auf die Welt zu verengen.