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Hurriya und die Freiheit auf der anderen Seite der Gasse

Wenn Hurriya am Morgen ihren Platz in der Medina von Fès erreichte, erwachten die Gassen um sie herum. Händler öffneten ihre Läden, Karren rumpelten über die Steine, vor den Geschäften wurde das Pflaster mit Wasser abgespült. 

Sonnendurchflutete Medina mit lebendigem Basar. Foto mit Hilfe von ChatGPT ergänzt

Hurriya schob den kleinen Wagen vor sich. Früher hatte sie sein Gewicht kaum bemerkt. Inzwischen spürte sie jede Unebenheit des Weges. Ihr Platz lag an einem der Durchgänge der Medina. Dort stand ein Holzkasten, auf dem sie saß. Eines seiner Beine war kürzer als die anderen; ein flacher Stein hielt ihn im Gleichgewicht. Hurriya kannte seine Stelle so genau, dass sie ihn auch im Dunkeln fand. Sie verkaufte gekochte Kichererbsen, kleine Portionen für Handwerker auf dem Weg zur Arbeit, für Händler aus den umliegenden Gassen, für Kinder, die mit ein paar Münzen in der Hand vor ihrem Topf stehen blieben. Manche zahlten sofort, andere später. Hurriya wusste, wer ihr was schuldete. Sie schrieb nichts auf. Die Zahlen blieben bei ihr.

Gegenüber hatte früher ein Friseur gearbeitet. Seit er fort war, stand der kleine Laden leer. Hinter der staubigen Scheibe waren ein Spiegel und ein alter Stuhl zurückgeblieben. Hurriya sah oft hinüber. Der Laden war kaum größer als ein kleines Zimmer. Doch er hatte eine Tür, die man am Abend abschließen konnte, ein Fenster und genug Platz für ihren Topf. Sie müsste ihn nicht mehr jeden Morgen durch die Medina bewegen und abends wieder nach Hause bringen. Wenn es regnete, säße sie im Trockenen. Und der alte Stuhl hatte eine Rückenlehne. Eines Nachmittags ließ sie ihren Stand bei einer befreundeten Händlerin und ging hinüber. Der Eigentümer öffnete ihr. Hurriya trat ein, strich mit der Hand über die Wand und öffnete den Fensterladen. Er klemmte ein wenig. Sie drückte ihn mit der Schulter, bis er nachgab. Dann stellte sie sich ans Fenster. Auf der anderen Seite sah sie ihren Holzkasten, den Topf und den flachen Stein darunter. Von hier aus wirkte ihr Platz kleiner, als sie ihn kannte.

Die monatliche Miete hätte sie aufbringen können. Schwieriger waren die Kaution und die Vorauszahlung. Auf dem Rückweg rechnete sie. Es würde reichen, wenn sie die Wohnungsmiete später bezahlte. Wenn der Herd hielt. Wenn ihre Tochter nichts Unvorhergesehenes brauchte. Wenn sie selbst nicht krank wurde. Es waren zu viele Wenn. Am Abend holte Hurriya ihre Ersparnisse aus einer Teedose. Einige Scheine lagen schon so lange darin, dass sie deren Rundung angenommen hatten. Sie strich sie mit der Handfläche glatt und legte sie auf die Decke. Auf der einen Seite lag der Laden, auf der anderen die Wohnung. Suad saß neben ihr. Die Tochter sah in dem kleinen Raum gegenüber eine Möglichkeit: weniger Schleppen, ein Dach über dem Kopf, einen festen Platz. Hurriya sah dasselbe. Doch sie sah auch den nächsten Monat. Sie legte die Scheine wieder zusammen und schob sie zurück in die Dose. Am folgenden Tag nahm sie einen Teil davon heraus und bezahlte die Wohnungsmiete.

Eine Woche später standen Plastikschüsseln und Eimer hinter der Scheibe des ehemaligen Friseurladens. Der neue Mieter hatte hohe Regale vor das Fenster gestellt. Von dem alten Stuhl war nichts mehr zu sehen. Eine Zeit lang blickte Hurriya noch hinüber, dann immer seltener. Die Jahre veränderten den Markt. Wo der Schuster gesessen hatte, verkaufte jemand Handyhüllen. Der flache Stein blieb unter dem Bein ihres Holzkastens. Suad begann zu Hause für Frauen aus der Nachbarschaft zu nähen. Hurriya ging weiterhin morgens zu ihrem Stand. Nur der Weg wurde länger, obwohl er keinen Meter gewachsen war. Zunächst blieb sie einmal stehen, später zweimal. Beim Bäcker richtete sie das Tuch über dem Topf. Vor der Apotheke prüfte sie den Strick, mit dem sie ihre Sachen befestigt hatte. Wer sie sah, wusste nicht, ob sie ihre Last ordnete oder nach Atem suchte.

In einem Winter konnte Hurriya den Topf nicht mehr allein heben. Suad griff danach. Die Mutter zeigte ihr sofort, wie sie ihn anfassen musste: nicht an den Griffen, sondern von unten. Der Boden war schwer, die Henkel hatten schon zu viel getragen. Als Suad den Topf wieder abstellte, waren ihre Handflächen rot. Hurriya sah die Abdrücke und sagte nichts mehr. Wenig später blieb sie zu Hause, zunächst für einige Tage, dann länger. Vom Bett aus wollte sie wissen, wie teuer die Kichererbsen geworden waren, wer noch auf dem Markt stand und ob der Regen unter dem Vordach bis zu ihrem Platz kam. Wenn Suad den Topf spülte, folgten Hurriyas Augen ihren Händen. Der Boden durfte nicht zu kräftig gescheuert werden, er war dünn geworden. Auch mit dem Salz musste die Tochter vorsichtig sein. Die Kinder mochten die Kichererbsen nicht zu salzig. Hurriya starb in einer Nacht, in der der Topf sauber neben dem Herd stand.

Einige Tage blieb ihr Platz leer. Menschen gingen daran vorbei. Ein Gemüsehändler stellte dort eine Kiste ab und nahm sie wenig später wieder weg, weil sie den Karren im Weg war. Dann kam Suad mit dem Topf zurück. Sie legte das Tuch über den Holzkasten und setzte sich. Der Kasten wackelte. Hinter dem benachbarten Gemüsestand fand sie den flachen Stein und schob ihn unter das kurze Bein. Der Kasten stand wieder fest. Die ersten Kunden kamen. Einige kannten Suad, andere sahen nur, dass an dem vertrauten Platz wieder Kichererbsen verkauft wurden. Ein älterer Mann, der häufig bei ihr Kichererbsen gekauft hatte, blieb stehen. Sein Blick suchte die Frau, die sonst hinter dem Topf saß. Erst jetzt erfuhr er, dass sie gestorben war. Und dass sie Hurriya hieß. Für einen Augenblick ging ihm das Lied von Oum Kalthoum durch den Kopf: „Gib mir meine Freiheit, lass meine Hände los“ – Aʿṭinī ḥurriyyatī, aṭliq yadayya. Er kannte ihren Platz, ihren Topf und ihre Hände an der Waage. Ihren Namen hatte er nie gekannt.

Am Abend räumte Suad den Platz auf. Als sie den Topf anhob, schnitten die Griffe in ihre Hände. Eine Händlerin vom Nachbarstand griff nach der anderen Seite und half ihr, ihn auf den Wagen zu stellen. Zu Hause waren zwei rote Linien auf Suads Handflächen geblieben. Hinter der Tür hing noch die Schürze ihrer Mutter. Suad nahm sie herunter und griff vor dem Waschen in die Taschen. Drei Münzen, der Wohnungsschlüssel und ein gefalteter Zettel. Sie öffnete ihn. Darauf stand eine Zahl. Darunter hatte ihre Mutter zwei Wörter geschrieben: Miete Laden. Suad blieb eine Weile auf dem Bett sitzen. Dann nahm sie das Geld, das sie an diesem Tag verdient hatte, zählte es und legte einen Teil beiseite. Sie wickelte es in den Zettel ihrer Mutter, öffnete die Teedose, legte das Geld hinein und schloss den Deckel.

 

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