Wer entwickelt Marokkos KI? Über Technologie, Souveränität und Frauen
Marokko baut eigene KI-Strukturen, Forschungszentren und Sprachmodelle für Arabisch, Darija und Amazigh auf. Doch hinter jeder künstlichen Intelligenz stehen Menschen, die Daten auswählen, Algorithmen entwickeln und damit prägen, welche Wirklichkeit sie abbildet. In Marokko nehmen dabei bereits Frauen wichtige Positionen ein – und rücken eine entscheidende Frage in den Mittelpunkt: Wer entwickelt Marokkos KI?

Eine der zentralen Personen ist eine Frau: Amal El Fallah Seghrouchni. Die heutige Ministerin für digitalen Wandel und Verwaltungsreform kommt selbst aus der KI-Forschung. Sie gründete an der Mohammed VI Polytechnic University (UM6P) das Moroccan International Center for Artificial Intelligence – AI Movement und leitete es, bevor sie in die Regierung wechselte. Heute verantwortet sie politisch die Roadmap „Maroc IA 2030“.
Das ist mehr als ein biografisches Detail. Denn Frauen sind weltweit an der Entwicklung künstlicher Intelligenz unterrepräsentiert – und die Lücke wird größer, je näher man an technische Entwicklung und Entscheidungsebenen heranrückt. In Marokko steht dagegen eine KI-Wissenschaftlerin an der Spitze der nationalen Strategie.
Wer baut die Systeme?
Marokkos KI wird nicht von einer einzelnen Institution entwickelt. Rund um Staat, Hochschulen, Forschungszentren und Unternehmen entsteht ein Netzwerk. Eine zentrale Rolle spielt weiterhin AI Movement an der UM6P. Dort werden KI- und Data-Science-Lösungen unter anderem für Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung und Industrie entwickelt. Mit Lamiae Azizi, Direktorin des AI-ARC an der UM6P, sowie Forscherinnen wie Houda Benbrahim und Boutaina Hdioud an der Mohammed-V.-Universität sind Frauen auch in der technischen Forschung sichtbar.
Gleichzeitig entstehen die Strukturen für eine eigenständigere KI-Entwicklung. Die vier JAZARI-Institute (Netzwerk spezialisierter KI-Institute) sind inzwischen in die operative Phase übergegangen und sollen Forschung und Anwendungen in Bereichen wie Recheninfrastruktur, Bildung, Industrie und intelligente Städte bündeln. Hinzu kommen eine nationale Data Factory, eine Software Factory sowie Cloud- und Rechenstrukturen. Besondere Bedeutung haben eigene Sprachmodelle. Sie sollen neben Arabisch auch Darija und Amazigh berücksichtigen. Damit berührt KI unmittelbar die Frage technologischer Souveränität: Globale Modelle können eine Sprache technisch verarbeiten und dennoch an ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Wirklichkeit vorbeigehen.
Marokko setzt dabei nicht auf Abschottung. Das Digitalministerium arbeitet mit Mistral AI zusammen; mit dessen Mitgründer Arthur Mensch wurde eine Kooperation bei Ausbildung, Forschung und Wissenstransfer vereinbart. Ein gemeinsames Labor soll auch an KI-Modellen arbeiten. Daneben entwickelt sich eine private marokkanische Szene. Atlas Labs arbeitet mit Kalam an einem arabisch orientierten KI-Assistenten. Bei Kounnach wird die Verbindung zur marokkanischen Lebenswirklichkeit besonders anschaulich: Händler sollen ihre Geschäftsaufzeichnungen über WhatsApp-Sprachnachrichten auf Darija führen können.
Und welche Rolle spielen Frauen?
| Quellen: Ministerium für digitalen Wandel und Verwaltungsreform, AI Movement/UM6P, ENSIAS/Mohammed-V.-Universität Rabat, UNESCO: African Women in Tech and AI, e-Health Innovation Center, Mohammed-V.-Universität, Intissar Haddiya/Sara Ramdani: Forschung zu KI im Gesundheitswesen, AI in Africa – The Future Cannot Be Written Without Women; Atlas Labs. | |
Hier setzt die marokkanische Medizinerin, Wissenschaftlerin und Autorin Intissar Haddiya mit ihrem Essay „AI in Africa – The Future Cannot Be Written Without Women“ an. Ihre Frage reicht über Marokko hinaus: Wer entwickelt die Systeme, die künftig immer stärker in Wirtschaft und Gesellschaft eingreifen – und wessen Erfahrungen finden Eingang in ihre Daten? Haddiya weist darauf hin, dass Frauen nicht lediglich Nutzerinnen oder Begünstigte künstlicher Intelligenz sein dürfen. Sind sie in Entwicklerteams, Daten und Entscheidungsstrukturen unzureichend vertreten, können bestehende Ungleichgewichte in neue Technologien übertragen werden.
Marokko bietet dabei ein interessantes Bild. Mit Seghrouchni steht eine international erfahrene KI-Wissenschaftlerin an der Spitze der Strategie, weitere Wissenschaftlerinnen sind in Hochschulen und Forschungszentren präsent. Wie groß der Frauenanteil in Entwicklerteams, Start-ups und technischen Führungspositionen insgesamt ist, lässt sich jedoch mangels belastbarer Daten bislang nicht feststellen.
Mit African Women in Tech and AI, getragen von AI Movement, UNESCO und der OCP Foundation, wird diese Frage bereits praktisch aufgegriffen. Das Programm unterstützt 150 Unternehmerinnen aus 35 afrikanischen Ländern beim Aufbau von Kompetenzen in KI und Data Science.
Für Haddiya ist das Thema auch deshalb konkret, weil sie aus der Medizin kommt. KI kann Diagnosen unterstützen, Forschung beschleunigen und Behandlungen verbessern. Sind die zugrunde liegenden Daten jedoch unvollständig oder bestimmte Gruppen darin unzureichend vertreten, können daraus Verzerrungen entstehen.
Auch diese Diskussion hat Marokko erreicht. Das e-Health Innovation Center der Mohammed-V.-Universität in Rabat veröffentlichte 2026 ein Weißbuch über künstliche Intelligenz im marokkanischen Gesundheitswesen und untersucht darin Voraussetzungen für einen ethischen und verantwortungsvollen Einsatz. Damit führt die technische Entwicklung zu einer gesellschaftlichen Frage. Marokko baut Rechenkapazitäten und Datenstrukturen auf, schafft Forschungszentren, entwickelt Anwendungen und arbeitet an eigenen Sprachmodellen. Universitäten bilden Fachkräfte aus, marokkanische Unternehmen entwickeln Lösungen für die eigene Lebenswirklichkeit und internationale Partner bringen zusätzliches Wissen ein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Marokko künstliche Intelligenz nutzen wird. Wer entwickelt Marokkos KI, welche Wirklichkeit bildet sie ab – und wer sitzt mit am Tisch, wenn ihre Regeln geschrieben werden?
Dass einige der sichtbarsten Personen dieser Entwicklung bereits Frauen sind, beantwortet Intissar Haddiyas Frage noch nicht. Es zeigt aber, dass Marokko bei der Suche nach einer eigenen KI auf Strukturen aufbauen kann, in denen Frauen bereits Verantwortung tragen.