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Den Pokal verloren - doch Marokko gewann an Stärke jenseits des Fußballs

Die Finalniederlage Marokkos beim Afrika-Cup der Nationen wurde nicht mit Resignation quittiert, sondern mit Gesängen, Fahnen, Tränen und einer Präsenz, die weit über das Stadion hinausreichte. In Casablanca, Rabat, Paris, Brüssel oder Köln verdichtete sich ein Moment kollektiver Aufmerksamkeit, der sich nicht allein aus dem sportlichen Geschehen erklären ließ.

Stadion Ibn Battouta Tanger, Foto Brahim OubahaGerade weil Marokko als einer der großen Favoriten ins Turnier gegangen war und über weite Strecken überzeugend spielte, wurde das Finale als schmerzhaft erlebt. Und doch war diese Niederlage mehr als ein verpasster Titel. Gerade das Ausbleiben des Pokals eröffnete den Blick auf eine zentrale gesellschaftliche Erkenntnis: Während der sportliche Erfolg ausblieb, formierte sich ein intensives Gefühl gemeinsamer Zugehörigkeit. Der Fußball wirkte in diesem Moment als sozialer Resonanzraum. Öffentliche Plätze verwandelten sich in Orte geteilter Emotionen, die Nationalhymne wurde mit ungewohnter Inbrunst gesungen, nationale Symbole neu aufgeladen. Marokko erschien nicht nur als Staat, sondern als erlebte kollektive Identität.

In der Perspektive von Benedict Anderson (*) lässt sich diese Erfahrung als Ausdruck einer geteilten Gemeinschaft verstehen - einer Gemeinschaft, die nicht auf persönlicher Bekanntschaft beruht, sondern auf gemeinsamen Vorstellungen, medialer Gleichzeitigkeit und emotionaler Verbundenheit. Nationen sind in diesem Sinne keine abstrakten Gebilde, sondern soziale Zusammenhänge, die in bestimmten Momenten verdichtet erfahrbar werden.

Der Afrika-Cup fungierte genau als ein solcher Moment. Unterschiede von Region, Generation oder sozialem Status traten zeitweise in den Hintergrund. Die Nation wurde nicht administriert, sie wurde gelebt - körperlich, emotional, öffentlich. Besonders deutlich zeigte sich diese Dynamik jenseits der Landesgrenzen. Für viele Marokkanerinnen und Marokkaner der Diaspora war das Turnier mehr als ein sportliches Ereignis. Es wurde gar zu einem Anlass, Zugehörigkeit sichtbar werden zu lassen - auch dort, wo sie im Alltag oft brüchig ist oder nicht selbstverständlich anerkannt wird.

Viele Spieler der Nationalmannschaft teilen biografische Erfahrungen mit diesen Gemeinschaften. Sie sind in Europa aufgewachsen, sprechen mehrere Sprachen, bewegen sich selbstverständlich zwischen kulturellen Referenzsystemen. Dass sie sich für das marokkanische Team entschieden haben, verweist auf ein Verständnis von Zugehörigkeit, das nicht an Geburtsort oder formale Staatsangehörigkeit gebunden ist.

Stadion Ibn Battouta Tanger, Foto Brahim OubahaAus soziologischer Sicht lässt sich dieses Phänomen als Ausdruck einer hybriden Identität deuten. Die betroffenen Generationen bewegen sich zwischen Herkunfts- und Aufnahmeländern, zwischen unterschiedlichen Loyalitäten, ohne diese als Widerspruch zu erleben. Lange wurde diese Mehrfachzugehörigkeit vor allem als Problem beschrieben. Die Erfahrungen rund um die CAN zeigen jedoch eine andere Lesart. Besonders symbolisch war die Beobachtung, dass junge Marokkanerinnen und Marokkaner in der Diaspora die Nationalhymne in lateinischer Schrift transkribierten, um sie mitsingen zu können. Zugehörigkeit zeigte sich hier nicht als sprachliche Perfektion, sondern als performativer Akt - als bewusstes Sich-Einschreiben in ein kollektives „Wir“.

Der Soziologe Steven Vertovec (*) beschreibt solche Konstellationen mit den Begriffen Transnationalismus und Superdiversität. Identitäten, soziale Praktiken und Loyalitäten entfalten sich jenseits nationaler Grenzen und lassen sich nicht auf ein einziges Bezugssystem reduzieren. Die Nation erscheint hier nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als-auch - als Möglichkeit, mehrere Lebenswelten miteinander zu verbinden.

Stadion Ibn Battouta Tanger, Foto Brahim OubahaIm Anschluss an Pierre Bourdieu (*) lässt sich der Fußball zudem als ein Raum verstehen, in dem symbolische Anerkennung erzeugt wird. Nationale Symbole, kollektive Emotionen und sportliche Repräsentation schaffen sozialen Sinn und ermöglichen Teilhabe, ohne Assimilation zu verlangen. Für die Diaspora wird diese symbolische Beteiligung zu einer legitimen Form der Zugehörigkeit.

Die kollektive Erfahrung des Afrika-Cups macht deutlich, dass hybride Identität nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Ressource ist. Sie ermöglicht Zugehörigkeit über Grenzen hinweg und schafft emotionale Brücken zwischen Staat, Diaspora und individuellen Lebensrealitäten. Politisch verweist dieser Moment auf die integrative Kraft des Sports. Fußball fungiert hier als transnationaler Kommunikationsraum, in dem nationale Narrative neu verhandelt und erweitert werden. Dass viele Marokkanerinnen und Marokkaner eigens zu den Halbfinal- und Finalspielen reisten, unterstreicht die Tiefe dieses emotionalen Bandes - jenseits klassischer Kategorien von Staatsbürgerschaft oder Sprachkompetenz.

Auch ohne den Pokal bleibt daher ein Gewinn bestehen: die Stärkung eines nationalen Zugehörigkeitsgefühls, das über Staatsgrenzen hinausreicht und die Diaspora nicht als Rand, sondern als integralen Bestandteil der Nation begreift. In einer Welt wachsender Mobilität und pluraler Zugehörigkeiten weist dieser Moment über den Fußball hinaus - als Modell dafür, wie Nation heute gedacht und gelebt werden kann.

Über Dr. Soraya Moket
Übersetzung aus dem Französischen

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(*)

Benedict Anderson (1936-2015) war Politikwissenschaftler und prägte mit seinem Konzept der „geteilten Gemeinschaften“ das moderne Verständnis von Nationen als sozial und symbolisch konstituierte Zugehörigkeitsräume.

Steven Vertovec ist Soziologe und zählt zu den wichtigsten Stimmen der internationalen Migrationsforschung; seine Konzepte des Transnationalismus und der Superdiversität beschreiben komplexe, grenzüberschreitende Lebensrealitäten.

Pierre Bourdieu (1930-2002) war einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts und analysierte gesellschaftliche Machtverhältnisse über Begriffe wie symbolisches Kapital, soziale Felder und Anerkennung.