Im Gespräch mit Prof. Dr. Jalid Sehouli

Literatur wird heute auch als Mittel zur Bewältigung von Krankheit und zur Stärkung des Immunsystems eingesetzt.

 

Prof. Dr. Jalid SehouliAuszug aus einem Interview mit Prof. Dr. Sehouli, geführt vom Journalisten Brahim Oubaha. Das Interview erschien erstmalig im Dezember 2020 im Magazin “TIMA”.

Sie sind Hochschulprofessor, Gynäkologe und Onkologe. Sie schreiben wissenschaftliche Beiträge und halten Vorträge. Trotz der großen medizinischen Aufgabe, die Sie zu bewältigen haben, nehmen Sie sich dennoch Zeit für Belletristik und für zivilgesellschaftliche Initiativen. Sie sind Autor u.a. von zwei Büchern, die in der Heimat Ihrer Eltern Marokko spielen.

Wie ist Ihrer Meinung nach der Einfluss von Kultur, Kunst, Literatur und Musik bei der medizinischen Behandlung der Patient*innen zu bewerten?

Wissenschaftler, Arzt und Schriftsteller zu sein, klingt auf den ersten Blick seltsam, ist aber gar nicht so unterschiedlich wie es scheint. All diese Berufsgruppen nutzen die Sprache als Instrument, um in eine Beziehung zu treten, in eine Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen. Die Literatur begann damals, vor mehreren Jahrtausenden, mit Sprechen und nicht mit Schreiben. Die Worte in der Literatur sind insbesondere auf die Geschichtenerzähler zurückzuführen. Deswegen ist das Geschichtenerzählen auch als Teil der gesundheitlichen Aufklärung in der heutigen medizinischen Ausbildung wieder eingeführt worden (story telling). So wurde auch das Wissen von Ibn Sina und anderen wissenschaftlichen Gelehrten nicht nur durch ihre bedeutenden Werke, sondern auch durch Reden und Gespräche weitergetragen. Für mich persönlich ist die Literatur ein ideales Instrument, um mich selbst zu reflektieren und Abstand zu gewinnen, aber auch, um die Dinge aus einer anderen Perspektiven zu betrachten.

Literatur kann in der Medizin nicht nur zum Lehren und Lernen, sondern auch zur Krankheitsbewältigung und Gesundheitsstärkung beitragen. Das bedeutet, dass man sowohl die Perspektive des/der Patient:in und der Angehörigen als auch die Emotionen, die mit einer Krankheit verbunden sind, darstellt und versteht, um sie dann bei anderen Kommunikationsstrategien berücksichtigen zu können. Das Thema kreatives Schreiben habe ich daher in unserer Klinik, als erster deutscher Universitätsklinik überhaupt, eingeführt, weil Schreiben mir persönlich geholfen hat.

Viele Autoren reisten nach Marokko und wurden inspiriert! War es auch bei Ihnen der Fall? Und wie spiegeln sich Ihre Erlebnisse und Eindrücke in Ihren Werken wider?

Marokko ist ein wunderbares Symbol für Vielfältigkeit, die all unsere Sinne berührt. Nicht nur die Farben, die man sieht, sind gemeint, sondern auch die musikalischen, aber auch die belletristischen Eindrücke, die sich aus dem Ursprung der verschiedensten Kulturen in Marokko zeigen. Mein erstes belletristisches Buch „Marrakesch“ öffnete mein Herz für die Literatur und gab mir die Möglichkeit, mit mir selbst, mit meinem Herzen und meiner Seele in einen Dialog zu kommen. Deswegen kann ich sehr gut verstehen, dass Schriftsteller wie Elias Canetti und viele andere von Marokko, von Marrakesch, aber auch von den anderen Städten inspiriert und motiviert werden, mit sich selbst und mit anderen Menschen in einen künstlerischen Dialog zu kommen.

Ihr Schreibstil erinnert mich an den von Mohammed Choukri. Er schreibt in einer sehr direkten Sprache.

Ja, die Literatur von Choukri hat mich sehr inspiriert. Leider bin ich ihm selbst nie begegnet, kenne aber zum Glück viele Menschen in Tanger, die ihn sehr gut kannten und mir viel über ihn berichteten. Mich hat beim Schreiben meiner Geschichten besonders bestärkt, dass es in seinen Werken nicht nur um die Wahrheit, die Authentizität, Direktheit und die Kunst der Melodie der Sprache, sondern auch um die Botschaft, die Ehrlichkeit der Emotionen und Gedanken geht.

Und das ist das, was auch ich versuche, in meinen Büchern anzusprechen. Dass man Emotionen anspricht, ohne sie dem Leser exakt zu erklären, sie einfach wirken lässt und der Leser auch seine Gedanken und Gefühle in meine Geschichten hereintragen kann. Man muss nicht immer allen die Welt erklären, aber ihnen, den Lesern, vielleicht helfen, sie anders wahrzunehmen, anders zu sehen und sie ermutigen, den Dialog mit anderen Menschen zu suchen.

Könnten wir sagen, dass Ihre Werke „Marrakesch“ und „Und von Tanger fahren die Boote nach irgendwo“ zur deutschsprachigen maghrebinischen Literatur zählen?

Jalid Sehouli auf Jamaa ElfnaIch denke, dass ich zu einer neuen Ära der dritten Generation der Literatur gehöre und diese mitgestalten möchte. Und das hat mir auch Taher Benjelloun vor einigen Jahren bei seinem Besuch in Berlin so gesagt, dass ich ein Vertreter der neuen Generation bin. Es gab den Marokkaner in Marokko, den Marokkaner, der dann im Ausland geschrieben hat. Ich bin der Marokkaner, der in einem anderen Land geboren ist, alle gehören irgendwie zusammen, haben aber alle ihren eigenen Charakter. Jedes dieser Werke hat natürlich seine eigene literarische Qualität und Melodie und ist eine Bereicherung in der belletristischen Welt.

Ihre Bücher wurden auch ins Arabische übersetzt und auch Lesungen mit der arabischen Übersetzung wurden organisiert. Welchen Eindruck haben Sie von der arabisch-sprechenden Leserschaft bekommen?

Die Gespräche mit der Leserschaft bei meinen Lesungen in Tanger, Marrakesch, Rabat und Casablanca haben mich sehr beeindruckt und haben mich auch bei meinen neuen Geschichten beeinflusst, denn als Berliner Junge mit marokkanischen Genen hatte ich lange Jahre keine direkte Verbindung zur literarischen Gemeinschaft in Marokko. Jetzt genieße ich die vielen Dialoge und freue mich über das positive Feedback meiner inzwischen auch ins Arabische übersetzten Bücher.

 

Ich hoffe schon, dass ich auch die deutsche Literaturwelt bereichert habe, zumindest versuche ich es.

   

Die neue Weltliteratur hat große Autor*innen hervorgebracht. Und viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Haben solche Autoren*innen wie Sie die deutsche Literatur auch bereichert?

Nicht nur thematisch, sondern auch in der Art, wie sie mit dem Kulturmix umgehen und ihn in die deutsche Kultur einbringen, und vor allem wie sie die beiden Kulturen miteinander verschmelzen, indem sie ihre eigenen Lebensgeschichten und Traditionen integrieren.

Ich hoffe schon, dass ich auch die deutsche Literaturwelt bereichert habe, zumindest versuche ich das. Ich war glücklich, dass das Goethe-Institut in Marokko mich als deutschen Vertreter bei der internationalen Buchmesse in Casablanca ausgewählt hatte und wir jetzt gemeinsam viele Podcasts entwickeln und dass ich auch hier in Deutschland eine wunderbare Möglichkeit habe, mich literarisch zu präsentieren und somit auch Deutschland für mich neu entdecken zu können.

Sie sind ein Vermittler zwischen den Kulturen und Brückenbauer nicht nur durch die Literatur, sondern auch durch Ihre wissenschaftliche Tätigkeit und Ihr soziales Engagement. Sie haben Projekte in Deutschland und Marokko initiiert, geleitet und sich bei einigen auch selbst eingebracht.

Wie sehen Sie die Wichtigkeit des akademischen und wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Marokko, und wie beurteilen Sie den kulturellen Dialog zwischen Autor*innen und Schriftsteller*innen der beiden Länder?

Gerade jetzt in der aktuellen angespannten politischen und gesellschaftlichen Gesamtsituation wird klar, wie wichtig die globale Zusammenarbeit ist. Ich bin sehr stolz, dass ich Projekte mit verschiedenen Ländern habe, um die klinische und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu stärken. Ich habe beispielsweise ein großartiges Projekt, welches von der GIZ und dem Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird, bei dem wir sowohl mit Marokko als auch mit Mali versuchen die besten Therapiekonzepte für Patienten mit Krebserkrankungen zu finden. Ich denke, es ist mehr als wichtig, dass die kulturelle Zusammenarbeit gestärkt und intensiviert wird. Ich bin absolut dafür, existierende Barrieren abzubauen. Die kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit ist von größter gesellschaftlicher Bedeutung, um einen globalen Perspektivenwechsel zu erreichen. Dafür setze ich mich ein und bin auch dankbar, dass ich von Deutschland aus und auch von Marokko unterstützt und bestärkt werde.

 

Ich verrate Ihnen gerne ein paar Einzelheiten zu meinem nächsten Buch.

   

Uns würde brennend interessieren, ob Sie an einem neuen belletristischen Werk arbeiten, und wenn ja, worum es in diesem Werk geht?

Ich verrate Euch gerne ein paar Einzelheiten aus meinem nächsten Buch. Es wird eine wunderbare Geschichte sein, die einen Menschen, Karim aus Tanger, beschreibt, der Streit mit seinem Vater hat. Eines Tages muss er als französischer Legionär zu einem der letzten deutsch-französischen Kriegsschauplätze im 2. Weltkrieg. Im frühen Morgengrauen streift er durch die Wälder, begegnet dort einem schwerverwundeten deutschen Soldaten und gibt ihm sein letztes Wasser. Der Soldat, Hans, schenkt ihm zum Dank seine Erkennungsmarke und bittet ihn, sein Leben weiterzuführen. Karim beerdigt den deutschen Soldaten, nimmt seine Identität an und wird als Patient in die Charité gebracht, wo Karim alias Hans nun Deutschland kennenlernt und die deutsche Sprache erlernt. Mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Brahim Oubaha

Brahim Oubaha

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