Das schwere Geschenk Marokkos an die Vereinten Nationen
#VergesseneVerbindungen: Im April 1963 traf ein Gast in New York ein, der die Vereinten Nationen vor eine ungewöhnliche Aufgabe stellen sollte: König Hassan II. von Marokko, wenige Wochen zuvor in Washington von Präsident Kennedy empfangen, reiste weiter an den East River - im Gepäck ein Versprechen, das er den Vereinten Nationen als Zeichen der Verbundenheit seines jungen, erst sieben Jahre zuvor unabhängig gewordenen Landes gemacht hatte.

Wie genau dieses Geschenk angekündigt wurde, ist im Rückblick nicht mehr in allen Einzelheiten zu rekonstruieren. Die Überlieferung will es, dass es zunächst nur beiläufig zur Sprache kam - und dass sich das UN-Personal, das sich auf ein kleineres Kunstwerk eingestellt hatte, umso mehr wunderte, als am Hafen von New York keine Skulptur und kein Gemälde wartete, sondern ein monumentales Mosaik: über viereinhalb Meter hoch, mehr als zwei Meter breit, in reiner Handarbeit von einem alten Meister in Fès gefertigt. Ob es tatsächlich Momente der Verlegenheit gab, in denen sich UN-Mitarbeiter zunächst nach einem geeigneten Transportmittel und dann nach einem passenden Ausstellungsort umsahen, lässt sich heute nicht mehr im Detail belegen - doch die schiere Größe des Werks macht solche praktischen Hürden durchaus plausibel.
Am 3. April 1963 war es schließlich so weit: Hassan II. übergab das Mosaik persönlich an Generalsekretär U Thant, der die Gabe im Namen der Vereinten Nationen mit sichtlichem Dank entgegennahm. Es war kein zufälliges Beiwerk seines New Yorker Aufenthalts, sondern der Höhepunkt eines Besuchs, bei dem der König auch mit U Thant zu Abend speiste und die Beziehungen zwischen Marokko und den Vereinten Nationen weiter festigte.
Das Mosaik selbst erzählt seine eigene Geschichte - und eine, die komplizierter ist, als es die offizielle Übergabe vermuten lässt. Gestaltet im andalusischen Stil des zwölften Jahrhunderts, trägt es mehrere Inschriften: einen Koranvers über die Vielfalt der Völker und Stämme „O ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Wahrlich, der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste. Gott ist allwissend und wohlkundig“, die Präambel der UN-Charta und den Titel jener Charta in einem roten Rundfeld „Charta der Vereinten Nationen“, sowie in einem schmaleren Rahmenfeld, vermutlich eine Widmung, die König Mohammed V. gilt. Diese Inschriften fügen der Geschichte eine bemerkenswerte Ebene hinzu: Offenbar war das Mosaik ursprünglich von Mohammed V. in Auftrag gegeben worden. Fertiggestellt und überreicht wurde es jedoch erst zwei Jahre nach seinem Tod, durch seinen Sohn König Hassan II.
Bis heute hat das Mosaik seinen Platz gefunden, dort, wo sich das Gebäude der Generalversammlung mit dem Konferenzgebäude verbindet, am oberen Ende der Rolltreppe im zweiten Stock - ein Ort, den täglich Delegierte aus aller Welt passieren, meist ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich sehen: nicht nur eine Brücke zwischen islamischer Tradition und dem universalistischen Anspruch der Vereinten Nationen, sondern auch ein Denkmal für zwei Könige zugleich.
Die Zellige-Kunst, aus der das Mosaik besteht, gehört zu den anspruchsvollsten Handwerkstraditionen der islamischen Welt. Jeder einzelne Stein wird von Hand geschnitten, poliert und in ein geometrisches Muster eingepasst, das ohne figürliche Darstellung auskommt und doch von beeindruckender visueller Tiefe ist. Ein Werk dieser Größenordnung nach New York zu schicken bedeutete daher weit mehr als eine Geste der Höflichkeit. Es war eine bewusste Setzung: Marokko präsentierte sich als Land mit einer jahrhundertealten kulturellen Substanz, die sich neben den politischen Verhandlungen im Sicherheitsrat und der Generalversammlung durchaus behaupten konnte.
Dass ausgerechnet Hassan II. dieses Zeichen setzte, passt zu einer Zeit des Übergangs. Sein Vater Mohammed V., der Marokko 1956 in die Unabhängigkeit geführt und selbst schon 1957 vor der UN-Generalversammlung gesprochen hatte, war im Februar 1961 gestorben. Es lag nun an seinem Sohn, das außenpolitische Erbe fortzuführen - und ein Geschenk, das kulturelle Identität mit dem Vokabular internationaler Diplomatie verband, war dafür eine bezeichnende erste Geste. Wenn die Widmung im Holzrahmen tatsächlich seinem Vater galt, dann übergab Hassan II. an jenem Aprilnachmittag nicht nur ein Geschenk seines Landes, sondern auch ein letztes Vermächtnis seines Vaters - vollendet und überreicht von dem Sohn, der es zu Ende führen sollte.
Mehr als sechzig Jahre später erinnert sich kaum noch jemand an die Umstände jenes Aprilnachmittags 1963. Doch das Mosaik selbst ist geblieben - ein stiller, aus tausenden handgeschnittenen Steinen zusammengesetzter Beweis dafür, dass sich Diplomatie nicht nur in Reden, sondern manchmal auch im schieren Gewicht einer kulturellen Geste ausdrückt, die zwei Königen zugleich gehörte.