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Von „Lies“ zum Algorithmus: Das Wissen der islamischen Welt

Algorithmus. Das Wort gehört zu unserer Gegenwart wie kaum ein anderes. Algorithmen berechnen Verkehrswege, steuern Maschinen, ordnen Informationen und bilden eine Grundlage künstlicher Intelligenz. Es klingt nach Computerzeitalter, nach einer Welt, die mit dem Mittelalter nichts mehr zu tun hat. Und doch führt dieses Wort mehr als tausend Jahre zurück – zu Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi, einem Gelehrten des 9. Jahrhunderts in Bagdad.

Von Athen über Bagdad zum Algorithmus. Foto mit Hilfe von ChatGPT ersttellt

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Quellen:

Koran, Sure 96, Verse 1–5 * Stanford Encyclopedia of Philosophy: Greek Sources in Arabic and Islamic Philosophy; Influence of Arabic and Islamic Philosophy on the Latin West; Ibn Rushd [Averroes]; Roger Bacon * Charles Burnett: Translation and Transmission of Greek and Islamic Science to Latin Christendom * André Allard: The Arabic Origins and Development of Latin Algorisms in the Twelfth Century * The Metropolitan Museum of Art: The Book of Knowledge of Ingenious Mechanical Devices von al-Jazari * Clare Bycroft u. a.: Patterns of genetic differentiation and the footprints of historical migrations in the Iberian Peninsula, 2019 * David Vélez Peña: La Reconquista a través de los libros de texto de Bachillerato de Historia de España en Andalucía (1977–2021) * Gustave Le Bon: La civilisation des Arabes, 1884 * George Sarton: Introduction to the History of Science * Sigrid Hunke: Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe, 1960 * W. Montgomery Watt: The Influence of Islam on Medieval Europe, 1972 * Juan Vernet: Lo que Europa debe al Islam de España.

   

Als seine mathematischen Arbeiten später ins Lateinische übertragen wurden, wurde aus al-Chwarizmi „Algoritmi“. Aus seinem Namen entwickelte sich die Bezeichnung für Rechenverfahren und schließlich unser heutiges Wort Algorithmus. Auch die Algebra trägt diese Geschichte in ihrem Namen. Sie geht auf Al-Jabir ibn Hayyan [8. Jahrhundert] zurück, ein arabischer Gelehrter, dem zahlreiche Werke in den Bereichen Chemie, Astronomie, Mathematik, Mineralogie, Philosophie, Medizin und Pharmazie zugeschrieben werden.

Man kann darin eine sprachliche Kuriosität sehen. Man kann aber auch eine größere Frage stellen: Wie konnte eine Zivilisation, die im 7. Jahrhundert erst entstand, innerhalb weniger Generationen zu einem der bedeutendsten Wissensräume ihrer Zeit werden? Die Antwort beginnt nicht mit einer mathematischen Formel, sondern mit einer Haltung. Nach islamischer Überlieferung beginnt die koranische Offenbarung mit einer Aufforderung: Iqra – lies. Der Koran ruft den Menschen immer wieder dazu auf, wahrzunehmen, nachzudenken, die Natur zu betrachten und in ihr Zeichen zu erkennen. Himmel und Erde, Tag und Nacht, Leben und Tod, die Vielfalt der Menschen und die Ordnung der Schöpfung erscheinen nicht allein als Gegenstände des Glaubens. Sie werden auch zu Gegenständen des Nachdenkens.

Daraus entstand nicht automatisch Wissenschaft. Kein heiliger Text erfindet Algebra, Medizin oder Astronomie. Religion prägt jedoch die Fragen, die Menschen stellen, den Rang, den sie dem Wissen geben, und die Institutionen, die sie dafür schaffen. In der frühen islamischen Welt entwickelte sich daraus eine außergewöhnliche Kultur des Lesens, Sammelns, Übersetzens und Fragens.

Wissen durfte von überall kommen

Eine vom Koran geprägte Zivilisation begegnete dem Wissen der Griechen, Perser, Inder und anderer Kulturen. Sie übersetzte es, weil sie wissen wollte. Dann begann sie zu prüfen, zu widersprechen, zu rechnen und zu beobachten – und schließlich selbst Neues hervorzubringen.

Mit der Ausbreitung der islamischen Zivilisation begegneten sich sehr unterschiedliche geistige Traditionen. Griechische Philosophie und Medizin, persisches Wissen, indische Mathematik, astronomische Kenntnisse und die gelehrte Tradition syrischsprachiger Christen trafen in einem neuen kulturellen Raum aufeinander. Besonders unter den Abbasiden wurde Arabisch zu einer der großen Wissenschaftssprachen der damaligen Welt. Aristoteles, Galen, Hippokrates, Euklid und Ptolemäus wurden übersetzt. Syrische Christen spielten dabei eine bedeutende Rolle. Persische Gelehrte schrieben auf Arabisch. Jüdische Denker bewegten sich in derselben Sprache. Muslime lasen Autoren, die viele Jahrhunderte vor dem Islam gelebt hatten.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass fremdes Wissen aufgenommen wurde. Bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschah. Die Herkunft einer Idee entschied nicht darüber, ob sie wertvoll sein durfte. Die Gelehrten wussten, dass Euklid Grieche war. Sie wussten, dass mathematische Verfahren aus Indien kamen. Sie kannten Galen als antiken Arzt. Das Wissen musste seine Herkunft nicht verlieren, um Teil der eigenen Gelehrsamkeit zu werden.

Bald genügte das Übersetzen allerdings nicht mehr. Al-Chwarizmi nahm mathematische Traditionen auf und entwickelte daraus neue Verfahren. Al-Kindi verband griechische Philosophie mit Fragen seiner eigenen Zeit. Al-Farabi dachte über Vernunft, Gesellschaft und Erkenntnis nach. Ibn Sina schuf ein philosophisches und medizinisches Werk von außergewöhnlicher Reichweite. Al-Razi verband überliefertes Wissen mit genauer klinischer Beobachtung. Die islamische Welt war damit nicht bloß ein Speicher, in dem das Wissen der Antike aufbewahrt wurde. Sie wurde selbst zu einem Laboratorium des Wissens.

Al-Zahrawi, der im 10. und frühen 11. Jahrhundert bei Córdoba wirkte, beschrieb chirurgische Verfahren und eine große Zahl medizinischer Instrumente. Sein Werk wurde später ins Lateinische übertragen und prägte die europäische Chirurgie über Jahrhunderte. Ibn al-Haytham untersuchte um das Jahr 1000 Licht und Sehen. Er begnügte sich nicht damit, überlieferte Vorstellungen zu wiederholen, sondern verband mathematische Überlegungen mit Beobachtung und Versuch. Mehr als zwei Jahrhunderte später gehörte seine Optik zu den Grundlagen, auf denen Roger Bacon seine eigenen Überlegungen über Licht und Wahrnehmung entwickelte. Lange bevor die Wissenschaft der europäischen Neuzeit Beobachtung und Experiment zu zentralen Werkzeugen machte, hatte Ibn al-Haytham mathematische Argumentation, genaue Beobachtung und gezielte Versuche miteinander verbunden. Überlieferte Erklärungen mussten sich an dem messen lassen, was sich tatsächlich beobachten ließ.

Auch die Technik erzählt diese Geschichte. Al-Jazari beschrieb zu Beginn des 13. Jahrhunderts Wasserhebewerke, Uhren, Automaten und komplizierte mechanische Vorrichtungen. Räder, Ventile, Schwimmer und Hebel verband er zu Systemen gesteuerter Bewegung. Fast drei Jahrhunderte bevor Leonardo da Vinci seine berühmten Maschinen zeichnete, beschäftigte sich ein Ingenieur der islamischen Welt mit Automaten und komplexer Mechanik. Das macht Leonardo nicht kleiner. Es macht die Geschichte größer. Technische Phantasie begann nicht mit der europäischen Renaissance – Menschen hatten lange zuvor Maschinen entworfen, Bewegungen berechnet und versucht, Wasser, Kraft und Zeit mechanisch zu beherrschen.

Ähnliches gilt für die Philosophie. Ibn Rushd wurde 1126 in Córdoba geboren. Er war Richter, Arzt und Philosoph. Er las Aristoteles mit einer Intensität, die später auch seine europäischen Leser beeindruckte, begnügte sich jedoch nicht mit der Rolle eines bloßen Vermittlers. Er fragte nach dem Verhältnis von Vernunft und Offenbarung, nach Erkenntnis, Ursache, Natur und menschlichem Denken. In der lateinischen Welt wurde Ibn Rushd zu Averroes. Sein Einfluss war so groß, dass man ihn schließlich schlicht „den Kommentator“ nannte. Seine Werke wurden gelesen, bekämpft, übernommen und widerlegt. Thomas von Aquin setzte sich mit ihm auseinander, weil sich an seinen Gedanken zentrale Fragen der mittelalterlichen Philosophie entzündeten. Noch in der Renaissance erschienen neue Ausgaben seiner Kommentare. Ibn Rushd hatte das Verhältnis von philosophischer Vernunft und religiöser Offenbarung systematisch durchdacht, bevor seine Schriften diese Auseinandersetzung in der lateinischen Scholastik selbst mitprägten.

Als Europa diese Texte in immer größerem Umfang zu übersetzen begann, begegnete es deshalb längst keiner Kultur mehr, die lediglich antike Bücher aufbewahrt hatte. Es begegnete einer eigenständigen Wissenswelt.

Als das Wissen nach Europa weiterwanderte

Seit dem 11. und vor allem im 12. Jahrhundert gewann die Übersetzung arabischer Werke ins Lateinische erheblich an Bedeutung. Toledo, Sizilien und Süditalien wurden zu wichtigen Orten dieses Wissenstransfers. Europäische Gelehrte begegneten dort nicht einfach den alten Griechen wieder. Sie begegneten einer Antike, die bereits über Jahrhunderte gelesen, kommentiert, kritisiert und weiterentwickelt worden war.

Ibn Sina wurde zu Avicenna. Ibn Rushd wurde zu Averroes. Ibn al-Haytham wurde zu Alhazen. Al-Zahrawi wurde zu Albucasis. Und aus al-Chwarizmi wurde Algoritmi. Diese Latinisierung der Namen war zunächst nichts Ungewöhnliches – Namen wurden an die Sprache angepasst, in der die Werke gelesen wurden. Über die Jahrhunderte hatte dies jedoch eine bemerkenswerte Nebenwirkung: Für spätere Generationen wurde die Herkunft vieler dieser Gelehrten immer schwerer zu erkennen. Wer heute Avicenna liest, erkennt darin nicht automatisch Ibn Sina. Hinter Averroes vermutet kaum jemand auf Anhieb einen muslimischen Richter und Philosophen aus Córdoba. Und wer „Algorithmus“ sagt, ahnt selten, dass in diesem modernen Begriff noch immer der Name eines Gelehrten aus dem Bagdad des 9. Jahrhunderts weiterlebt. In vielen Fällen ging leider mehr verloren als der Name. Arabische medizinische Texte wurden übersetzt, bearbeitet oder neu zusammengestellt. Dabei konnte die ursprüngliche Autorschaft undeutlich werden oder ganz verschwinden; in wenigen Fällen nannten europäische Übersetzer ihre Quellen ausdrücklich. Die Geschichte war also weder eine systematische Verschleierung noch eine Weitergabe ohne Verluste. Wissen wanderte durch Sprachen, Religionen und Gesellschaften – und auf diesem Weg konnte auch die Erinnerung an seine Herkunft verblassen. Seine Wirkung blieb.

Die arabisch-lateinischen Übersetzungen veränderten Medizin, Mathematik, Naturphilosophie, Psychologie und Metaphysik des europäischen Mittelalters. Ibn Sina und Ibn Rushd wurden Bestandteile europäischer Gelehrsamkeit. Ibn al-Haythams Optik wirkte über lateinische Übersetzungen auf spätere Forschungen zum Sehen und zum Licht. Europa nahm dieses Wissen auf und führte es weiter. Darin liegt keine Herabsetzung europäischer Leistung – im Gegenteil. Gerade darin zeigt sich, wie Wissenschaft funktioniert.

Niemand beginnt bei null. Eine Generation übernimmt, was eine andere erkannt hat, prüft es, verwirft einen Teil und fügt Neues hinzu. So hatte es die islamische Welt mit griechischem, persischem und indischem Wissen getan. Nun setzte sich diese Bewegung in Europa fort.

1492 – eine Grenze auf der Landkarte, nicht im Wissen

Kaum ein Jahr verkörpert einen historischen Übergang so eindrücklich wie 1492. Granada fällt. Die letzte muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel endet. Im selben Jahr bricht Christoph Kolumbus über den Atlantik auf. Diese zeitliche Nähe verführt zu einer einfachen Erzählung: Hier endet das islamische Mittelalter, dort beginnt der europäische Aufbruch. Geschichte besitzt jedoch selten so saubere Grenzen.

Als Granada fiel, war ein großer Teil des Wissens, das in der islamischen Welt über Jahrhunderte entwickelt worden war, längst nach Europa gelangt. Es befand sich in lateinischen Handschriften, Bibliotheken und Universitäten. Avicenna, Averroes und Alhazen waren längst Teil europäischer Gelehrsamkeit. Eine politische Herrschaft konnte enden. Wissen ließ sich nicht zurückrufen.

Gerade Spanien zeigt zugleich, wie sehr die spätere Erzählung den Blick auf die Jahrhunderte davor verändern konnte. Al-Andalus bestand in unterschiedlichen politischen Formen fast acht Jahrhunderte auf der Iberischen Halbinsel. Muslime, Christen und Juden lebten dort miteinander, handelten, stritten, kämpften, arbeiteten und dachten. Es war weder ein ununterbrochenes Paradies religiöser Toleranz noch eine einzige Geschichte des Konflikts. Es war eine komplexe Gesellschaft. Und diese Gesellschaft gehört zur Geschichte Spaniens.

Al-Andalus ist heute durchaus Bestandteil spanischer Lehrpläne. Dennoch zeigen Untersuchungen von Schulbüchern und historischen Deutungen, wie langlebig eine Erzählweise geblieben ist, in der al-Andalus als Geschichte der „Mauren in Spanien“ erscheint, während die christlichen Königreiche leichter als unmittelbare Vorgeschichte des späteren Spanien gelesen werden. Der Unterschied klingt zunächst gering. Er verändert jedoch den Blick. Wer sagt, Muslime hätten fast acht Jahrhunderte „in Spanien“ gelebt, kann den Eindruck erzeugen, sie seien während dieser Zeit außerhalb der eigentlichen Geschichte des Landes geblieben.

Menschen leben jedoch nicht über Jahrhunderte nebeneinander, ohne Spuren ineinander zu hinterlassen. Sie wandern ein. Sie konvertieren. Sie wechseln Sprachen. Sie heiraten. Sie bekommen Kinder. Sie verändern Städte, Landwirtschaft, Küche, Musik und Sprache. Eine genomweite Studie an mehr als 1400 Personen aus ganz Spanien weist je nach Region auf bis zu elf Prozent nordwestafrikanischer Abstammung in der heutigen iberischen Bevölkerung nach; die zugrunde liegende Vermischung datieren die Autoren überwiegend auf die Zeit zwischen 860 und 1120 – also auf die erste Hälfte der muslimischen Herrschaft.

Al-Andalus lebt nicht nur in der Alhambra fort. Seine Spuren finden sich in Ortsnamen und Wörtern, in Architektur, Landwirtschaft und Formen der Bewässerung, in kulturellen Traditionen und bei einem Teil der Bevölkerung selbst in der Abstammung. 1492 beendete eine politische Epoche. Es löschte nicht die Jahrhunderte davor aus.

Zur gleichen Zeit verdichteten sich in Europa Entwicklungen, die die kommenden Jahrhunderte prägen sollten: Buchdruck und Renaissance, neue Seewege und neue Formen wissenschaftlicher Kommunikation, später die Naturwissenschaften der frühen Neuzeit. Dieser Aufbruch hatte viele Ursachen. Er begann jedoch nicht auf leerem Boden, sondern auf einem Wissensbestand, der zuvor auch über Bagdad, Córdoba und Toledo nach Europa gewandert war.

Als Europa seinen Blick erweiterte

Dass diese Zusammenhänge im europäischen Geschichtsbild lange zu wenig sichtbar waren, ist keine Erkenntnis unserer Zeit. Europäische Gelehrte und Autoren haben selbst immer wieder darauf hingewiesen. Bereits 1884 widmete der französische Gelehrte Gustave Le Bon in seinem Werk La civilisation des Arabes der Frage breiten Raum, welchen Anteil die arabische Zivilisation an der Entwicklung Europas hatte. Seine Sprache und manche seiner Vorstellungen tragen unverkennbar die Spuren des 19. Jahrhunderts. Doch seine zentrale Beobachtung war klar: Europa hatte über Jahrhunderte arabische wissenschaftliche Werke gelesen, an seinen Universitäten verwendet und aus ihnen gelernt – und war sich der Tragweite dieses Erbes immer weniger bewusst.

Auch die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts begann diesen Blick zu erweitern. Der belgisch-amerikanische Wissenschaftshistoriker George Sarton, einer der Begründer der modernen Wissenschaftsgeschichte, erzählte die Entwicklung menschlicher Erkenntnis nicht als geraden Weg von Griechenland zur europäischen Neuzeit. In seiner monumentalen Introduction to the History of Science nehmen die Jahrhunderte arabisch-islamischer Wissenschaft einen zentralen Platz ein. Die großen Gelehrten dieser Epoche erscheinen dort nicht als Randfiguren einer europäischen Vorgeschichte, sondern als Träger einer Wissenschaft, deren bedeutende Zentren über Jahrhunderte in der islamischen Welt lagen.

Im deutschen Sprachraum erreichte das Thema 1960 mit Sigrid Hunkes Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe ein großes Publikum. Hunke erzählte von den Spuren, die arabische Sprache, Medizin, Mathematik, Technik, Handel und Lebensformen in Europa hinterlassen hatten. Ihr Buch war populär geschrieben, manches darin wird heute differenzierter beurteilt, und ihre eigene politische Biografie verlangt eine kritische Einordnung. Seine Wirkung lag jedoch darin, einem breiten deutschsprachigen Publikum überhaupt wieder vor Augen zu führen, wie tief arabisch-islamische Einflüsse in die europäische Kulturgeschichte hineinreichen.

Der schottische Islamwissenschaftler W. Montgomery Watt untersuchte 1972 in The Influence of Islam on Medieval Europe denselben Zusammenhang aus wissenschaftlicher Perspektive. Er betrachtete nicht nur Philosophie und Wissenschaft, sondern auch Handel, Technik und kulturelle Begegnungen. Die Frage lautete damit nicht mehr, ob die islamische Welt Europa beeinflusst hatte, sondern auf welchen Wegen, in welchen Bereichen und mit welcher Tiefe dieser Einfluss wirksam geworden war.

Besonders eindrücklich formulierte es der spanische Arabist und Wissenschaftshistoriker Juan Vernet. Schon der Titel seines Werkes Lo que Europa debe al Islam de España – „Was Europa dem Islam Spaniens verdankt“ – macht deutlich, worum es ihm ging. Vernet zeichnete die Wege nach, auf denen griechisches, persisches, indisches und arabisches Wissen durch die islamische Welt und insbesondere über die Iberische Halbinsel nach Europa gelangte. Mathematik und Astronomie, Medizin und Botanik, Philosophie, Technik und Übersetzung erscheinen dabei als Teile eines großen geistigen Austauschs, der weit über das Ende von al-Andalus hinauswirkte.

Bemerkenswert ist deshalb nicht nur, dass arabisch-islamisches Wissen nach Europa gelangte. Europäische Forscher haben seit mehr als einem Jahrhundert selbst immer wieder darauf hingewiesen. Die Geschichte musste dafür nicht neu erfunden werden. Sie musste vollständiger erzählt werden.

Eine größere Geschichte

Der Geschichte wäre nicht gedient, wenn man nun lediglich die Rollen vertauschte, als hätte allein die islamische Welt erfunden, was Europa später nur verwaltete. Auch al-Chwarizmi baute auf mathematischen Traditionen auf, die vor ihm bestanden. Auch muslimische Astronomen prüften und korrigierten die Modelle des Ptolemäus, statt sie zu erfinden. Das mindert ihre Leistung nicht. Es zeigt nur, wie Erkenntnis tatsächlich entsteht: nie am Nullpunkt, sondern im Gespräch mit dem, was andere bereits gedacht haben.

Zivilisation beginnt nicht dort, wo Menschen behaupten, alles selbst geschaffen zu haben. Sie beginnt dort, wo sie bereit sind, das Wissen anderer anzunehmen, ohne sich dadurch kleiner zu fühlen. Genau darin lag eine der großen Stärken der islamischen Wissenskultur. Griechische Philosophie musste nicht muslimisch werden, bevor man sie lesen durfte. Indische Mathematik musste ihre Herkunft nicht verlieren, um nützlich zu sein. Ein christlicher Gelehrter konnte griechische Texte ins Arabische übertragen, ein persischer Muslim daraus neue Gedanken entwickeln, ein jüdischer Philosoph auf Arabisch schreiben und ein christlicher Europäer Jahrhunderte später diese Bücher ins Lateinische übersetzen. Die Wege des Wissens waren immer komplizierter als die Grenzen zwischen Religionen und Reichen.

Wer den Islam ausschließlich mit Terrorismus, Krieg, politischen Konflikten oder Migration verbindet, erhält nicht nur ein falsches Bild. Er begegnet einer über vierzehn Jahrhunderte gewachsenen Religion und Zivilisation in einer historisch entstellten Form, in der nahezu alles verschwindet, was sie geistig, wissenschaftlich und kulturell hervorgebracht hat.

Aus Randerscheinungen, politischen Konflikten und Gewalttaten entsteht so ein vermeintliches Gesamtbild des Islam, das weder dem Gesamtbild des Korans noch der historischen Wirklichkeit einer vierzehn Jahrhunderte alten Zivilisation gerecht wird. Eine solche Verkürzung nimmt der islamischen Welt nicht nur den größten Teil ihrer Geschichte. Sie verdeckt beinahe ihre gesamte zivilisatorische Leistung – und nimmt zugleich der Menschheit das Bewusstsein dafür, wie sehr ihre eigene Entwicklung von diesem Wissen geprägt wurde.

Die moderne Welt entstand aus Übersetzungen und Begegnungen, aus Streit und Beobachtung, aus Übernahme und Widerspruch. Aus Menschen, die lasen, was andere vor ihnen gedacht hatten, und anschließend den Mut hatten, weiterzudenken. Der Algorithmus ist ein treffendes Bild für diese Geschichte. Wir verwenden das Wort jeden Tag, ohne den Namen dahinter noch zu erkennen. Und am Anfang dieser langen Geschichte steht ein anderes Wort: Lies.

 

 

 

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