Platz Boujloud oder der Traum von der ostwestlichen Einheit

Was dem Marrakshi der Djema el Fna ist, ist für den Fassi der Place Boujloud. Hier triff man sich, flaniert, lauscht den Geschichtenerzählern, bewundert die Akrobaten oder versucht sein Glück bei Geschicklichkeitsspielen. Er ist nicht so berühmt wie sein Pendant in Marrakesch, aber dafür ist seine historische Bedeutung um so vielschichtiger, Wir nehmen sie mit auf einen Rundgang.

 

 

Siehe auch Teil 1: Platz Boujloud oder „das Königreich der Mauersegler“

Im Südosten des Place Boujloud befindet sich eine Kasbah mit einem imposanten Tor, welches den einzigen Zugang in die Wohnburg darstellt. Sie besitzt mehrere Namen: „Kasbah al-Nuwar[1], Kasbah al-Shurafa[2]  oder Kasbah Filala[3]. Die Kasbah wurde im 13. Jahrhundert als Militärkaserne erbaut.

Im Laufe der Zeit wurde sie in ein Wohngebiet umgewandelt, in der Familien der damaligen Soldaten oder Zugewanderte, insbesondere aus den südöstlichen Regionen Marokkos, wohnten.

Unweit des mächtigen Tors durchschreitet man ein weiteres bedeutendes Tor, Das Bab al-Mahrouq (Tor des Verbrannten), das den Place Boujloud mit den vor den Stadtmauern liegenden Gemüsegärten, Friedhöfen und mit der militärischen Kasbah verbindet, der Kasbah Schrarda[4]. Bab al-Mahrouq, ein Name, der an ein abscheuliches Verbrechen aus dem 14. Jahrhundert erinnert, dem Verbrennen des Körpers des großen andalusischen Gelehrten Lisan Al-Din Ibn Al-Khatib (1313-1374). Ibn Al-Khatib wurde von seinen Feinden aus Neid ermordet. Er bekleidete seinerzeit einen hohen Rang unter dem Sultan Abu Faris (1349-1372). Sie bezichtigten ihn des Atheismus, der Gotteslästerung, Häresie und vieles mehr. Er wurde im Gefängnis erwürgt, zunächst begraben, dann am nächsten Tag wieder ausgegraben und über seinem Grab verbrannt. Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 wurde seine Würde wieder rehabilitiert und auf seinem Grab ein Mausoleum errichtet.

Eingang zu der Kasbah mit den Namen Al-Nuwar, Al-Shurafa oder auch Filala, Foto: Eberhard Hahne

Das Grab von Ibn al-Khatib wurde von zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten besucht, wie von Gamal Abdel Nasser bei seinem ersten Besuch in Marokko 1960 in Begleitung des damaligen marokkanischen Königs Muhammed V.

Der östliche Teil der Kasbah von Schrarda wurde nach Beginn des französischen Protektorats 1912 in ein Krankenhaus umgewandelt, man gab ihr den Namen des Krankenpflegers Claude Cocard „Krankenhaus Claude Cocard“. Nach der Unabhängigkeit wurde der Name in „Krankenhaus Lisan Al-Din Ibn Al-Khatib“ geändert.

Von der Nordostseite des Platzes her öffnet sich das kleine Tor wie ein Spalt zwischen den Rippen einer alten Mauer für den Autoverkehr. Es führt auf die Friedhöfe von Bab al-Mahrouq und auf das Grab des Abu Bakr Ibn al-Arabi (1076-1148), einer der großen Gelehrten Andalusiens, der seinen Vater als Botschafter Marokkos begleitete. Dort traf er  Al-Ghazālī, Abu Bakr at-Turtuschi und Al Chachi und übergab ihnen einen Brief von Yusuf ibn Taschfin (1009-1106) an die Abbasiden, in dem sie aufgefordert wurden den islamischen Osten mit dem Westen zu vereinen.

Theater und Politik

Auf der Westseite des Platzes Boujloud befindet sich das Tor eines der alten Paläste, das ebenfalls aus dem 13. Jahrhunderts stammt und 1917 in eine Bildungseinrichtung - in das erste moderne Gymnasium in Marokko mit dem Namen Moulay Idriss - umgewandelt wurde. Dieses Gebäude hat bis heute seinen marokkanisch-andalusischen Baustil beibehalten. Es verfügt über ein Amphitheater gleichen Baustils für pädagogische und künstlerische Aktivitäten. Hier entstand die erste Theatergruppe Marokkos. Auch bildete sich unter seinem Dach eine aktive Studentenzelle, die sich mit politischen Aktionen für die Unabhängigkeit Marokkos einsetzten.

Bab N'sara, Tor der Franzosen Anfang des 20 ten JH

Im Süden des Platzes befand sich das Tor Bab Boujloud II, Es führte nach Fes-Jdid, der weißen Stadt, (1244-1465) von den Meriniden gegründet. Es wurde von den Franzosen im Stil der französischen Triumphbögen erbaut und von den Einheimischen Bab Nsara (Tor der Christen) genannt. Für die Fessis (Bewohner von Fes) stellte dies eine Provokation dar und sie weigerten sich, es zu passieren. sogar eine Fatwa wurde von einige Gelehrte ausgesprochen: "Wer es betritt, ist ein Ungläubiger". Den Franzosen blieb nichts anderes übrig als es abzureißen und an dessen Stelle das heutige Tor zu errichten.

Jnan Sbil, Foto: Eberhard Hahne

Gleich hinter diesem erstreckt sich über eine Fläche von 8 Hektar ein öffentlicher Park im maurischen Baustil aus dem 18. Jahrhundert. Er war Teil des königlichen Palastes der Frauen. Der Park wurde 1917 als Geschenk den Einwohnern von Fes zugänglich gemacht, daher der Name "Jnan Sbil", was so viel wie "Geschenk" bedeutet. Jnan Sbil ist der älteste öffentliche Park Marokkos, mit einer einzigartigen Architektur, mit sehenswerter Flora und Fauna und einem See. Es gab Wasserräder und Cafés, von denen jeweils nur eines erhalten blieb.

Das letzte Café, „Café Naora" (Das Wasserrad-Café), befindet sich an Rand des Parks, mit Blick auf das einzig verbliebene Wasserrad. Im Innenbereich kann man eine kleine Bilderausstellung mit Fotos von Fes aus dem 20. Jahrhundert entdecken.

Fortsetzung folgt:

Ein unvollendetes Modernitätsprojekt
Symphonie der Mauersegler

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[1] Kasbah al-Nuwar: Kasbah der Blüten

[2] Kasbah Shurafa: Menschen, deren Abstammung auf den Propheten zurückzuführen ist. Sie haben ein ähnliches Ansehen wie Adlige

[3] Kasbah Filala: Auch "Tafilalt", eine Region im Südosten Marokkos

[4] Kasbah Schrarda: Schrarda sind Stämme aus dem Westen Marokkos, die Mitte des 17. Jahrhunderts nach Fes kamen


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