Inside Marokko. Muriels Reisegeschichten: Chefchaouen

Lange, ganz lange bevor es das Wort Instagramibility gab, war Chefchaouen eine kleine wunderschöne, relativ unbekannte Stadt im Norden von Marokko. Viele Jahre waren ihre Gassen weiß mit einem blauen Farbtupfer hier und dort.

 

 

Inside Marokko. Muriels Reisegeschichten, Chefchaouen: Foto: Muriel Brunswig

In #InsideMarokko stelle ich Ihnen unbekannte Orte vor und von bekannten Orten unbekannte Facetten.

Marrakech - Fes - Essaouira. Fast jeder kennt diese Orte. Aber wer hat schon einmal von Oujda, Zagora oder Ouarzazate gehört? Wer kennt Oudaya und weiß, wo der beliebteste Hotspot für Influencer ist?

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Doch im Verlauf der Zeit wurden aus den blauen Farbtupfern immer mehr blaue Flächen. Erst einzelne Hausfassaden, dann ganze Innenhöfe und irgendwann war so gut wie jede Gasse blau, vom Boden bis zum Dach und die blaue Stadt war geboren.

Natürlich ist das Blau sehr angenehm, wenn es heiß ist und natürlich ist das Blau unglaublich schmuck und ja, es mag sogar auch vor dem bösen Blick schützen, dem sogenannten „Ain“, dem man sich in Marokko immer wieder mal ausgesetzt fühlt. Vor allem aber macht es aus Chefchaouen einen Hotspot für sogenannte Influencer, die ständig auf der Suche der DER perfekten Kulisse für ihre Selbstdarstellung sind.

Es ist ja nicht so, dass Chefchaouen nicht schon immer attraktiv gewesen wäre und Touristen angezogen hätte. Ganz im Gegenteil. Seit den 70ern strömten vor allem Hippies in die schöne Stadt, die am Hang zweier Berge liegt, die hier gerne ihre Haschisch-Pfeifchen rauchten. Später kamen dann die Tagesausflügler aus Spanien dazu, die Chefchaouen wegen seiner malerischen Gassen und der schönen Lage am Hang besuchten. Sie blieben mal kürzer mal länger, doch so wie heute oder sagen wir: So wie bis kurz vor Corona (das wie die Geburt Jesu ein neues Zeitalter eingeläutet hat wie es manchmal scheinen mag) war es nie. Und das ist wirklich verrückt. Denn – das ist das Paradoxon der Geschichte – lange galt Chefchaouen als DER Ort, der sich gegen ein europäisches Eindringen wehrte. 

Bis 1920 durfte kein Europäer die Stadt betreten. Warum?

Die Blaue Stadt galt als Heiliger Ort. Und das, obwohl es hier kein einziges islamisches Heiligtum gab. Der Grund hierfür war ganz einfach: Der Ruf, eine heilige Stadt zu sein, half Chefchaouen sich gegen Außen zu wehren. Und das war bitter nötig. Denn als 1492 Granada in Andalusien von den Spaniern eingenommen wurde, wurden Muslime und Mauren von dort vertrieben. Sie kamen über die Meerenge zurück ins „islamische Mutterland“ und siedelten sich genau hier an: In Chefchaouen, die nur ein Jahr zuvor als eiserne Bastion gegen Spanier und Portugiesen gegründet worden war. Damit sie sich aber nun besser gegen die eindringenden Europäer wehren konnten, griffen sie zu einer List. Sie verboten ihnen ganz einfach den Eintritt zur Stadt – mit der Begründung, es sei eine heilige Stadt, die nur Muslime betreten dürften. Dreist gelogen, aber es half! Der Legende war geboren: Chefchaouen ist eine heilige Stadt, und Europäer müssen draußen bleiben. Bis 1920 hielten sich die Europäer daran. Religionen respektierten sie. Manchmal. Aber im Falle von Chefchaouen taten sie es. Doch dann hielten es die Spanier nicht mehr aus. Sie wollten auch die Stadt am Hang, nachdem sie sonst schon so weit vorgedrungen waren! Das wiederum rief Abdel Krim Khattabi auf den Plan, den widerspenstigen Freiheitskämpfer aus dem Rif. Der konnte das auf gar keinen Fall zulassen und eroberte mit seinen Truppen die Stadt zurück. Kaum war ihm das gelungen, rief er von hier die Rif-Republik aus. Immerhin konnte er Chefchaouen und die Rif-Republik sechs Jahre gegen die Spanier halten.

Doch dann siegte Europa und der ganze Norden von Marokko wurde zum Protektorat. Doch das schadete dem Ruf von Chefchaouen, den Europäern die Stirne geboten zu haben, keineswegs. Chefchaouen galt fortan als DER Rebellenhort, der sich jahrhundertelang erfolgreich gegen das Eindringen der Europäer gewehrt hat. Dass nun heute ausgerechnet diese Europäer die Stadt überrennen ist der Macht des Geldes geschuldet, des Geldes und des guten Rufes in der Welt als malerischste Stadt Marokkos.

Das Zeitalter des „Nach Corona“

Inside Marokko. Muriels Reisegeschichten, Chefchaouen: Foto: Muriel BrunswigNoch ist es ruhig in Chefchaouen. Corona ist noch nicht vorbei und ein Tourismus existiert nur noch in ganz kleinem Rahmen. Überall in Marokko. Das Zeitalter des „Nach Corona“ ist eben noch nicht angebrochen. Doch natürlich wird es kommen. Deshalb sollte, wer kann, jetzt die wunderschöne Stadt aufsuchen. Jetzt, oder eben sobald die Grenzen wieder aufmachen. Denn die blaue Stadt ist viel schöner, wenn nicht an jeder Ecke leicht bekleidete Mädchen stehen, die in bunten Röcken einen farblichen Kontrast zu den blauen Mauern setzen wollen und sich selbstverliebt fotografieren (lassen). Denn auch, wenn Chefchaouen im klassischen Sinne nur wenige Sehenswürdigkeiten hat (eine schöne Kasbah gibt es, von deren Terrasse aus man einen großartigen Blick hat!), so ist es doch eine zauberhafte Stadt, um durch die Gassen zu streunen, den großen Wochenmarkt zu besuchen, zu dem Bauern und Bäuerinnen aus der ganzen Umgebung kommen, vor allem aber, um die kleine Stadt als Ausgangspunkt für die Umgebung zu nutzen. Denn auch diese ist zauberhaft und atemberaubend schön.

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