Die Stimme Hind Rajabs: Ein Film, der Berlin verstummen ließ
Ein Film, der ohne Bilder der Gewalt auskommt und gerade dadurch erschüttert: Die Geschichte von Hind Rajab verwandelt sich in ein akustisches Zeugnis, das weit über ein individuelles Schicksal hinausweist - hin zu der Frage, welche Verantwortung Bilder, Stimmen und Schweigen in Zeiten von Krieg tragen.
Das Publikum der Stadt Berlin hatte Ende des vergangenen Monats Gelegenheit, eine der letzten Vorführungen des Films „Die Stimme Hind Rajabs“ im Kino Lichtblick-Kino zu sehen. Der Film lief zuvor über mehrere Monate hinweg in verschiedenen Kinos der Stadt, nachdem er im Rahmen der 76. Ausgabe der Berlinale 2026 präsentiert worden war, zudem auch außerhalb des offiziellen Festivalprogramms gezeigt wurde.
Der Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde im Rahmen der Initiative „Cinema for Peace“ auf der Berlinale als „wertvollster Film“ ausgezeichnet. Bereits zuvor hatte das Werk 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Silbernen Löwen gewonnen und zahlreiche weitere internationale Preise erhalten.
Die Filmografie von Kaouther Ben Hania umfasst mehrere preisgekrönte Werke, darunter „Die Töchter von Ulfa“, ausgezeichnet beim Red Sea Film Festival 2023, ihr Langfilm „Zaineb Hates the Snow“, der 2016 die Goldene Tanit-Trophäe bei den Journées Cinématographiques de Carthage erhielt, sowie der Kurzfilm „Hand aus Holz“, der 2014 beim Kairoer Filmfestival den Publikumspreis gewann.
Kein Frieden ohne Rechenschaft
Trotz der Bedeutung der Auszeichnung auf der Berlinale, einem der weltweit wichtigsten Filmfestivals, lehnte die Regisseurin Kaouther Ben Hania die Entgegennahme des Preises ab. Ihr Protest richtete sich gegen die Ehrung des ehemaligen israelischen Generals Noam Tibon.
Ben Hania verweigerte die Annahme der Auszeichnung für ihren Film, der im Rahmen von „Cinema for Peace“ geehrt wurde, aus Protest gegen die Würdigung Tibons für seine Rolle im Dokumentarfilm „The Road Between Us: The Ultimate Rescue“ des kanadischen Regisseurs Barry Avrich. Dieser Film erzählt von der Entscheidung des Generals, während der Ereignisse des 7. Oktober 2023 von Tel Aviv in eine Siedlung nahe dem nördlichen Gazastreifen zu reisen, um seinen Sohn und dessen Familie zu retten.
Der Film war zunächst aus dem Programm des Toronto International Film Festival entfernt worden, wurde später jedoch nach öffentlichen Debatten wieder aufgenommen. Bei seiner ersten Vorführung kam es zu Protesten, bei denen palästinensische Flaggen gezeigt wurden; die Polizei nahm dabei eine Person fest.
Ben Hania ließ die Trophäe bewusst im Saal zurück. Für sie symbolisiert sie keine Würdigung der Kunst, sondern sei vielmehr eine „Erinnerung an das Blut“ und an die Verbrechen, die gegen die Menschlichkeit, verkörpert im palästinensischen Volk, begangen werden.
Ein Film, der Stimmen versammelt
„Die Stimme Hind Rajabs“ wurde 2025 als internationale Koproduktion mit Beteiligung aus Frankreich, Tunesien, den USA, Großbritannien, Zypern, Saudi-Arabien und Italien realisiert. Auch bekannte Persönlichkeiten aus Hollywood beteiligten sich an der Produktion, darunter Brad Pitt, Joaquin Phoenix, Rooney Mara sowie der Regisseur Jonathan Glazer und weitere Mitwirkende. Die Spielszenen wurden in Tunesien gedreht.
Die Regisseurin kombiniert in ihrem Werk dokumentarische und fiktionale Elemente. Rekonstruierte Szenen zeigen die Arbeit des palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah, dargestellt von vier palästinensischen Schauspielern. Gleichzeitig greift der Film auf rund 70 Minuten originaler Tonaufnahmen zurück - Telefonate zwischen Rettungskräften im Westjordanland, dem Onkel des Mädchens in Deutschland sowie ihrer Mutter, die sich in der Nähe des Angriffs befand.
Im Zentrum steht die fünfjährige Hind Rajab, die nach einem Angriff der israelischen Armee in einem Auto eingeschlossen war. Alle anderen Insassen ihrer Familie wurden getötet, während sie selbst stundenlang eingeschlossen und in Lebensgefahr blieb.
Die Handlung konzentriert sich fast vollständig auf die Einsatzzentrale des Roten Halbmonds in Ramallah. Die Gewalt des Krieges wird dabei nicht durch Bilder von Zerstörung vermittelt, sondern ausschließlich durch die Originalstimme des Kindes.
Am 29. Januar 2024 befand sich Hind Rajab gemeinsam mit Verwandten auf der Flucht vor den Angriffen auf Gaza. Ihr Fahrzeug wurde angegriffen; sie war die einzige Überlebende und blieb im Wagen eingeschlossen.
Die Suche nach dem „grünen Licht“
Freiwillige des Roten Halbmonds erhielten einen dringenden Notruf: Ein fünfjähriges Mädchen sei in einem Fahrzeug eingeschlossen. Mitarbeiter versuchten, Hind telefonisch zu beruhigen und gleichzeitig Informationen über ihre Lage zu erhalten. Zwei Mitarbeiter - Omar und Rana - wechselten sich dabei ab.
Parallel dazu bemühte sich der Einsatzleiter Mehdi um eine Genehmigung der israelischen Armee, um Rettungskräfte zum Ort schicken zu dürfen. Diese „grüne Freigabe“ blieb zunächst aus. Es folgten zahlreiche Kontakte mit anderen Stellen, darunter Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde und medizinische Fachkräfte.
Während sich die Situation zuspitzte, kam es zu Spannungen innerhalb des Teams: Omar drängte auf alternative Wege zur Rettung, während Mehdi zögerte, das letzte verbleibende Rettungsteam zu riskieren. Schließlich wurde die Genehmigung erteilt. Ein Krankenwagen machte sich auf den Weg, seine Route wurde über das Internet koordiniert, um Hindernisse zu umgehen. Hoffnung breitete sich aus - bei den Helfern ebenso wie beim Publikum. Dem Mädchen und ihrer Mutter wurde mitgeteilt, dass Hilfe nur noch Minuten entfernt sei.
Doch kurz bevor das Rettungsfahrzeug sein Ziel erreichte, waren Schüsse und eine Explosion zu hören. Die Verbindung brach ab. Stille folgte.
Spätere Aufnahmen zeigen die verbrannten Überreste des Autos sowie den zerstörten Krankenwagen. Zwanzig Tage später, nach dem Rückzug der israelischen Armee, wurden am 10. Februar 2024 die sterblichen Überreste von Hind Rajab, ihren Angehörigen sowie zwei Rettungskräften gefunden. Laut Darstellung des Films war das Fahrzeug von 355 Kugeln getroffen worden. Der Fall erregte weltweit Aufmerksamkeit und führte zu Protesten in zahlreichen Hauptstädten.
Eine Stimme, die mehr als eine ist
Obwohl der Film nahezu ausschließlich an einem Ort spielt, gelingt es der Regisseurin, eine intensive Spannung zu erzeugen. Gefühle von Angst, Hoffnung und Entsetzen wechseln sich ab - ohne dass explizite Gewaltszenen gezeigt werden. Die Wirkung entsteht allein durch Stimmen: jene der Schauspieler, die die Helfer verkörpern, und die Originalaufnahmen der realen Beteiligten. Die Besetzung mit palästinensischen Schauspielern verleiht dem Film zusätzliche Authentizität.
„Die Stimme Hind Rajabs“ gilt als das bislang schnellste Projekt der Regisseurin. Bereits im September 2025 wurde er bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt, wo er große Anerkennung fand und mehrere Preise gewann.
Trotz dieses Erfolgs lehnte Ben Hania die Berliner Auszeichnung ab und erklärte: „Ich werde den Preis erst annehmen, wenn das Streben nach Frieden eine rechtliche und moralische Verpflichtung wird, die auf Rechenschaft basiert.“ Sie betonte, dass Frieden nicht ohne Gerechtigkeit und Gleichheit gedacht werden könne. Der Film, so ihre Worte, handle nicht nur von einem einzelnen Kind, sondern von einem System, das solche Taten ermögliche. Zugleich kritisierte sie offen die Ehrung von Persönlichkeiten, die politische Narrative unterstützten, welche Gewalt gegen Zivilisten als „Selbstverteidigung“ darstellen.
„Frieden ist kein Duft, den man über Gewalt sprüht - ohne Rechenschaft gibt es keinen Frieden“, sagte sie. Für Ben Hania ist Kino kein Mittel zur „Imagepflege“ oder ästhetischen Verschleierung von Gewalt. Die Ereignisse um Hind Rajab und die getöteten Rettungskräfte seien Teil einer Realität, die durch internationale politische und institutionelle Unterstützung ermöglicht werde.
Man verlässt den Saal anders, als man ihn betritt
Das Publikum im Lichtblick-Kino - überwiegend junge Menschen, einige mit palästinensischen Kufiyas - erlebte den Film in nahezu völliger Stille. Während vor der Vorstellung Gespräche und Gelächter den Raum erfüllten, herrschte während der 90 Minuten absolute Ruhe. Selbst kleine Geräusche blieben aus. Getränke wurden nicht angerührt. Der Film ließ die Zuschauer erstarren. Nach dem Ende verließen viele den Saal schweigend, in sich gekehrt, bemüht, das Gesehene zu verarbeiten.
Auch innerhalb der Berlinale blieb der Film nicht ohne Wirkung. Mehr als 80 Filmschaffende unterzeichneten einen offenen Brief an die Festivalleitung, in dem sie eine klare Position zum Krieg in Gaza forderten. Unter den Unterzeichnern befanden sich bekannte Namen wie Tilda Swinton, Javier Bardem sowie die Regisseure Mike Leigh und Adam McKay.
Über Idriss Al-Jay
Übersetzung aus dem Arabischen