Marokkos Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft: Die Vision Mohammeds VI.
Die Frage, woran sich gute Herrschaft bemisst, begleitet die politische Philosophie seit Jahrhunderten. Kulturen und Epochen haben darauf unterschiedliche Antworten gefunden. Ein Gedanke aber kehrt immer wieder: Verantwortung erschöpft sich nicht darin, auf die Anforderungen der Gegenwart zu reagieren. Sie zeigt sich auch darin, welche Möglichkeiten eine Gesellschaft für ihre Zukunft schafft.

Für einen König, dessen Regierungszeit nicht dem Rhythmus von Legislaturperioden folgt, erhält dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Als Mohammed VI. im Juli 1999 den marokkanischen Thron bestieg, übernahm er ein Land an einer historischen Schwelle. Marokko war eng mit Europa verbunden, zugleich fest in seiner arabischen und afrikanischen Geschichte verwurzelt. Es stand vor der Aufgabe, wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung mit einer Identität zu verbinden, die aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen gewachsen war.
Mehr als 27 Jahre später lässt sich diese Epoche nicht auf Häfen, Bahnlinien, Industrieanlagen oder einzelne Reformen reduzieren. Diese sichtbaren Veränderungen sind wichtig. Entscheidender ist jedoch die Vorstellung von Entwicklung, die sie miteinander verbindet.
In diesem Sinne gibt es ein Marokko vor 1999 und eines danach.
Das bedeutet keinesfalls einen Bruch mit der Vergangenheit. Mohammed VI. trat das Erbe seines Vaters Hassan II. an und entwickelte den Staat auf diesem Fundament weiter. Doch die Perspektive veränderte sich. Wirtschaftliche Öffnung, Infrastruktur, gesellschaftliche Reformen, die Hinwendung zu Afrika und eine zunehmend eigenständige internationale Positionierung wurden Teile eines Prozesses, dessen zeitlicher Maßstab nicht Jahre, sondern Jahrzehnte umfasst.
Eine Politik, die in Jahrzehnten denkt
Demokratische Politik in Europa bewegt sich zwangsläufig im Rhythmus von Wahlen und Regierungsperioden. Das gehört zu ihrem Wesen. Die marokkanische Monarchie folgt einer anderen politischen Zeitrechnung. Ihre Kontinuität ermöglicht es, strategische Vorhaben über Zeiträume zu verfolgen, die mehrere Regierungen umfassen. Darin liegt ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis der Regierungszeit Mohammeds VI.
Tanger Med, das Hochgeschwindigkeitsnetz, der Aufbau der Automobil- und Luftfahrtindustrie, erneuerbare Energien oder die Entstehung neuer Wirtschafts- und Forschungszentren sind sehr unterschiedliche Vorhaben. Betrachtet man sie jedoch gemeinsam, wird eine Linie sichtbar: Infrastruktur soll Industrie ermöglichen, Industrie soll Wissen und Beschäftigung schaffen, Energiepolitik soll wirtschaftliche Handlungsspielräume erweitern, und neue Verkehrswege sollen Marokko enger mit internationalen Märkten verbinden.
Tanger Med ist dafür ein besonders sichtbares Beispiel. Ein Hafen allein verändert kein Land. Seine Bedeutung entsteht durch das, was sich um ihn herum entwickelt: Verkehrswege, Industriegebiete, Logistik, internationale Unternehmen und neue Verbindungen zwischen marokkanischer Produktion und den Märkten Europas, Afrikas und darüber hinaus.
So betrachtet, liegt die Besonderheit weniger im einzelnen Großprojekt als im Zusammenhang zwischen den Projekten. Dieser lange Horizont bedeutet nicht, dass wirtschaftliche Entwicklung alle gesellschaftlichen Fragen beantwortet. Bildung, Gesundheitsversorgung, soziale Unterschiede und die Perspektiven junger Menschen bleiben Herausforderungen, an denen sich der Fortschritt des Landes ebenso messen lassen muss. Moderne Infrastruktur kann Voraussetzungen schaffen. Eine moderne Gesellschaft entsteht daraus nicht automatisch. Gerade deshalb bleibt Entwicklung ein offener Prozess.
Afrika als strategische Entscheidung
Kaum eine Veränderung der vergangenen Jahrzehnte verdeutlicht den langfristigen Ansatz so sehr wie Marokkos Hinwendung zu Afrika. Marokko war geografisch immer Teil Afrikas. Über lange Zeit war seine wirtschaftliche und politische Orientierung jedoch wesentlich stärker auf Europa ausgerichtet. Unter Mohammed VI. erhielt der afrikanische Kontinent einen anderen Stellenwert.
Die zahlreichen Reisen des Königs in afrikanische Staaten waren mehr als diplomatische Gesten. Ihnen folgten wirtschaftliche Beziehungen, Investitionen, Banken, Telekommunikation, Ausbildung, religiöser Austausch und politische Kooperation. Mit der Rückkehr Marokkos in die Afrikanische Union im Jahr 2017 fand diese Entwicklung auch institutionell ihren Ausdruck. Dahinter steht eine Vorstellung, die inzwischen zu einem wesentlichen Bestandteil marokkanischer Außenpolitik geworden ist: Das Land liegt nicht am Rand Europas, sondern an einer Schnittstelle mehrerer Räume. Europa bleibt dabei von zentraler Bedeutung, ist aber nicht mehr der einzige Horizont. Westafrika, die Sahelzone, der Atlantik und die arabische Welt gehören ebenso zu einer Außenpolitik, die ihre Partnerschaften zunehmend diversifiziert. Marokkos geografische Lage hat sich nicht verändert. Verändert hat sich die Art, wie das Land sie versteht.
Der Süden als Öffnung
Auch die südlichen Provinzen gehören für Mohammed VI. zu dieser langfristigen Perspektive. Laâyoune und Dakhla werden nicht allein unter dem politischen Gesichtspunkt des Sahara-Konflikts betrachtet. In den vergangenen Jahren rückte ihre wirtschaftliche Entwicklung stärker in den Mittelpunkt: Verkehrswege, Energie, Häfen, Stadtentwicklung, Ausbildung und Tourismus sollen die Region enger mit dem übrigen Land und zugleich mit Westafrika verbinden.
Besonders Dakhla steht für diese Vorstellung. Seine Lage am Atlantik macht die Stadt aus marokkanischer Sicht nicht zum Endpunkt des Landes, sondern zu einem möglichen Ausgangspunkt nach Süden. Damit verbindet sich die Entwicklung der südlichen Provinzen mit der afrikanischen Strategie des Königreichs. Infrastruktur erhält eine geopolitische Dimension: Straßen und Häfen verbinden nicht nur Orte, sondern können neue wirtschaftliche Räume entstehen lassen. Gerade darin liegt der Charakter dieser Vorhaben: Sie sind nicht auf den schnellen Erfolg ausgerichtet, sondern schaffen Grundlagen für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Ihr Horizont reicht damit bewusst über die unmittelbare Gegenwart hinaus.
Modernisierung und Bewahrung der eigenen Identität
Eine der schwierigsten Aufgaben jeder tiefgreifenden Modernisierung liegt darin, Neues aufzunehmen, ohne das Eigene abzulegen. Marokkos Identität lässt sich weder auf eine einzige Herkunft noch auf einen einzigen Kulturraum reduzieren. Amazighische, arabische, afrikanische, andalusische, jüdische und mediterrane Einflüsse haben das Land geprägt. Unter Mohammed VI. ist diese Vielfalt stärker Bestandteil des offiziellen Selbstverständnisses geworden. Die Aufwertung der Amazigh-Kultur und -Sprache gehört dazu, ebenso die Bewahrung des jüdisch-marokkanischen Erbes und die erneute Betonung der afrikanischen Zugehörigkeit.
Darin liegt ein Gedanke, der über Kulturpolitik hinausgeht. Modernisierung muss nicht bedeuten, einem fremden Modell ähnlicher zu werden. Ein Land kann sich verändern und zugleich aus seiner eigenen Geschichte schöpfen. Für Marokko, das seit Jahrhunderten zwischen Afrika, Europa, dem Atlantik und der arabischen Welt lebt, ist diese Verbindung von besonderer Bedeutung. Seine Vielfalt ist kein Widerspruch, der aufgelöst werden müsste. Sie kann eine Grundlage seiner Stellung in einer Welt sein, in der politische und wirtschaftliche Beziehungen zunehmend mehrere Kontinente zugleich umfassen.
Das Marokko von heute unterscheidet sich sichtbar von dem des Jahres 1999 – nicht allein wegen neuer Häfen, Straßen, Fabriken oder Städte. Entscheidender ist, dass sich der Blick auf die eigenen Möglichkeiten verändert hat. Marokko versteht sich heute stärker als afrikanischer Staat, ohne seine enge Verbindung zu Europa aufzugeben. Es baut industrielle Kompetenz auf, ohne seine traditionellen Wirtschaftsbereiche hinter sich zu lassen. Es investiert in seine südlichen Regionen und verbindet deren Entwicklung mit einer größeren afrikanischen Perspektive. Und es sucht nach einer Form der Modernisierung, die nicht den Verlust der eigenen kulturellen Identität voraussetzt.
Gesellschaftliche Herausforderungen bleiben dabei bestehen. Ein langer Horizont schützt nicht vor Fehlentscheidungen, und eine Strategie beweist ihren Wert erst daran, wie sie das Leben der Menschen erreicht. Doch politische Verantwortung besteht nicht allein darin, bestehende Probleme zu verwalten. Sie besteht ebenso darin, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wohin ein Land gehen kann. Darin liegt für mich das eigentliche Merkmal dieser mehr als 27 Jahre: nicht das einzelne Vorhaben zählt, sondern die Geduld, mit der viele Entscheidungen über ein Vierteljahrhundert hinweg aufeinander aufgebaut wurden.
Nach mehr als 27 Jahren lässt sich diese Regierungszeit noch nicht abschließend bilanzieren, denn viele der in dieser Epoche begonnenen Entwicklungen reichen weit über die Gegenwart hinaus. Der Blick auf diese Jahre führt damit zurück zur Frage vom Beginn: Woran bemisst sich gute Herrschaft?
Eine endgültige Antwort darauf kann erst die Geschichte geben. Doch sie beginnt dort, wo Gegenwart nicht als Grenze verstanden wird, sondern als Ausgangspunkt für das, was nach ihr kommen soll.