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Wie eine marokkanische Stadt portugiesisch und später spanisch wurde

#Vergessene Verbindungen: Ceuta gehört heute zu Spanien, liegt aber auf dem afrikanischen Kontinent, eingebettet zwischen marokkanischem Staatsgebiet und dem Mittelmeer. Die ungewöhnliche Lage der Stadt ist das Ergebnis einer Geschichte, deren entscheidende Wendung bereits 1415 begann. 

Künstlerische Rekonstruktion Ceutas im Jahr 1415 vor der portugiesischen Eroberung. Virtuelles Bild mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Als portugiesische Truppen Ceuta eroberten, stand die Stadt im politischen Herrschaftsraum des damaligen Marokko. Mehr als zwei Jahrhunderte später wurde aus dem portugiesischen Ceuta ein spanisches – und selbst die Unabhängigkeit Marokkos 1956 änderte daran nichts.

Um diese Geschichte zu verstehen, muss man weit zurückgehen. Mit den Idrisiden entstand ab 788 im Gebiet des heutigen Marokko eine eigenständige muslimische Dynastie; marokkanische staatliche Quellen setzen die Entstehung eines marokkanischen Staatswesens auf das Jahr 791. Von einem Nationalstaat mit heutigen Grenzen kann für diese Zeit selbstverständlich noch keine Rede sein. Unter den nachfolgenden Dynastien der Almoraviden, Almohaden und Meriniden entwickelte sich jedoch ein politischer Raum mit Zentren wie Fès und Marrakesch, aus dem das heutige Marokko hervorging.

Ceuta nahm darin eine besondere Stellung ein. Die Stadt an der Straße von Gibraltar war Hafen, Handelsplatz und Verbindung zwischen dem Maghreb und der Iberischen Halbinsel. Herrschaften wechselten, und zeitweise bestanden enge Verbindungen mit al-Andalus.

1415: Portugal setzt über die Meerenge

Am 21. August 1415 erschien eine große portugiesische Streitmacht vor Ceuta. König João I. hatte eine Flotte von mehr als 200 Schiffen und möglicherweise rund 20.000 Mann zusammengezogen. Die Portugiesen nahmen die Stadt ein. Damit begann nicht nur ein neues Kapitel in der Geschichte Ceutas: Die Eroberung gilt zugleich als Ausgangspunkt der portugiesischen Expansion in Nordafrika und später darüber hinaus.

Die Motive waren vielfältig. Ceuta lag strategisch an der Straße von Gibraltar und war mit Handelswegen verbunden, über die unter anderem Waren aus dem afrikanischen Hinterland und dem Orient an die Mittelmeerküste gelangten. Hinzu kamen religiöse und machtpolitische Vorstellungen der damaligen portugiesischen Krone. Die Hoffnung, über Ceuta einen Teil des Handels kontrollieren zu können, erfüllte sich allerdings nur begrenzt: Handelswege verlagerten sich, während Portugal eine befestigte Stadt auf der anderen Seite des Meeres dauerhaft versorgen und verteidigen musste. Trotzdem blieb Portugal.

Mehr als zwei Jahrhunderte lang war Ceuta portugiesisch. Diese Vergangenheit ist bis heute sichtbar: Die schwarz-weiße Flagge Ceutas geht auf diejenige Lissabons zurück, auch das Stadtwappen bewahrt sein portugiesisches Erbe.

Der Übergang zu Spanien erfolgte nicht durch eine spanische Eroberung Marokkos

1580 geriet Portugal in eine dynastische Krise. Der spanische König Philipp II. übernahm auch die portugiesische Krone. In der sogenannten Iberischen Union hatten Spanien und Portugal damit denselben Monarchen, blieben jedoch eigenständige Reiche. Ceuta behielt zunächst seine portugiesische Verwaltung.

Als Portugal 1640 gegen die spanischen Habsburger rebellierte und seine Unabhängigkeit wiederherstellte, nahm die Geschichte Ceutas eine ungewöhnliche Wendung: Die Stadt folgte Portugal nicht, sondern blieb dem spanischen König verbunden. 1668 wurde dieser Übergang vertraglich besiegelt. Im Frieden von Lissabon erkannte Spanien die wiederhergestellte Unabhängigkeit Portugals an. Besetzte Gebiete sollten grundsätzlich zurückgegeben werden – Ceuta wurde ausdrücklich davon ausgenommen und blieb beim spanischen König. Portugal selbst akzeptierte damit den Verlust seiner ehemaligen nordafrikanischen Stadt. Ceuta war nun spanisch.

Für Marokko war die Geschichte damit keineswegs beendet. Gerade unter der seit dem 17. Jahrhundert herrschenden alawitischen Dynastie gewann die marokkanische Zentralmacht wieder an Stärke. Sultan Moulay Ismail brachte mehrere europäisch kontrollierte Küstenplätze wieder unter marokkanische Herrschaft. Mehdia fiel 1681, Larache 1689; die Engländer verließen Tanger 1684. 1694 richtete sich der Blick auf Ceuta. Was folgte, war keine kurze militärische Episode. Marokkanische Truppen belagerten die Stadt mit Unterbrechungen bis 1727. Mehr als drei Jahrzehnte lang versuchte Moulay Ismail, Ceuta wieder unter marokkanische Herrschaft zu bringen. Die Stadt hielt stand.

Dieser Abschnitt ist für die heutige Diskussion bedeutsam. Der marokkanische Anspruch auf Ceuta entstand nicht erst mit der Unabhängigkeit des modernen Marokko oder mit dem Nationalismus des 20. Jahrhunderts. Bereits die alawitischen Sultane betrachteten die europäischen Stützpunkte an der marokkanischen Küste als Gebiete, die zurückgewonnen werden sollten.

Der Krieg von 1859 und die Entwicklung ab 1912

Mitte des 19. Jahrhunderts verschob sich das Kräfteverhältnis erneut. Grenzkonflikte um Ceuta führten 1859 zum spanisch-marokkanischen Krieg. Spanien ging militärisch als Sieger hervor. Für Ceuta hatte der Konflikt eine bis heute sichtbare Folge: Das spanisch kontrollierte Gebiet wurde erweitert. Die Grenzziehung von 1860 brachte Ceuta im Wesentlichen jene territoriale Ausdehnung, die die Stadt heute besitzt. Spanien erhielt also nicht erst damals Ceuta – es vergrößerte das Gebiet einer bereits seit Jahrhunderten von Spanien kontrollierten Stadt. Gerade dieser Unterschied wird in verkürzten Darstellungen häufig übersehen.

Noch wichtiger für die heutige Situation ist das Jahr 1912. Frankreich und Spanien errichteten Protektorate über große Teile Marokkos. Nordmarokko mit Tetouan als politischem Zentrum kam unter spanische Verwaltung. Ceuta lag mitten an der Küste dieses spanischen Protektorats – gehörte rechtlich aber nicht dazu. Spanien behandelte Ceuta und Melilla als bereits bestehendes spanisches Territorium. Die Grenze von Ceuta trennte damit spanisches Staatsgebiet vom marokkanischen Gebiet, das ebenfalls von Spanien verwaltet wurde, jedoch lediglich als Protektorat. Diese rechtliche Unterscheidung wurde 1956 entscheidend.

Als Marokko seine Unabhängigkeit wiedererlangte, endete zunächst das französische und anschließend das spanische Protektorat. Spanien gab seine Protektoratszone im Norden auf. Ceuta und Melilla blieben dagegen spanisch, weil Madrid sie nicht als Bestandteil des Protektorats betrachtete. Andere spanisch kontrollierte Gebiete gingen erst später an Marokko: Tarfaya 1958 und Sidi Ifni 1969. Marokko akzeptierte damit jedoch nicht grundsätzlich die spanische Souveränität über Ceuta und Melilla. Seit der Unabhängigkeit beansprucht Rabat beide Städte als marokkanisches Territorium. Spanien wiederum betrachtet ihre Zugehörigkeit zum spanischen Staat als nicht verhandelbar. Die gegensätzlichen Positionen bestehen bis heute.

1995 erhielt Ceuta schließlich ein eigenes Autonomiestatut. Darin bezeichnet das spanische Gesetz die Stadt ausdrücklich als „integralen Bestandteil“ der spanischen Nation. Ceuta besitzt seitdem den Status einer autonomen Stadt mit eigener Versammlung und Regierung. Damit treffen heute zwei historische Perspektiven aufeinander. Spanien verweist darauf, dass Ceuta seit dem 17. Jahrhundert spanisch ist – und damit bereits fast zweieinhalb Jahrhunderte vor der Errichtung des spanischen Protektorats über Nordmarokko. Aus dieser Sicht kann die Stadt kein Überbleibsel dieses Protektorats sein.

Die marokkanische Perspektive beginnt früher: Ceuta lag vor der portugiesischen Eroberung 1415 innerhalb des politischen Raums des damaligen Marokko und wurde durch europäische Expansion von ihm getrennt. Dass Portugal und später Spanien die Stadt über Jahrhunderte halten konnten, beendet aus dieser Sicht nicht die historische Zugehörigkeitsfrage. Gerade deshalb lässt sich Ceutas Geschichte nicht auf einen Satz über Kolonialismus oder territoriale Ansprüche reduzieren.

Die Stadt war marokkanisch geprägt, wurde portugiesisch, blieb 1640 bei der spanischen Krone, als Portugal seine Unabhängigkeit wiederherstellte, und blieb spanisch – während Marokko mehrfach versuchte, sie zurückzugewinnen.

So entstand jene ungewöhnliche Konstellation, die bis heute fortbesteht: eine spanische Stadt auf afrikanischem Boden, deren Geschichte tief mit der Geschichte Marokkos verbunden ist – und deren Vergangenheit Madrid und Rabat bis heute unterschiedlich lesen.

 

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Quellen:

Arquivo Nacional, BOE, Cambridge University Press, Geschichte des Außenministeriums, Patrimonio Cultural Ceuta, Portugiesische Expansion, Universidad Complutense de Madrid

 



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