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Eine Stimme, die verkauft wird - eine Stimme, die sich rächt

Abdelhak Najib beschreibt einen Mechanismus, der einem deutschen Leser fremd erscheint und ihm doch nähersteht, als er zugeben möchte. In Marokko kostet eine Stimme hundert Dirham, manchmal tausend. Der Kandidat kauft, der Wähler verkauft, und beide wissen, was sie tun. In Deutschland gibt es diesen Handel nicht.

Wenn politische Nähe zur Gegenleistung wird. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Wahlbetrug im klassischen Sinn, organisierter Stimmenkauf an der Wahlurne, ist hier kein politisches Thema. Und doch trifft Najibs eigentliche Diagnose einen Nerv, der auch hierzulande freiliegt: Was tut ein Wähler, der überzeugt ist, seine Stimme verändere ohnehin nichts? In Marokko lautet die Antwort: verkaufen. In Deutschland lautet sie: strafen.

Der Aufstieg der AfD lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen, aber ein Motiv taucht in Umfragen und Wählerbefragungen der vergangenen Jahre immer wieder auf: das Gefühl, von den etablierten Parteien nicht mehr gehört zu werden. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern, wo die AfD inzwischen vielerorts zur stärksten politischen Kraft geworden ist, speist sich dieses Gefühl aus einer Erfahrung, die an einen entscheidenden Punkt in Najibs Beschreibung erinnert: an den Eindruck, dass Politik die eigene Lebenswirklichkeit nicht mehr erreicht, und an die daraus entstehende Frage, wozu die eigene Stimme überhaupt noch dient.

Der Unterschied liegt in der Handlung selbst. Najibs Wähler verkauft seine Stimme, um kurzfristig etwas zu gewinnen - Geld, ein Essen, eine Gefälligkeit. Der AfD-Wähler verkauft seine Stimme an niemanden. Ein Teil ihrer Wähler setzt sie vielmehr ein, um den etablierten Parteien zu zeigen, dass sie nicht länger mit ihrer Zustimmung rechnen können. Die Stimme wird vom Instrument der Zustimmung zum Instrument des Protests. Das ist keine Korruption des Wahlmechanismus, wie Najib sie beschreibt, sondern dessen bewusste Nutzung, um Unzufriedenheit mit dem bestehenden politischen Angebot auszudrücken. Mehrere Landesämter für Verfassungsschutz - in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen - stufen die AfD in diesen Ländern als gesichert rechtsextremistisch ein; die Einstufung auf Bundesebene ist derzeit gerichtlich ausgesetzt. Diese Fakten ändern nichts an der demokratischen Logik der Entscheidung, sie erhöhen nur den Einsatz.

Najibs eigentliche Provokation liegt jedoch tiefer: Wer seine Stimme abgibt, trägt Verantwortung für das, was er mit ihr ermöglicht. Auf die AfD lässt sich dieser Gedanke nicht unverändert übertragen. Wer eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei wählt, begeht keine Transaktion wie der marokkanische Wähler, der seine Stimme gegen einen Geldschein tauscht. Er trifft eine politische Entscheidung, deren Konsequenzen er in Kauf nimmt - oder deren Tragweite er möglicherweise anders bewertet. Das ist etwas anderes als Korruption. Und es ist nicht zwangsläufig Gleichgültigkeit. Es kann Ausdruck einer politischen Entfremdung sein, in der die Stimme weniger Zustimmung formuliert als Widerspruch.

Najibs Schlussgedanke ist einfacher und zugleich stärker: Eine Stimme habe keinen Preis, sondern einen Wert. In Marokko wird dieser Wert dort beschädigt, wo die Stimme zur Ware wird. In Deutschland kann er dort verloren gehen, wo der Stimmzettel vor allem noch dazu dient, Enttäuschung und Protest auszudrücken.

Die Situationen sind nicht gleich. Aber sie berühren dieselbe demokratische Frage: Was geschieht, wenn Menschen nicht mehr daran glauben, dass ihre Stimme auf gewöhnlichem Wege etwas bewirken kann?

In Marokko kann eine solche Stimme verkauft werden. In Deutschland kann sie zur Proteststimme werden. In beiden Fällen wäre es zu einfach, allein auf den Wähler zu zeigen. Denn politische Verantwortung beginnt nicht erst in der Wahlkabine. Sie beginnt auch bei Parteien und Institutionen, die dafür sorgen müssen, dass Bürger einen Sinn darin erkennen, ihnen ihre Stimme anzuvertrauen.

Eine Stimme rächt sich nicht, weil sie falsch abgegeben wird. Sie rächt sich dort, wo ihr Wert zu lange unterschätzt wurde.

 

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