Belohnen wir die Besten – oder die Angepassten?
„Das System wählt niemals die Besten, es wählt die Konformsten.“ Abdelhak Najib beginnt seinen jüngsten Essay mit einem Satz, der provoziert. Danach holt er Charles Bukowski an seine Seite und erklärt dem geregelten Leben beinahe den Krieg. Der Angestellte wird zum Gefangenen, Sicherheit zur Angst, Besitz zur Fessel. Man muss Najib nicht bis dorthin folgen. Aber seine Provokation legt eine interessante Frage frei: Belohnt unsere Gesellschaft tatsächlich jene Menschen, die selbständig denken – oder jene, die am besten gelernt haben, Erwartungen zu erfüllen?

Najibs Urteil ist eindeutig. Systeme bevorzugten Menschen, die sich einfügen, Anweisungen ausführen, Risiken meiden und innerhalb eines vorgegebenen Rahmens funktionieren. Wer sich anpasst, erhält dafür Sicherheit. Wer diesen Rahmen verlässt, muss mit den Folgen leben.
Das ist drastisch – und zu einfach. Jede Gesellschaft braucht Verlässlichkeit, Regeln und Menschen, die Verantwortung innerhalb bestehender Strukturen übernehmen. Ein Krankenhaus, ein Unternehmen oder eine Verwaltung können nicht funktionieren, wenn jeder nur seinen eigenen Regeln folgt. Interessant wird Najibs Gedanke deshalb erst an einem anderen Punkt: Was geschieht, wenn Anpassung nicht mehr Voraussetzung für Zusammenarbeit ist, sondern zum Maßstab dafür wird, wer vorankommt?
Wenn Anpassung belohnt wird
Jede größere Organisation entwickelt neben ihren offiziellen Regeln auch ungeschriebene Erwartungen. Mitarbeiter lernen, welche Fragen erwünscht sind und welche besser nicht gestellt werden. Vorgesetzte verlassen sich gern auf Menschen, deren Verhalten vorhersehbar ist. Wer keine Schwierigkeiten verursacht, gilt schnell als zuverlässig.
Das ist menschlich. Es birgt jedoch einen Widerspruch. Unternehmen, Verwaltungen und Institutionen verlangen Kreativität, Eigeninitiative und selbständiges Denken – Eigenschaften, die zwangsläufig Unruhe erzeugen können. Denn wer selbständig denkt, kommt gelegentlich zu einem anderen Ergebnis als sein Vorgesetzter. Wer verändern möchte, fragt irgendwann: Warum machen wir das eigentlich so?
Nicht jeder Widerspruch ist klug und nicht jeder unbequeme Mensch ein verkannter Innovator. Doch ein System, das begründeten Widerspruch bestraft, produziert mit der Zeit genau jene Konformität, die Najib kritisiert. Es hört immer häufiger das, was es ohnehin hören möchte.
Sicherheit ist keine Niederlage
Najib geht allerdings wesentlich weiter. Unter dem Einfluss Bukowskis erscheint das geregelte Leben selbst als Gefängnis: morgens aufstehen, arbeiten, Geld verdienen, Haus und Auto kaufen und schließlich in Rente gehen. Der Mensch werde von Kindheit an darauf vorbereitet, seinen Platz in diesem Kreislauf einzunehmen. Hier lohnt sich der Widerspruch. Ein Mensch, der arbeitet, seine Familie ernährt und für seine Zukunft vorsorgt, ist deshalb weder unfrei noch mutlos. Nicht jeder möchte Unternehmer werden, durch die Welt reisen oder regelmäßig sein Leben neu beginnen. Für den einen bedeutet ein festes Einkommen Abhängigkeit, für den anderen ermöglicht gerade dieses Einkommen Freiheit.
Das Problem ist nicht die Sicherheit. Das Problem beginnt dort, wo Sicherheit zum einzigen gesellschaftlich anerkannten Lebensentwurf wird. Dann wird interessant, was wir überhaupt unter Erfolg verstehen. Najib beschreibt eine Gesellschaft, die Menschen stark danach bewertet, was sie besitzen und welche gesellschaftliche Stellung sie erreicht haben. Wissen, kulturelle Erfahrung, ungewöhnliche Lebenswege oder die Fähigkeit, nach einem Scheitern neu anzufangen, passen schlechter in diese Ordnung.
Diese Vorstellung beginnt früh. Kinder werden gefragt, was sie später einmal werden möchten, und die erwartete Antwort ist fast immer ein Beruf. Arzt, Ingenieurin, Anwalt, Unternehmer, Lehrer, Beamter. Selten fragen wir: Was möchtest du können? Was möchtest du entdecken? Was möchtest du verändern? Der Wunsch der Eltern nach Sicherheit ist verständlich, gerade wenn frühere Generationen wirtschaftliche Unsicherheit erlebt haben. Doch daraus kann ein enger Korridor entstehen: bestimmte Berufe gelten als Erfolg, andere müssen erklärt werden; der gerade Lebenslauf schafft Vertrauen, der gebrochene weckt Zweifel.
Eine Gesellschaft muss Scheitern zulassen
Genau hier liegt eine Konsequenz, die Najib nur indirekt anspricht. Wer einen eigenen Weg gehen soll, muss auch scheitern dürfen. Wir feiern Innovation, Unternehmergeist und Kreativität. Aber jede dieser Eigenschaften beinhaltet die Möglichkeit, falschzuliegen. Ein Unternehmen kann scheitern, eine Idee kann sich als Irrtum erweisen, ein beruflicher Neuanfang kann misslingen. Wenn eine Gesellschaft nur Erfolg bewundert und den Fehlversuch zum Makel macht, verlangt sie Risiko ohne die Möglichkeit des Verlustes. Der sichere Weg wird dann nicht aus Feigheit gewählt, sondern aus Vernunft.
Menschen passen sich also nicht immer an, weil sie nicht selbständig denken wollen. Manchmal passen sie sich an, weil die Kosten des Andersseins hoch sind. Das verändert auch Najibs Ausgangsthese. Es reicht nicht, zwischen Angepassten und Mutigen zu unterscheiden. Eine Gesellschaft muss vielmehr fragen, welche Bedingungen sie selbst schafft: Gibt sie Menschen die Möglichkeit, einen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen, einen Fehler zu korrigieren und nach einem Scheitern neu anzufangen?
Wer sind überhaupt die Besten?
Und schließlich bleibt ein Problem in Najibs Überschrift selbst: Wer sind „die Besten“? Der beste Ingenieur muss kein guter Abteilungsleiter sein. Ein brillanter Wissenschaftler muss keine Universität führen können. Der erfolgreiche Unternehmer wäre nicht automatisch ein guter Minister. Kompetenz hängt von der Aufgabe ab. Ein System muss deshalb Menschen auswählen, die passen. Problematisch wird es, wenn aus passend angepasst wird.
Wenn Loyalität wichtiger wird als Kompetenz, Zustimmung stärker belohnt wird als begründeter Widerspruch und der vorhersehbare Lebenslauf automatisch als Qualitätsmerkmal gilt, verliert nicht nur der Einzelne. Auch das System verliert jene Ideen und Erfahrungen, die es braucht, sobald die vertrauten Antworten nicht mehr funktionieren.
Najib zeichnet eine düstere Welt, in der Menschen arbeiten, konsumieren und sparen, während ihr eigentliches Leben an ihnen vorbeizieht. Dieses Menschenbild muss man nicht teilen. Ein erfülltes Leben kann im Unternehmen ebenso stattfinden wie im Atelier, in einer Verwaltung ebenso wie auf Reisen. Freiheit bemisst sich nicht daran, wie ungewöhnlich ein Leben von außen aussieht.
Najib stellt dennoch eine Frage, die bleibt: Haben wir dieses Leben selbst gewählt?
Eine freie Gesellschaft braucht keine Menschen, die ständig gegen Regeln rebellieren. Sie braucht Menschen, die Regeln verstehen und dennoch den Mut behalten, sie infrage zu stellen. Sie braucht Sicherheit, ohne das Risiko zu bestrafen, und Verlässlichkeit, ohne Konformität mit Kompetenz zu verwechseln. Das System muss nicht immer die Unangepassten wählen. Aber eine Gesellschaft, in der nur die Angepassten vorankommen, sollte sich fragen, welche ihrer Besten sie unterwegs verloren hat.