Der Barbier von Fès - eine Legende zwischen Vergangenheit und Gegenwart
In den Gassen von Fès war der Barbier weit mehr als ein Handwerker: Heiler, Vertrauter, Zeremonienmeister, Chronist des Alltags. Zwischen Spiegeln, Scheren und Gerüchten verdichteten sich urbane Erinnerung, Volksweisheit und literarischer Mythos.

Sein Laden besaß eine leuchtende, fast magische Präsenz zwischen den Werkstätten und Geschäften von An-Nekhhaline im al Andalus-Viertel. Ein Geschäft von vollkommener Schönheit und verborgenem Geheimnis, ein kunstvolles Meisterwerk aus Stil und Fantasie, geschaffen von der Hand eines versierten Schreiners. Seine Wände aus Holztafeln, seine Nischen erfüllt von Licht und üppigem Duft. Eine Holztür, geschmückt mit Ornamenten, Linien und leuchtenden Bildern, überragt von einer herabhängenden Weinranke, die ihren Schatten über Tür und Gasse warf.
Wenn sich die Tür öffnete, führte sie in einen weiten, quadratischen Raum mit gegenüberliegenden Sitzbänken für die Kunden - wie Throne von Sultanen -, einem Kristallspiegel und einem gepolsterten Friseurstuhl, der von Wohlstand und dem Überfluss einer einst glanzvollen Zunft erzählte.
Dieses Kunstwerk - der Laden - ist verschwunden. Die Zeit hat ihn verschluckt, wie so viele andere künstlerische Spuren von Berufen, von denen die Stadt nur noch Namen bewahrt: n-Niyarine, al-Mesch‘schaten, as-Seqqaten, al-Mjadliyen (Garn-Vorbereiter, die Kammmacher, die Schlossmachern, die Borten- und Gürtelhersteller - und andere Märkte, deren Geheimnisse verloren gegangen und die nur ihre Namen geblieben sind.
So wie die Erinnerung der Tage dieses Kunstwerk dem Vergessen übergab, verbarg sie auch die Weinranken aus der ganzen Stadt, die einst wie ein aufrechter Wächter am Eingang des Barbiers von En-Nekhhaline standen - ein klingendes Sinnbild für die Harmonie und das Zusammenleben von Mensch und Natur, von Vögeln, Insekten und Reptilien.
Vom Laden blieb nichts außer der Erinnerung an einen Beruf, der in dieser labyrinthartigen Stadt fest verankert war, getragen von Namen, deren Scheren wie strahlende Fahnen galten, etwa die Familien Ben Massoud und Miara. Sie beschnitten bis weit in die 1980er-Jahre hinein drei Viertel der Kinder der Altstadt von Fès. Ihre Namen wurden zu Legenden, umwoben von Nachrichten, Erzählungen und Geschichten, die aus der Natur eines Berufs hervorgingen, der in vielen Teilen der Welt eine fast mythische Stimme und Ausstrahlung besitzt.
Der Name des Barbiers war nicht nur mit dem Schneiden und Frisieren von Haaren verbunden, sondern auch mit dem Aderlass und dem Schröpfen. Daher rührt im marokkanischen Alltagsgebrauch auch seine Bezeichnung als Hajjam (Schröpfer).
Früher war der Barbier oder Hajjam mit vielfältigen Fähigkeiten und Künsten verbunden: ästhetische wie das Frisieren der Haare, das Binden und Drapieren derselben um die Schirmmütze für Wohlhabende und Angehörige der Mittelschicht - später auch das kunstvolle Binden der Krawatte, ob lang oder als Fliege.
Andere Tätigkeiten waren medizinischer Natur, etwa das Ziehen von Zähnen und Backenzähnen, das Einblasen von Hanfrauch (Kif) über die Wasserpfeife - umgekehrt angesetzt - bei kranken Kindern oder solchen, die vom „bösen Blick“ betroffen waren, oder das Verbinden von Wunden. Hinzu kamen soziale Aufgaben: die Rolle eines Organisators von Festen, Hochzeiten und Beschneidungsfeiern. Er übernahm die Funktion eines Kellners bei der Verteilung von Speisen und Getränken in Abstimmung mit den Köchinnen - lange bevor es professionelle Eventagenturen gab. Er war zudem eine Vertrauensperson für Heiratswillige aus dem Viertel, von der Wahl der Braut über die Vorbereitung des Bräutigams in der Hochzeitsnacht bis hin zur Lösung heikler Situationen, falls es in der Hochzeitsnacht zu Problemen kam. Und schließlich hatte er eine mediale Funktion: Er war eine lebendige Nachrichtenagentur für die Ereignisse des Viertels.
Der Barbiersalon war ein Sammelpunkt für Nachrichten, Begebenheiten und tägliche Geschehnisse des Viertels - gute wie schlechte, süße wie bittere, wahre wie erfundene. Er war auch ein indirekter Vermittler, an den sich der Vertreter der Behörden (der Mqaddem) wandte, wenn sich ein unerfreulicher Vorfall ereignete.
Selbst wenn der Barbier unter den Handwerken keinen hohen Rang einnahm, so senkten sich doch die Köpfe vor ihm, und Groß wie Klein kamen zu ihm - freiwillig oder gezwungen. Er besaß die Fähigkeit, seine Kunden in eine Art magnetischen Schlaf zu versetzen: Sobald der Kunde ihm die Führung überließ, verspürte er eine Entspannung, die ihn den Lauf der Zeit und das Ticken der Uhren vergessen ließ.
Gleichwohl hafteten dem Barbier der Ruf der Geschwätzigkeit und der Neugier an. So sollen die Pharaonen, wenn ihr König starb, dessen Barbier mit ihm begraben haben - angeblich, damit er sich im Jenseits um die Schönheit des Pharaos kümmere, oder vielleicht auch, damit das Geheimnis des Königs mit ihm begraben bleibe. Die Griechen hingegen betrachteten jemanden mit dichtem Haar und besonders langem Bart als Weisen, weil er aus Abscheu vor der Geschwätzigkeit den Gang zum Barbier mied.
Trotz all der Eigenschaften und Bezeichnungen, die die Figur des Barbiers begleiteten - Neugier und Wissbegier -, spielte sie in der Welt- und arabischen Literatur eine bedeutende Rolle. Sie lieferte reiches Material für zahlreiche Erzählungen und Geschichten. Die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht waren wegweisend, insbesondere mit der melodramatischen Figur des Barbiers von Bagdad, genannt „der Schweigsame“ - eine komische, übermäßig redselige Gestalt, hilfsbereit selbst ohne Gegenleistung, neugierig und durch diese Neugier ständig in große Schwierigkeiten verwickelt, aus denen sie sich jedoch mit Witz und Lebendigkeit befreit - wie ein Haar aus dem Teig.
Diese Figur inspirierte viele Kreative: Der ägyptische Dramatiker Alfred Farag schrieb 1964 sein Theaterstück Der Barbier von Bagdad in zwei Teilen, basierend auf Tausendundeiner Nacht und auf Al-Dschahiz’ Werk Die Vorzüge und Gegensätze.
Auch der französische Autor Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais schöpfte 1775 aus dieser Figur für seine berühmte Trilogie Der Barbier von Sevilla, Die Hochzeit des Figaro und Die schuldige Mutter. Es ist die Geschichte eines Barbiers, der durch seine Klugheit ein schönes, reiches Mädchen aus der Gewalt ihres alten Vormunds rettet. Der deutsche Komponist Wolfgang Amadeus Mozart vertonte 1786 den zweiten Teil dieser Trilogie in der Oper Die Hochzeit des Figaro. Doch die Oper Der Barbier von Sevilla, komponiert 1816 vom Italiener Gioachino Rossini, erlangte eine noch größere Berühmtheit als alle anderen von dieser Figur inspirierten Werke.
Die Figur des Barbiers beschränkte sich nicht auf das Theater, sondern trat auch in die Welt des Films ein - in Gestalt des wohl berühmtesten Barbiers der Kinogeschichte: jenem, der dem Diktator Adolf Hitler ähnelt und von Charlie Chaplin im Film Der große Diktator (1940) gespielt wurde, in einer Doppelrolle. Ein jüdischer Barbier wird gezwungen, die Rolle des Diktators zu übernehmen und ersetzt ihn bei einer großen Zeremonie, während dieser betrunken abwesend ist. Auch der Barbiersalon im ersten Teil der unsterblichen Filmtrilogie Der Pate (1972) von Francis Ford Coppola diente als Schauplatz für blutige Abrechnungen.
Das Thema des Barbiers blieb auch den marokkanischen Kulturschaffenden nicht fern: So schrieb Yusuf Fadel in den 1970er-Jahren sein erstes Theaterstück „Der Barbier der Armenstraße“, das von der Theatertruppe „al-Bassim“ aufgeführt wurde. Der inzwischen verstorbene Regisseur Mohammed Ar-Rukkab verfilmte es 1982 unter demselben Titel. Doch die Figur des Barbiers schöpft dieses Mal nicht aus der Quelle des Barbiers von Bagdad aus „Tausendundeiner Nacht“, und auch nicht aus dem Barbier von Sevilla, sondern aus den Anliegen, Konflikten und Alltagsproblemen der Bewohner der „Armenstraße“ in Casablanca. Ebenso trat die Figur des Schröpfers/Barbier-Heilers (ḥajjām) in dem Theaterstück „Sidi Kaddour al-Alami“ von Abdessalam Chraibi in besonderer, bemerkenswerter Weise hervor.
Der Hajjam nahm zudem einen starken Platz in der Volksliteratur ein. Dichter des Malhoun schufen ihm ein bleibendes Denkmal. In ihren Gedichten erscheint er nicht nur als Friseur oder Meister des Schröpfens, sondern als Künstler der Tätowierkunst. Zu nennen sind unter anderem Mohammed Ibn Ali Al-Omrani, Mohammed Ben Moussa, Thami Al-Mdeghri und Hamoud Ben Driss As-Soussi.
Doch auch der Hajjam blieb nicht verschont von Spott und Verdacht, wie es die Sprichwörter der Menschen bewahren. „Fällt das Minarett,“ heißt es, „so legt man dem Barbier die Schuld dafür auf.“ Ein Bild für die Leichtigkeit, mit der Verantwortung auf jene abgewälzt wird, die am wenigsten Schutz genießen. Und ebenso bitter-ironisch klingt die Redensart: „Sie lernten das Friseurhandwerk an den Köpfen der Waisen“ – ein leiser Hinweis auf eine Kunst, die ohne Schonung und ohne Rücksicht erprobt wurde.
Auch die Volkserzählung trug ihren Teil dazu bei, zahlreiche Geschichten hervorzubringen, deren Held der Barbier ist. So etwa die Geschichte vom König, der nur drei Haare auf dem Kopf hatte. Er ließ nach einem Barbier verlangen, der von großer Verschwiegenheit und wenigen Worten war. Als dieser jedoch vom Geheimnis des Königs erfuhr und es – seiner geschwätzigen Natur folgend – nicht vermochte, es für sich zu behalten, trotz der Drohung des Königs, ihm den Kopf abzuschlagen, falls er es preisgebe, grub er eine Grube und sprach all das hinein, was ihm schwer auf der Brust lag, und bedeckte sie wieder mit Erde. Nach einiger Zeit sprossen aus der Stelle drei Schilfrohre. Ein Schafhirte kam vorbei und fertigte aus einem davon eine Flöte. Jedes Mal, wenn er darauf spielte, erklang daraus eine Stimme, die sagte: „Der König ist kahl.“ So gelangte das Geheimnis zu allen Menschen.
Eine weitere heitere Erzählung mit Wurzeln in der griechischen Mythologie berichtet, dass König Midas einst als Schiedsrichter bei einem Wettstreit im Musizieren, Apollo zum Verlierer erklärte. Aus Rache verwandelte Apollo die Ohren des Königs in Eselsohren. Doch auch hier war der Barbier des Königs außerstande, das Geheimnis zu bewahren. Er begab sich zu einem Berg, grub eine Grube und vertraute ihr sein Geheimnis an, dann bedeckte er sie wieder. Nach einiger Zeit wuchs aus der Grube Schilfrohr. Und sooft der Wind aufkam und die Halme bewegte, gaben sie einen Laut von sich, der das Geheimnis des Königs verriet. So erfuhren die Bewohner der Stadt, dass König Midas Eselsohren hatte.
Der Barbier von Fès ist verschwunden, und mit ihm verschwand auch jenes wunderbare kunsthandwerkliche Kleinod – sein alter Laden in der Straße En-Nekhhaline. Doch geblieben ist die Treue zum Barbier- und Schröpferhandwerk. An ihrer Spitze stehen die Vereinigung des Friseurhandwerks, der Kosmetik und der Wohltätigkeit von Fès sowie die Islamische Wohltätigkeitsorganisation, die jedes Jahr im Herbst das Fest von Sidi Ali Boughaleb (lebte im 13. Jahrhundert) begehen. Bei dieser Gelegenheit werden die Söhne armer Familien beschnitten - aus der Stadt wie vom Land. Es handelt sich um eine Tradition, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Denn Abu al-Hassan Ali, bekannt als Abu Ghaleb, gilt als Schutzheiliger der Friseure von Fès und als ihr geistiger Vater. Er ist in Ras al-Qli‘a bei Bab Ftouh, einem der Zugänge zum Viertel al Andalus, begraben.
Trotz all der Geschichten, Zuschreibungen und Etiketten über Barbiere und Schröpfer muss man anerkennen, dass sie über eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung verfügen - sei es an neue Frisuren oder internationale Modetrends. Sie besitzen Schlagfertigkeit, situatives Gespür und die Gabe, Vertrauen zu gewinnen. Das macht sie zu Menschen, die in ihrem Umfeld harmonisch eingebettet sind, Freundschaften pflegen und nur selten Feinde unter ihren Nachbarn haben. Denn jeder Mensch - wie groß er auch sei oder welchen Rang er bekleide - wird eines Tages kommen und den Kopf vor ihrer Schere neigen.