Bildung, Freiheit und die Zumutung des Denkens
Bildung wird heute häufig organisiert, standardisiert und nach ihrem Nutzen beurteilt. Abdelhak Najib stellt diesem Verständnis ein radikales Gegenmodell entgegen: Lernen heißt, sich allmählich von Abhängigkeiten zu lösen; Denken verlangt die Bereitschaft zum Risiko, und Freiheit erweist sich dabei als eigentliche Bewährungsprobe jeder Erziehung.

In einem weit ausholenden Text über Bildung, Erkenntnis und geistige Freiheit entwirft Abdelhak Najib ein anspruchsvolles Gegenmodell zu jenen Formen der Erziehung, die Wissen vor allem als Anpassung, als Reproduktion bestehender Inhalte oder als bloße Kompetenzvermittlung verstehen. Sein Text bewegt sich bewusst außerhalb tagespolitischer oder institutioneller Bildungsdebatten. Er fragt nicht nach Reformprogrammen oder didaktischen Methoden, sondern nach den Voraussetzungen des Denkens selbst - und nach der Verantwortung jener, die beanspruchen, andere zu bilden.
Im Zentrum steht dabei eine grundlegende Annahme: Erziehung ist nur dann sinnvoll, wenn sie auf geistige Selbstständigkeit zielt. Bildung darf den Menschen nicht an vorgegebene Wahrheiten binden, sondern muss ihn befähigen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Erkenntnis ist in diesem Verständnis kein abgeschlossener Besitz, sondern ein offener Prozess, der Freiheit voraussetzt und zugleich hervorbringt.
Bildung jenseits der Wissensanhäufung
Najib wendet sich entschieden gegen ein Bildungsverständnis, das Lernen als Übertragung eines feststehenden Wissensbestands begreift. Für ihn besteht Erziehung nicht darin, Informationen bereitzustellen, die anschließend reproduziert werden. Bildung erscheint bei Najib nicht als Übertragung eines festen Wissensbestands, sondern als ein Prozess, in dem der Lernende schrittweise die Fähigkeit erwirbt, selbstständig zu urteilen. Erziehung bedeutet in diesem Verständnis nicht, Antworten bereitzustellen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen eigenes Denken möglich wird.
Der Lehrer tritt dabei nicht als Autorität auf, die sich an die Stelle des Lernenden setzt, sondern als Begleiter eines Weges, der letztlich ohne ihn weitergeführt werden muss. Bildung erfüllt ihren Zweck erst dann, wenn sie den Lernenden befähigt, ohne permanente Anleitung auszukommen. Freiheit ist in diesem Zusammenhang kein pädagogisches Zusatzideal, sondern das entscheidende Kriterium gelingender Erziehung.
Der Lehrende
Aus dieser Perspektive gewinnt die Frage nach den Lehrenden eine besondere Schärfe. Najibs Text richtet den Blick weniger auf institutionelle Strukturen als auf die geistige Haltung jener, die Wissen vermitteln. Wer beansprucht zu bilden, muss sich fragen lassen, welche Beziehung er selbst zum Denken hat. Hat er gelernt, zu zweifeln? Hat er erfahren, was es heißt, Gewissheiten zu hinterfragen? Oder reproduziert er lediglich übernommene Muster?
Nicht formale Qualifikationen stehen im Vordergrund, sondern die innere Freiheit des Lehrenden. Wer selbst nie erfahren hat, was geistige Unabhängigkeit bedeutet, kann sie kaum weitergeben. Erziehung erscheint hier nicht als technischer Vorgang, sondern als zutiefst existenzielle Aufgabe, die den ganzen Menschen betrifft.
Wissen, Zweifel und geistiges Risiko
Ein zentraler Gedanke des Textes betrifft das Verhältnis von Wissen und Gewissheit. Najib betont, dass Erkenntnis nicht aus der Absicherung, sondern aus der Bereitschaft zum Risiko entsteht. Denken bedeutet, Hypothesen zu wagen, sie zu prüfen und gegebenenfalls wieder aufzugeben. Gewissheit ist in diesem Prozess nicht Ziel, sondern Zwischenzustand.
In Anlehnung an wissenschaftliche Denkweisen, wie sie etwa Henri Poincaré beschrieben hat, wird deutlich: Hypothesen sind Werkzeuge, keine Dogmen. Sie eröffnen neue Perspektiven, ohne Anspruch auf endgültige Wahrheit zu erheben. Bildung, die diesen Namen verdient, muss genau diese Haltung fördern - die Fähigkeit, vorläufig zu denken, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren.
Najibs Text stellt einen engen Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Verantwortung her. Wissen, das sich von ethischer Reflexion löst, verliert seinen menschlichen Sinn. Bildung geht deshalb über reine intellektuelle Leistungsfähigkeit hinaus: Sie betrifft die Art und Weise, wie der Mensch sich selbst versteht und sich zur Welt verhält. Dabei geht es nicht um moralische Belehrung, sondern um die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen. Denken ohne Gewissen bleibt technisch, Gewissen ohne Denken wirkungslos. Erst im Zusammenspiel beider entsteht Urteilskraft - jene Fähigkeit, die es ermöglicht, sich in komplexen Zusammenhängen orientiert und verantwortlich zu bewegen.
Das gesellschaftliche Umfeld als prägende Kraft
Zugleich macht der Text deutlich, wie sehr Bildung von den sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen abhängt. Lernen vollzieht sich nie isoliert. Normen, Konformismen und unausgesprochene Erwartungen prägen das Denken oft stärker als formaler Unterricht. Najib macht deutlich, dass Bildung zur Freiheit an ihre Grenzen stößt, wenn Kinder im Alltag erfahren, dass Anpassung belohnt und eigenständiges Denken sanktioniert wird.
Slogans, Ideologien oder einfache Erklärungen ersetzen keine Bildung. Wer von der Erziehung der Bürger von morgen spricht, ohne die Strukturen zu hinterfragen, in denen sie aufwachsen, verkennt den Zusammenhang von Wissen und Gesellschaft. Bildung erscheint hier als kollektive Aufgabe, nicht als individuelle Leistung.
In der Vielzahl der angesprochenen Aspekte kristallisiert sich ein leitendes Prinzip heraus: die Suche nach Wahrheit. Für Najib ist sie kein abstrakter Wert, sondern eine praktische Verpflichtung. Weder blinder Glaube noch pauschaler Zweifel führen zu Erkenntnis. Beide Haltungen entlasten vom Denken. Stattdessen plädiert der Text für eine geduldige, aufrichtige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Wahrheit entsteht nicht durch große Erklärungen, sondern durch die sorgfältige Prüfung konkreter Erfahrungen. Sie bleibt stets vorläufig und verlangt die Bereitschaft zur Korrektur.
Maß, Begrenzung und Würde
Aus der Betonung von Offenheit und geistigem Risiko ergibt sich bei Najib konsequent eine ethische Perspektive auf Bildung. Erkenntnis verlangt nicht nach Anhäufung, sondern nach Maß. Bildung bedeutet daher nicht, möglichst viel wissen zu wollen, sondern zu unterscheiden, was wesentlich ist. In einer Gesellschaft, die Erfolg, Wettbewerb und Sichtbarkeit zum Maßstab erhebt, erscheint diese Haltung als bewusster Gegenentwurf.
Vor diesem Hintergrund wird auch das Scheitern neu bewertet. Es gilt nicht als Defizit, sondern als Bestandteil eines Lernprozesses, der den Menschen formt. Würde entsteht nicht aus Sieg oder Überlegenheit, sondern aus der Fähigkeit, mit Grenzen umzugehen und aus ihnen zu lernen. Bildung gewinnt so eine zutiefst humane Dimension.
Bewusst verzichtet Najib auf Programme oder Rezepte. Er bietet keine Lösungen im engen Sinne, sondern eine geistige Orientierung. Die Stärke seines Textes liegt weniger in systematischer Vollständigkeit als in der Konsequenz seiner Haltung. Bildung erscheint hier als anspruchsvolle Aufgabe: als Aufforderung, sich auf Denken einzulassen, ohne sich auf vorgefertigte Antworten zu stützen. In einer Zeit, in der Wissen zunehmend nach seinem Nutzen bemessen wird, erinnert der Text daran, dass Erkenntnis nur dort möglich ist, wo Offenheit bewahrt und das Risiko des Denkens akzeptiert wird.