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Vergessene Verbindungen: Die Stadt, die den Atlantik überquerte

An der Atlantikküste Marokkos, dort wo heute El Jadida liegt, erinnert sich kaum jemand daran, dass ihr Name einst ein anderer war - und dass ein Teil ihrer Geschichte, kaum sichtbar, bis heute auf der gegenüberliegenden Seite des Ozeans weiterlebt. Rund 8.000 Kilometer entfernt, mitten im brasilianischen Amazonasgebiet, trägt ein kleiner Ort denselben Ursprung im Namen: Mazagão Velho. Was diese beiden Orte verbindet, ist keine bloße historische Fußnote, sondern eine der ungewöhnlichsten Migrationsgeschichten der Kolonialzeit - die eines Gemeinwesens, das nicht unterging, sondern über den Atlantik zog.

Eine Festung zwischen zwei Welten

Im frühen 16. Jahrhundert errichtete Portugal an der marokkanischen Atlantikküste eine seiner mächtigsten Überseefestungen. Mazagão, wie der Ort hieß, sicherte über Jahrhunderte den Handel zwischen Europa und Nordafrika und diente zugleich als militärischer Vorposten in einem Gebiet, das seit der Reconquista zwischen christlicher und muslimischer Herrschaft umkämpft war. Hinter den mächtigen Bastionen entstand eine eigentümliche Grenzgesellschaft, in der sich portugiesische, marokkanische und andalusische Einflüsse über Generationen hinweg vermischten. Die Zisternen, Wälle und Kirchenbauten, die von dieser Zeit zeugen, gelten heute als so bedeutend, dass die Altstadt von El Jadida seit 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt - als Zeugnis eines Austauschs, der weit über militärische Konfrontation hinausging.

Doch die Machtverhältnisse an der Atlantikküste verschoben sich. Unter Sultan Mohammed ben Abdallah, bekannt als Mohammed III., verfolgte Marokko im 18. Jahrhundert konsequent das Ziel, die letzten verbliebenen portugiesischen Stützpunkte zurückzugewinnen und die territoriale Einheit des Landes wiederherzustellen. Nach einer Belagerung entschied Lissabon 1769, die Festung endgültig aufzugeben - nach mehr als zweieinhalb Jahrhunderten portugiesischer Präsenz. Beim Rückzug wurde ein Teil der Anlage gesprengt. Die Ruine, die zurückblieb, erhielt im Volksmund bald einen bitteren Namen: al-Mahdouma, „die Zerstörte“. Erst im folgenden Jahrhundert sollte der Ort seinen heutigen Namen erhalten - El Jadida, „die Neue“.

Eine Gemeinschaft auf der Suche nach einer neuen Heimat

Was aus europäischer Perspektive oft als Rückzug beschrieben wird, war für die betroffene Bevölkerung vor allem eines: eine erzwungene Reise ins Ungewisse. Rund 2.000 Bewohner Mazagãos wurden zunächst nach Lissabon gebracht. Doch der portugiesische Premierminister Marquês de Pombal verfolgte weiterreichende Pläne: Die portugiesische Präsenz im Amazonasgebiet sollte gestärkt werden, und die entwurzelte Gemeinschaft aus Nordafrika erschien ihm dafür geeignet. So wurden die ehemaligen Bewohner Mazagãos noch im selben Jahr weiter nach Brasilien verschifft. 1.855 von ihnen erreichten Belém do Pará - eine Zahl, die zeigt, wie viele die Überfahrt und den Verlust der Heimat nicht überstanden oder sich unterwegs verloren.

Am 23. Januar 1770 wurde an den Ufern des Flusses Mutuacá, tief im Landesinneren des heutigen Bundesstaats Amapá, ein neuer Ort gegründet: Nova Mazagão. Im Juli desselben Jahres trafen die ersten 136 Familien dort ein, um endgültig zu siedeln. Die neue Umgebung hätte unterschiedlicher kaum sein können: Statt trockener Atlantikluft empfingen tropischer Regenwald, unbekannte Krankheiten und ein Klima, das die aus Nordafrika stammenden Siedler vor immense Herausforderungen stellte. Epidemien und wiederholte Missernten machten das Leben so schwer, dass bereits 1777 nur noch 343 der ursprünglichen Familien am Ort verblieben waren. Der Rest hatte die Siedlung wieder verlassen, in der Hoffnung auf ein leichteres Leben andernorts.

Und doch: Ein Kern der Gemeinschaft hielt stand. Aus Nova Mazagão wurde 1773 offiziell die Stadt, die heute als Mazagão Velho bekannt ist - und mit ihr blieb etwas erhalten, das widerstandsfähiger war als jede Mauer: die Erinnerung an die Herkunft.

Eine Schlacht, die jedes Jahr neu erzählt wird

Diese Erinnerung ist keine museale Angelegenheit geblieben. Bereits 1777 begannen die Nachfahren der Siedler, ihre Herkunftsgeschichte in einem jährlichen Fest lebendig zu halten - der Festa de São Tiago. Bis heute verwandelt sich Mazagão Velho zwischen Mitte und Ende Juli für rund zwei Wochen in eine offene Bühne: Prozessionen, Novenen und nächtliche Feste wechseln sich mit einer aufwendigen Theateraufführung ab, die den Kern des Festes bildet - die inszenierte Schlacht zwischen „Mauren“ und Christen. Der Überlieferung nach beginnt sie mit einem vergifteten Friedensangebot der Mauren, das durch einen maskierten Ball entlarvt wird, bevor die eigentliche Schlacht entbrennt und mit dem symbolischen Siegestanz der Christen endet.

Was auf den ersten Blick wie eine rein religiöse Legende wirkt, ist zugleich ein kollektives Erinnerungsritual an einen realen historischen Ort: die marokkanische Atlantikküste, an der Mazagão einst lag. Ergänzt wird das Fest durch den Marabaixo, einen afro-amazonischen Tanz mit Trommelbegleitung, der als immaterielles Kulturerbe Brasiliens anerkannt ist und die zusätzliche indigene und afrikanische Prägung der Region hörbar macht. In manchen Jahren verlegt die Landesregierung von Amapá sogar symbolisch ihren Regierungssitz für die Dauer der Feierlichkeiten nach Mazagão Velho - ein Zeichen dafür, welchen Stellenwert das Fest inzwischen für die kulturelle Identität des gesamten Bundesstaats besitzt. Zehntausende Besucher, in manchen Jahren bis zu 50.000, zieht die Festa de São Tiago inzwischen an. Nur einmal, im Pandemiejahr 2020, musste sie ausfallen; damals ersetzte eine Fernsehdokumentation die Live-Feierlichkeiten.

Eine transatlantische Erzählung

Was Mazagão von den meisten Kolonialgeschichten unterscheidet, ist die Beständigkeit der Erinnerung. Während unzählige Siedlungen ihre Ursprungsgeschichte im Lauf der Generationen verwässern ließen, hat sich in Mazagão Velho die Verbindung zur nordafrikanischen Herkunft erstaunlich klar erhalten - nicht als abstraktes Wissen, sondern als gelebte, jährlich wiederholte Praxis. Historiker sprechen mittlerweile von einer „transatlantischen Stadt“, deren Geschichte sich nicht auf einen Kontinent reduzieren lässt: Sie beginnt an der marokkanischen Küste, führt über Lissabon und endet - zumindest geografisch - im Regenwald Amazoniens. Kulturell jedoch bleibt sie bis heute eine Brücke zwischen beiden Ufern des Atlantiks.

Bemerkenswert bleibt dabei auch die marokkanische Seite dieser Geschichte. Die Rückeroberung Mazagãos war für Sultan Mohammed III. kein isolierter militärischer Akt, sondern Teil einer größeren außenpolitischen Strategie: Marokko sollte als souveräner Staat gegenüber den europäischen Mächten neu positioniert werden. Es ist bezeichnend, dass derselbe Sultan wenige Jahre später zu den ersten Herrschern weltweit zählte, die die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannten - ein weiteres Kapitel jener diplomatischen Weitsicht, die Marokko lange vor der europäischen Kolonialexpansion auszeichnete.

So ist die Geschichte Mazagãos am Ende mehr als die einer aufgegebenen Festung. Sie erzählt von Vertreibung und Neuanfang, von einer Gemeinschaft, die ihre Herkunft über einen ganzen Ozean hinweg bewahrte - und die bis heute, im brasilianischen Amazonasgebiet, jedes Jahr aufs Neue an die marokkanische Atlantikküste erinnert, von der sie einst aufbrechen musste.

Siehe auch Galerie "Die Stadt-die den Atlantik überquerte"