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Szenen der senegalesischen Wallfahrt in Fès

Die senegalesischen Pilger nutzen nach ihrem Hadsch in Mekka und vor ihrer Rückreise nach Dakar den Zwischenstopp auf dem Flughafen Mohammed V., in Casablanca, um das Mausoleum von Scheich Ahmed Tijani in Fès zu besuchen. Der Besuch des Schreins ist für seine religiösen Anhänger eine Pflicht.

Die Senegalesen, von denen bis zu 94 Prozent den vier großen Sufi-Orden Qadiriya, Tijaniya, Muridiya oder Lahiniya angehören, sind der festen Überzeugung, dass „der Islam für niemanden vollständig ist, wenn er nicht einem Orden angehört, und dass niemand ein Muslim sein kann, ohne einen Scheich zu haben, dem er folgt.

Am Tag vor der Ankunft der senegalesischen Wallfahrer befindet sich das Stadtviertel "Sidi Ahmed Tijani" in einem Ausnahmezustand. Zuschauer, Akteure, Gepäckträger, Neugierige und Immobilienmakler, alle zieht es zu einem der Tore im Westen der Stadt, benannt nach Mohamed Ibn al-Arabi al-Jamii, einem der Minister von Sultan Hassan I. Der hinter diesem Tor 1879 erbaute Palast wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den Franzosen in ein Luxushotel umgewandelt und in den 1960er Jahren erweitert.

Die jährliche Ankunft der senegalesischen Wallfahrer variiert je nach Jahreszeit und Zeitpunkt ihrer Ankunft in Fès, manchmal am Abend und manchmal spät in der Nacht. Die Bewohner des Viertels "Sidi Ahmed Tijani" warten mit Spannung und Vorfreude auf sie, und die Wartezeit vergeht langsam, langweilig und eintönig, so dass die Wartenden sich Vergnügungen ausdenken, um die Zeit bis zur Ankunft der Busse der Besucher zu überbrücken.

Eine dieser Vergnügungen soll zu Kühnheit, Mut und Tapferkeit beitragen.

Mitten im Nirgendwo, etwa zweihundert Meter vom Stadttor entfernt, befindet sich eine Mausoleums-Ruine mit dem Namen Sidi Bou Kouabi, umgeben von Gräbern und Räumlichkeiten, die weder Namen noch Hinweise auf ihre Identität haben. Davor befindet sich ein breiter Korridor, der die Gräber voneinander trennt und tagsüber von den jugendlichen als Fußballplatz genutzt wird, dem sich nach Sonnenuntergang niemand mehr zu nähern wagt.

Die Wette wird vorher mit einem festgelegten Geldbetrag für denjenigen, der dort hineingeht, einen Holzpflock einschlägt und dann zurückkehrt (beeinflusst von der Figur des Draculas, der aus dem Grab aufsteigt). Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemals Jemand sich traute, sich dorthin zu begeben, aus Angst vor Gespenstern und verborgenen Geistern.

Endlich tauchen die ersten Busse mit den senegalesischen Wallfahrern auf. Und kommen schließlich vor dem Tor des Hotels Palais Jamii zum Stehen. Minuten später steigen sie aus, Dutzende von großen, stämmigen schwarzen Männern in langen weißen, grauen oder dunkelvioletten Gewänden. Ihre Frauen tragen farbenfrohe Brokatkleider, ihre Köpfe sind mit Tüchern bedeckt, ähnlich farbenfroh wie ihre Kleider. Ihre Handgelenke und Finger sind mit dicken Goldringen beschwert, und dicke goldene Ohrringe baumeln an ihren Ohren. Männer und Frauen zeigen Zeichen von Anmut und Wohlstand, im Gegensatz zu den verkümmerten Körpern, die wir auf den Bildschirmen als Zeugen der Hungertragödie in Afrika sehen. Die Reise nach Mekka und dann nach Fès ist teuer, etwas, das sich nur wohlhabende Senegalesen leisten können.

Senegalesische Wallfahrer Foto  Eberhard Hahne Sobald ihre Koffer, Taschen und Reisebündel auf dem Boden landen, beeilen sich die Wartenden, sie mit Erlaubnis ihrer Besitzer gegen eine großzügige Spende auf ihren Schultern und Rücken zu tragen. Ein Fußmarsch beginnt, eine menschliche Karawane, die den Hang der Westseite der Altstadt in Richtung der Zawiya Tijaniya hinunterzieht.

Hier, am Mausoleum Sidi Ahmed Tijani, landet die Menschenmenge als erstes, damit die Wallfahrer das Grab des Scheichs besuchen können. können. Der Hadith sagt: "Reist nur zu drei Moscheen", sie aber reisen zu einer vierten, dem Mausoleum „Sidi Ahmed Tijani“, in dem der Leichnam von Scheich Tijani begraben ist. Der Zawiya-Raum verwandelt sich in eine Miniaturversion der Großen Pilgerfahrt, mit Gepäck hier und da und einem Zustand der Wachsamkeit und Besorgnis bei den Aufsehern und den Zawiya-Wächtern, deren Gesichter in Erwartung des „Guten“ aufleuchten lässt.

In der ersten Nacht beziehen die Besucher, deren Verbindung zum Viertel sehr stark ist, ihre Unterkünfte. Sie mieten Häuser oder Wohnungen oder verbringen die Nacht im Raum der Moschee, bis sie am nächsten Tag eine Unterkunft finden. Außerhalb des Zawiya-Geländes wird derweil daran gearbeitet, die Landschaft rund um die Zawiya herzurichten.

Fes Altstadt, Kerzen für die HeiligenAm nächsten Morgen sieht die gegenüberliegende Seite des Sidi Ahmed Tijani-Heiligtums ganz anders aus, als ob ein Filmteam hinter dieser Verwandlung stünde, das eine alltägliche Szene in eine Kulisse verwandelt. Das Geschäft, das gestern noch Lebensmittel verkaufte, der Immobilienmakler, die Schneiderei, die Buchhandlung und viele andere verwandeln sich über Nacht in Läden, in denen Textil- und Lederwaren, Mützen, Rosenkränze, Tücher, Westen und andere Strickwaren angeboten werden. All diese neuen Waren leihen sich die Verkäufer u.a. von den Händlern in Caesarea aus, wodurch sich das Viertel selbst in eine Art Mini-Caesarea verwandelt.

Auf diese Weise wird die Wahre den Besuchern nähergebracht. In einigen Häusern und Wohnungen werden auch attraktive Angebote gemacht, um senegalesische Gäste zu empfangen. Eines der großen Häuser in der Nachbarschaft wird sogar in ein Restaurant umgewandelt, um die Wallfahrer anzulocken, um dort speziell für sie zubereitete Mahlzeiten einnehmen. Allerdings interessieren sich diese Besucher wenig für die marokkanische Küche. Sie sind froh, wenn sie die Küche des Restaurants mieten können, um ihre afrikanischen Mahlzeiten mit in Fett schwimmendem Fleisch mit Reis, scharfen Gewürzen und saftigen Tomaten zu kochen.

Fes Altstadt: Marokkanisches kunsthandwerk: Utensilien aus Bronze, Silber und anderen WerkstoffenInmitten dieses kommerziellen und festlichen Ereignisses ist Ahmed Rifi, genannt „Toumbi“ (der Name des ehemaligen Premierministers von Kongo), der absolute Star, ein Intellektueller, der gerne liest und Kulturprogramme im In- und Ausland hört, wie zum Beispiel die Arabic BBC in London. Seine Vorliebe gilt den Rothaarigen. Die senegalesischen Wallfahrer lieben und bewundern ihn. Sie begleiten ihn durch die verschlungenen Wege auf ihren Touren durch die Stadt und unterstützten ihn gar, wenn er sich nicht mehr gerade auf den Beinen halten kann. Diese Bewunderung beruht auf seinem guten Gedächtnis und seinem umfassenden Wissen über den Senegal und Westafrika, insbesondere über die Stadt Dakar, über die er viele Geschichten und Neuigkeiten weiß, insbesondere aus seiner umfangreichen Lektüre der Zeitschrift "Jeune afrique", die er mit großem Interesse verschlingt.

Ahmed Rifi erzählt den Wallfahrern von Ereignissen und senegalesischen Städten, als ob er dort gelebt hätte. Er erzählt mit Begeisterung vom Kino „Allahu Akbar“ in der Hauptstadt Dakar, nach dessen Fertigstellung ein Mann, der gerade des Weges kam und beeindruckt vom majestätischen Bau, seine Bewunderung zum Ausdruck brachte durch den Ausruf: „Allahu Akbar“. Der Eigentümer des Kinos, der zu dem Zeitpunkt anwesend war und die Worte des Mannes hörte, beschloss unmittelbar das Kino „Allahu Akbar“ zu benennen.

Die Wallfahrer hatten stets das Gefühl, Ahmed Rifi gehöre zu ihnen. Er verkörpert die Autorität von Kultur und Wissen und nimmt inmitten des frenetischen Profitstrebens einen herausragenden und respektvollen Platz ein. Er fungiert als Vermittler zwischen Zawiya und den Wallfahrern, und man verlässt sich auf ihn, wenn es um die Lösung von Problemen, Dilemmas oder Missverständnissen geht.

Nach der Wallfahrt, wenn die Menschenkarawane auf demselben Weg wie bei ihrer Ankunft zum Tor des Hotels Palais al-Jamii zurückkehrt, beladen mit Taschen, Koffern und Bündeln, die um ein Vielfaches größer und schwerer wurden als bei ihrer Ankunft, haben die Männer in der Regel andere Gewände an als bei ihrer Ankunft. Sie haben Djelabas, rote Fez-Hüte mit Turbanen, und ihre Frauen tragen marokkanische Kleider. Sie besteigen ihre Busse nachdem sie von ihren Begleitern, Trägern und Vermittlern verabschiedet werden.

Dann kehren die marokkanischen „Gastgeber“ in ihr Viertel zurück. Während einige ihre Dirhams und senegalesischen Francs zählten, verschwindet nach und nach die filmische Szene, die dem Viertel für eine Weile einen Hauch von Glamour verliehen hatte.

Ausflug in die Historie des Sufismus bzw. der islamischen Orden

Der Islam kam mit den Almoraviden nach Westafrika und wurde dort von Lehrern eingeführt, von denen sich viele in wichtigen Zentren wie Timbuktu, Djenne, Chinguett, Peru und Koki niederließen.

Qadiriya-Orden

Ab dem 15. Jahrhundert n. Chr. verbreitete sich in Westafrika erstmals der Qadiriya-Orden, benannt nach Abdul Qadir al-Jilani (1166-1077). Dieser Orden gelangte zunächst durch die Nachkommen seiner Söhne Ibrahim (gestorben 1196 n. Chr.) und Abdul-Aziz (gestorben 1205 n. Chr.), die aus Andalusien nach Fès kamen. Später wurde der Orden von Muhammad ibn Abd al-Karim al-Mughaili (1425-1504) in das Niger-Flussgebiet eingeführt. Doch erst im 18. und 19. Jahrhundert verbreitete sich der Qadiri-Orden im Senegal durch Scheich Mukhtar al-Kunti (gest. 1811) und Scheich Muhammad al-Fadil ibn Mamina (gest. 1869), die auch außerhalb des Senegals und unter den meisten Sudanesen weithin anerkannt waren und Anhänger hatten. Allein im Senegal gibt es etwa eine Million Qadiris

Tijani Orden

Der unter den Senegalesen am weitesten verbreitete Orden ist der Tijani-Orden, benannt nach Ahmad Ibn Muhammad Ibn al-Mukhtar al-Tijani (1737 in Ain Madi im heutigen Algerien geboren und 1815 in Fès begraben). Seine Anhänger machen mindestens 50% der Gesamtbevölkerung von 14 Millionen im Senegal aus.

Der Tijaniya-Orden wurde im Senegal von dem senegalesischen Scheich Omar bin Said al-Foti (1796-1864) eingeführt, der in den islamischen Wissenschaften sehr bewandert war und dann bei seinen beiden Scheichs Mouloud Fall al-Shanqiti und Abdelkarim von Fouta Jallon studierte, von denen er die Tradition übernahm.

Nach seiner Pilgerreise im Jahre 1827 und seiner Begegnung in Medina mit Muhammad al-Ghali, einem Schüler von Scheich Ahmad al-Tijani, kehrte er mit der Idee in den Senegal zurück, “die Reihen der Muslime in seinem Land zu vereinen, um die unter ihnen lebenden "Heiden" zu bekämpfen“. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger Hadsch Malik (1855-1922), der ebenfalls maßgeblich an der Ausbreitung des Tijani-Ordens im Senegal beteiligt war, war er der Ansicht, dass Gehorsam gegenüber dem französischen Staat für alle Anhänger des Ordens und andere Muslime, die im Senegal leben wollten, eine Pflicht sei, wie er sagte: "Ihr solltet mit dem französischen Staat einverstanden sein, denn Gott, der Allmächtige, hat ihn mit Sieg, Gunst und Vorteil begünstigt und ihn zum Grund für die Erhaltung unseres Blutes gemacht. Deshalb müssen wir zu den Franzosen höflich sein und nichts von uns geben, was ihnen nicht gefällt, denn bevor sie zu uns kamen, waren wir unter Gefangenen, Mördern und Plünderern, sowohl unter Muslimen als auch Ungläubigen. Wären sie nicht gewesen, so wären wir es bis heute geblieben, besonders in dieser Zeit."

Muridischer Orden

Der dritte und zweitgrößte religiöse Orden im Senegal ist der Muridismus (abgeleitet vom Namen Irada, der in der Sufi-Gemeinschaft weit verbreitet ist). Die Stadt Touba ist eine Pilgermetropol und liegt in der Region Diourbel. Touba ist mit einer dreiviertel Million Einwohner die größte Ansiedlung des Landes außerhalb der Hauptstadtregion. Sie wurde im späten 19. Jahrhundert von Scheich Ahmed Bamba Mbeki (1853-1927) gegründet, der zu einer Erneuerung des Sufismus in allen religiösen, wirtschaftlichen, politischen und intellektuellen Aspekten des senegalesischen Lebens aufrief. Nach dem Tod des Scheichs vergrößerte sich die Basis des Ordens, und seine Söhne übernahmen die Leitung der Angelegenheiten, so dass die Zahl der Anhänger auf 5 Millionen anstieg.

Lahinistischer Orden

Der Lahinistische Orden (nach dem Namen "Alahi, Gott") wurde von Bass Tiao (1843-1909) gegründet, der den Spitznamen "Imamu" trug, was so viel wie "der Imam" bedeutet. Er predigte, dass die Menschen sich von Spielen und Vergnügungen fernhalten sollten und rief zu Askese, Frömmigkeit und Achtung der Rechte und Pflichten auf. Dieser Orden steht an vierter Stelle, was die Zahl der Anhänger betrifft, die sich auf etwa 150.000 Personen beläuft.

Sufismus in Westafrika

Der Sufismus in Westafrika, insbesondere im Senegal, ist nach wie vor ein wichtiges Bollwerk gegen religiösen Extremismus. Diese Traditionen sind trotz ihres Alters und ihrer Verwurzelung in der Gesellschaft mit dem starken Wachstum der salafistischen Strömungen konfrontiert.

Diese salafistischen Strömungen ziehen jugendliche in ihren Bann und sind heute aktiver denn je. Insbesondere werden diese von westafrikanischen Studenten eingeführt, die ihre religiöse Ausbildung in den arabischen Golfstaaten erhielten.