Exil, mehr als nur Heimat

Als Student war mir alles egal. Wir genossen unser glückliches revolutionäres Leben in vollen Zügen. Wir hatten eine gute Zeit, Demonstrationen zu organisieren, um die Regierung und das Regime zu beleidigen und mit der Überzeugung eines Predigers den angeblich unvermeidlichen Wandel anzukündigen. 

Nach jahrelangem Geschrei habe ich nicht die geringsten Anzeichen der geforderten Veränderungen gesehen.

Ich bin weder verbannt noch emigriert

Das Exil, mehr als Heimat, Foto: camila-damasio-DaNxq1JLuAg-unsplash.com

Ich hätte meinen Kugelschreiber benutzen können, um Trauer auszudrücken, wie es sich für einen Emigranten gehört. Ich hätte von Exil und Nostalgie sprechen können, um die Sympathie der abgebrühtesten Herzen zu gewinnen. Aber ich spiele nicht gerne das Opfer, zumal meine Geschichte nicht so kompliziert ist. Ich bin weder verbannt noch emigriert oder irgendetwas davon. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit musste ich mir anders helfen. Zwei Jahre Arbeitslosigkeit und Not hatten ausgereicht, um die vielen Gewissheiten zu überdenken: meine Vergangenheit als überzeugter Linker, meine revolutionären Träume und die feurigen Parolen, die nicht imstande waren, auch nur das kleinste Strohfeuer zu entzünden. Darüber hinaus bedeutete ein Abschluss in Wirtschaftswissenschaften nichts in einem Land, dessen Wirtschaft so zusammengebrochen war wie die Moral seiner Bürger.

Als Student war mir alles egal. Wir genossen unser glückliches revolutionäres Leben in vollen Zügen. Wir hatten eine gute Zeit, Demonstrationen zu organisieren, um die Regierung und das Regime zu beleidigen und mit der Überzeugung eines Predigers den angeblich unvermeidlichen Wandel anzukündigen. Nach jahrelangem Geschrei habe ich nicht die geringsten Anzeichen der geforderten Veränderungen gesehen. Wir konnten weder das Regime noch das „Chaos“ ändern, das heute in unserem schönen Land perfekt geregelt ist. Im Gegenteil, nach Dutzenden von Vorstellungsgesprächen und Wettbewerben, die ich durchlaufen musste, um irgendwo einen Job zu finden, stellte ich fest, dass ich nicht einmal meine eigene Situation ändern konnte.

Deshalb habe ich, da es mir nicht gelang, die Situation zu ändern, mit der mir verbliebenen Selbstachtung beschlossen, das Land zu verlassen! In diesem Sinne ist Brüssel ein Zufluchtsort und kein Exil.

Französische Francs und spanische Pesetas

Im Schiff habe ich hundert französische Francs gegen eine Handvoll spanische Pesetas eingetauscht Als wir in Algeciras ankamen, wurden wir von eleganten Trägern umringt. Sie zogen kleine Karren, die auf unsere schweren Koffer warteten. Ich habe einem jungen Spanier signalisiert, sich um mein Gepäck zu kümmern. Er war so elegant wie ein Filmschauspieler. Und ich folgte ihm stolz wie ein Emporkömmling. Als wir vor dem Bus ankamen, sprach er mich in kastilischer Sprache an, die ich nicht verstand. Aber in diesem Zusammenhang hatte ich seine Absicht erraten: Ich öffnete meine Hand und ließ ihn nehmen, was ihm zustand, während ich an Al Moutanabi dachte: "Aber ein Fremder ist der junge Araber/ durch sein Gesicht, seine Hand und seine Zunge […]“. Meine Gedanken über Fremdheit und Gedichte musste ich abrupt beenden, denn mit der Entschlossenheit von Eroberern drängelte sich der Strom der Auswanderer aus dem Schiff vor dem Bus. Ich wandte mich sofort von Al Moutanabi ab und tat es ihnen nach.

Das heilige Recht!

Stunden später kamen wir in Frankreich an. Hier war ich weniger fremd, da ich die ja Sprache beherrsche! Am Bahnhof Bagnolet untersuchten meine Reisebegleiter ihr Gepäck, als ob sie sich versichern wollten, dass nichts fehlt. Schließlich verschwanden sie in der Menge der Reisenden. Ich hatte sie genau beobachtet, insbesondere ihre Gesichtszüge, Körperhaltung und Akzente. Ich fragte mich, was diese Menschen, überwiegend dunkelhäutig, wohl hier machten. Einer unserer Dichter antwortete, indem er der Generation von Gilles Deleuze dankte. "Mein Französisch hat mir nicht einmal geholfen, Brot zu kaufen. Lange Zeit schämte ich mich wegen meiner Unwissenheit. Migration ist ein heiliges Recht (Menschenrecht) […]. Ich persönlich wusste bis zur Auswanderung nicht, dass es ein heiliges Recht gibt. Und selbst von Gilles Deleuze wusste ich nichts anderes als seinen tragischen Selbstmord, mit dem er sein Recht einforderte, ins Jenseits zu emigrieren, nachdem er lange Zeit unter Krankheit und Atembeschwerden gelitten hatte. Ich bin ausgewandert, einfach weil ich kein Baum war... Und statt Wurzeln habe ich Füße, die ich schnell im Wind bewegen kann.

Ist das Wort "Exil" in seiner mythischen Dimension überholt?

Meiner Meinung nach ist der Begriff des Exils in seiner mythischen, von Nostalgie umhüllten Dimension überholt. Es ist mit einer vergangenen Ära und einer obsolet gewordenen Situation verbunden. Wenn wir Al Moutanabis Vers "Was die, die ich liebe, jenseits der Wüsten sind" lesen, können wir die ganze Leidenschaft der Nostalgie messen, den Schmerz der Distanz und die Angst vor der Trennung spüren. Wüsten verweisen auf den Durst, die Verwirrung und den Schmerz des Reisens. Heute gibt es solche Wüsten jedoch nicht mehr, und die, die wir lieben, sind nur wenige Flugstunden entfernt, und das zu manchmal lächerlich niedrigen Preisen. 

Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt existierte das Exil noch. Damals musste der Exilant lange warten, bis ihn eine Zeitung mit Nachrichten aus der Heimat, zensiert natürlich, erreicht hatte. Doch von welcher Art von Exil sprechen wir heute im Zeitalter von Mobiltelefonen, Satelliten und Internet?

Und trotz meines Mitgefühls für diejenigen, die durch die Behörden einer ausländischen Besatzung oder durch die Repression und Unterdrückung durch die eigenen Machtstrukturen ins Exil gezwungen wurden, wählte die Mehrheit derer, die in meiner Generation in Versuchung gerieten, auszuwandern. Sie haben sich bewusst für dieses komfortable Exil entschieden. Einige haben es sehr bedauert, da sie nicht über die nötigen Argumente und Beweise verfügten, als Verfolgter bezeichnet zu werden, um den politischen Flüchtlingsstatus beanspruchen zu können.

Jassin Adnan schreib einmal: "Hätte die Staatssicherheit in meinen Meinungen, die ich im Übrigen nie geäußert habe, eine Bedrohung erkannt, würde ich mich heute mit dem Rang eines Ex-Sträflings „schmücken“ und würde genug Aufmerksamkeit auf mich ziehen, gleich zu welchem Thema ich mich äußere. … und man hätte mir vielleicht in einer der europäischen Hauptstädte, Paris zum Beispiel, das Recht auf Asyl zugestanden. […].

Ich hatte das Glück, das Land ohne grobe Anschuldigungen verlassen zu haben, die dazu geführt hätten, dass Freunde - und sogar Feinde - mich mit Vergnügen verunglimpft hätten. Ich kam zum Studium nach Belgien. Und wie man weiß, ist der Erwerb von Wissen, selbst wenn es in China ist, eine religiöse Verpflichtung eines jeden Moslems. Glücklicherweise ist Belgien viel näher als China! Außerdem spricht die Hälfte der Einwohner meine geliebte Sprache Französisch. Ohne diese schöne Sprache wäre es für mich sehr schwer geworden, mein Land zu verlassen, um in dieses flache Land zu kommen und hier zu studieren.

Das Studium

Hier waren wir entschlossen und wachsam wie ein unbewaffnetes Regiment in einem verlorenen Krieg. Es war der Lehrstoff, der uns verfolgte und nicht umgekehrt. Pflichtfächer und Prüfungen jagten uns, und wir waren gezwungen, sie zu absolvieren, um unsere Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Und wir taten dies ohne zu klagen, denn wir hatten Freunde, die kaum wagten, einen Fuß über die Schwelle der Wohnung zu setzen, da sie illegal hier lebten. Sie lebten jedoch weiterhin ihren Traum. … Diese "Harragas (Wort bedeutet „durchbrennen“ und meint in dem Zusammenhang: Das Land illegal verlassen)“ sind die Exilanten unserer Zeit par excellence.

Tarek Ibn Ziyad mund die "Todesboote"

Wir lernen in der Geschichte, dass nachdem Tarek Ibn Ziyad (Eroberer des Westgotenreiches 711) zum ersten Mal das Meer in Richtung Andalusien überquert hatte, alle seine Schiffe in Brand setzen ließ, um den Willen seiner Soldaten zu stärken und dem Gegner zu signalisieren, dass für seine Soldaten Leben und Tod gleichwertig sind.

Heute verbrennen manche Flüchtlinge ihre Pässe, sobald sie ihre Heimat in Richtung Europa verlassen, damit ihre Identität für die Behörden und für eine mögliche Rückführung erschwert wird. Sie aber sind sich über nichts sicher. Bereits die Namen der Boote, die sie besteigen, verraten nichts Gutes über das Schicksal dieser Menschen. Mein Freund Larbi, ein "Harrag (Flüchtling)", weigert sich, diese "Todesboote" zu benennen, denn „das sind Boote des Lebens, die uns vom langsamen Tod, den wir dort erleiden mussten, retten.“ Ihre erste Aktion ist deshalb das Verbrennen ihrer Pässe, um ihre Asche als Opfergabe an das Mittelmeer zu übergeben in der Hoffnung, dass sie das Paradies ihrer Träume rasch erreichen.

Im Rachid Ninis „Tagebuch eines illegalen Einwanderers" heißt es: "Jetzt verstehe ich, warum Einwanderer ihre Pässe verbrennen, wenn sie die Lichter Andalusiens sehen und sie ins Meer werfen. Sie tun dies, damit keiner von ihnen lebend an das andere Ufer zurückkehrt. Tod oder Triumph. Seinen Pass zu verbrennen ist nicht viel anders als seine Boote zu verbrennen. Es scheint, dass sich die Geschichte im Laufe der Jahrhunderte auf dramatische Weise wiederholt. …

Exil, Meine Akte ist nicht weiß und du weißt es

Seitdem die Immigration - insbesondere die illegale Immigration - auch die gebildeten Menschen der arabischen Welt nicht mehr ausschließt, weiß man um die verbreiteten Missstände.

Exil, Meine Akte ist nicht weiß und du weißt es, Foto: Brussel von Chris Curry unsplash.com

Einige stürzen sich auf das Schreiben, um sich der Realität zu entziehen. Einige, die sich ihren "französischen Traum[1]" auf legale Art und Weise verwirklicht haben, geloben in Gedichten ihren Status als illegale Einwanderer. So schrieb Mohamed Hamoudane diese Strophe:

„Meine Akte ist übrigens nicht weiß und du weißt es!
Ich habe das als Verpflichtung: Ich bin der Poesie verfallen!
Ich bin da eingedrungen!
Aber ich verstecke mich so gerne in der illegalen Immigration, dass ich keine Vorsichtsmaßnahmen mehr treffe.[2]

„Marokkanischer Schriftsteller mit Wohnsitz in Brüssel“ ist die neue Signatur, die meinen Namen am Ende jedes von mir veröffentlichten Textes begleitet. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, so unterschrieben zu haben, aber ich gebe zu, dass es mir nichts ausmacht. Ich empfinde sogar einen gewissen Stolz darauf. Vielleicht gibt mir das Leben in dieser Hauptstadt, welche Dreh- und Angelpunkt der Europapolitik ist, meinen Schriften die notwendige Ernsthaftigkeit. 

Ich erinnere mich an unseren Freundeskreis in diesem Café in Marrakesch. Wir verfolgten literarische Veröffentlichungen in Zeitschriften und interessierten uns besonders für emigrierte Schriftsteller. Ich weiß nicht, warum wir angenommen haben, dass ein Schriftsteller, der in Paris, London oder Stockholm lebt, besser in der Lage ist, eloquenter und moderner zu schreiben als ein Schriftsteller, der in Marrakesch, Fez oder Casablanca lebt. Die Schriften der Migranten schienen so glänzend zu sein wie reines Gold. Es ist ein Glanz, der nur dann verblasst, wenn man entdeckt, dass er lokal produziert wird.

Unsichtbare Wesen

Wir stellten uns die im Ausland lebenden Schriftsteller als unsichtbare Wesen vor, die wie verlorene Seelen durch die Straßen der Moderne wandern, aber auch als Männer mit Pfeifen und Hüten, die ihre Zeit zwischen Kulturcafés am Tag und literarischen Bars in der Nacht verbringen. Romantische Wesen, die die Welt mit einer Sensibilität betrachten, die unter die Haut geht, um Texte zu schreiben, die Trauer und Nostalgie erzeugen. Hier entdeckte ich, dass sie nicht wirklich so sind... Einige leben von Sozialhilfe, andere verrichten Jobs, die keinen ausreichenden Lohn einbringen, manche sitzen öfter in Haftanstalten als in Literaturclubs, während wenige zu allen Sphären der modernen Welt gute literarische Verbindungen haben, ohne ihren Platz vor dem Computerbildschirm zu verlassen. Ich fühlte mich in die Irre geführt und schrieb Folgendes:

„Die Gedichte von Sargon Boulus haben mich verführt
Die Literatur des Exils hat mich verführt
Angefangen bei der Federallianz[3]
Bis zum letzten verstummten Gedicht
Eines irakischen Dichters
Der darauf wartet, als politischer Flüchtling in Dänemark anerkannt zu werden
Hicham Fahmi, mein Freund
Hör auf, umsonst zu träumen
In die Schweiz auszuwandern
Und halte dich an deine Poesie
Ihre vertraute Grausamkeit[4]“.

Sobald man einen roten Pass erhält, versteht man, dass die Rezitation „Das Land der Araber ist meine Heimat“ nur eine Hymne, die Schulkinder an Nationalfeiertagen gedankenlos runterbeten. Denn das Land der Araber, das viele Visastempel im Reisepass erfordert, wird mit dem roten Pass visafrei. Dort kann man sich rühmen, dass die ganze Welt unser Land ist. Hier ist, was Saâd Sarhane in einer wahrheitsgemäßen, realistischen und originellen poetischen Definition des Vaterlandes schreibt:

„Das Vaterland ist ein gültiger Pass
Der um die Hand einer Visumsvergabe bittet
Und die man als Mitgift verlangt
Ein Leben des Wartens.“

Übertriebene Sentimentalität

Unglücklicherweise drücken sich einige arabische Dichter weiterhin in einer übertriebenen Sentimentalität aus, sobald sie das Land zum Thema machen. Sie sind voller Klagen von „Hören wir auf zu weinen“ bis hin zu „Fremd im eigenen Heim, er kann sonst mit nichts anderem zufrieden sein. Und er liebt sie, auch wenn sie in Scherben liegt.“ Es ist eine schlichte Sentimentalität, die den Dichter aus Treue zum Reim und einem Übermaß an Wehklagen die Ruinen lieben lässt.

Obwohl das Konzept des Exils zeitgemäß zu sein scheint, ist es uralt und hatte schon immer als Begleiterscheinung die Nostalgie mit all der tränenreichen Literatur, die sie hervorbringt. Es taucht aber auch in weniger dramatischen Formen auf, wie z.B. bei Imam Chafi'i:

„Wer besonnen und gebildet ist, muss nicht verharren
In der Ruhe des Geistes. So verlasse dein Land und gehe ins Exil
Reisen, du wirst Entschädigung finden für das, was du verlassen hast
Und Leid, denn die Süße des Lebens ist im Leid“.

Obwohl diese positive Vorstellung vom Exil, die sogar dazu aufruft, dem Bewusstsein der neuen Generation näher ist als die gesamte Poesie der Nostalgie zwischen der Antike und der Moderne, ist sie in ihrer Zeit nicht ungewöhnlich. Wir kennen die berühmten Worte von Imam Ali Ibn Abi Taleb:

Armut im Land ist Exil, und Reichtum im Exil ist ein Land“.

Diese Reflexion erscheint relevanter und rationaler zu sein als die Tränen der neuen Romantiker, aber auch als die vernünftigsten poetischen Erleuchtungen unter den modernen arabischen Dichtern von heute. Trotz dieser rationalen Einstellung bei einem der frommsten Imame gibt es immer noch Leute, die wegen des Exils jammern wollen, obwohl sie nichts zu beklagen haben und die Zeit der Trümmer und Spuren der Verwüstung endgültig vorbei sind[5]. „Mich persönlich ängstigt nicht das Exil oder die Einsamkeit. Was mich wirklich beunruhigt, ist mittellos zu sein, auf die Straße geworfen zu werden und im Regen zu stehen, ohne meinen Allerwertesten auf den Stuhl des schäbigsten Cafés setzen zu können; mich ängstigt, dass eine blonde Frau mich in der U-Bahn anlächelt und ich sie nicht zu einer Party einladen kann, die ihres Lächelns würdig wäre, weil ich leere Taschen habe. Also muss ich mein Gesicht abwenden, als wäre ich homosexuell. Davor habe ich Angst. Das ist das wahre Exil“[6]. Das Bedauerliche ist, dass wir nicht ins Exil gingen, um uns wie Fremde zu fühlen. Wir haben es in den Jahren der Arbeitslosigkeit ertragen, ohne unsere Stadtteile zu verlassen. Es genügte, dass einer von uns mittellos von zuhause wegging, um sich einsam in einem fernen Land wiederzufinden. Wie können wir uns diese chauvinistischen und demagogischen Parolen gefallen lassen, die besagen, dass wir stolz auf unser Land, das schönste der Welt, sein sollen? Einer der Dichter der tunesischen Avantgarde antwortet:

Das Land, das nicht auf unsere Ermahnungen reagiert
ist ihres und sicher nicht meines
.“[7]

Das Vaterland

Und selbst das Vaterland, für das wir als Studenten unser Blut und unsere Seelen gegeben haben, hatten wir später aufgegeben ... nachdem wir erkannt hatten, dass „tapfere Patrioten“ daraus ein Denkmal machen und uns auffordern, es zu verehren, oder unser Leben dafür zu opfern. Aber sie sehen es immer als einen Kuchen, von dem jeder das größte Stück oder den ganzen Kuchen haben will. Mich persönlich hat diese Heimat nicht interessiert.

Selbst die wahre Heimat, für deren Entkolonialisierung die Generation unserer Eltern so viel geopfert hatte, will unsere Generation hinter sich lassen und schaut nur noch auf westliche Ziele und versucht sie mit allen Mitteln, auch den riskantesten, zu erreichen.

Seit ich Mitte der neunziger Jahre ausgewandert bin, habe ich die Heimat zu einem Attribut gemacht, das durch einen Superlativ verändert werden kann. Deshalb schreibe ich in einem meiner ersten Gedichte aus Brüssel:

„Mein jüngerer Bruder ist abgereist, ohne sich von mir zu verabschieden
und hat nicht mehr geschrieben, seit er weg ist
vielleicht ist Orlando mehr Heimat.“

Ich habe mich für eine Auffassung der Heimat ausgesprochen, die von den vorherrschenden symbolischen Dimensionen und ihren emotionalen, sentimentalen Überlastungen befreit wurde. In manchen Schriften ist die Heimat auf die Dimensionen eines Bahnhofs geschrumpft, wie in diesem poetischen Vorspiel zum Roman Ein Iraker in Paris:

„Austerlitz
Austerlitz
Du bist mein Heim und mein Vaterland
Oh kleiner Bahnhof
Austerlitz"[8]

Adam, der erste Mensch im Exil!

Obwohl Cervantes vorausschickte, dass er sein Land betritt, werden diejenigen, die in das Exil verliebt sind, einen gewissen Trost in der Tatsache finden, dass der erste Mensch, der auf der Erde wandelte, ein Exilant aus dem göttlichen Paradies war. In diesem Sinne ist die gesamte Erde als Exil der gesamten Schöpfung eingerichtet. Was ist also der Unterschied zwischen einem Land und einem anderen? Alles ist im Exil so umfangreich wie eine Wüste, die der wandernde König durchquerte und der mit seiner eigenen Rückkehr als einziger Beute zurückkehrte[9]. Das ist etwas, was die Ärmsten der Obdachlosen in den erbärmlichsten Vorstädten Europas nicht wünschen mögen. Imrau Al Qais hat Recht, denn er hat noch nie vor einer Botschaftstür gestanden und die Visa-Ära nicht erlebt und kann daher nicht ermessen, wie verheerend eine Rückkehr ohne Beute sein könnte.

Hier ist der erste Satz des zweiten Romans der Algerierin Yasmina Salah, Ein Land aus Glas: „Wie können wir ein Land lieben, das uns hasst?“[10] Was ist es, das die Schriftsteller unserer Generation dazu bringt, ihr Land so hart zu behandeln?“ Was geschah in unserem Land, dass eine andere Algerierin diese ernsten Worte schrieb: „Während Freunde den Staub des verlorenen Landes suchen, ziehe ich mich in mich selbst zurück und lache über ihre Dramen. Wenn sie ein bisschen Intelligenz hätten, hätten sie entdeckt, dass sie alle im Exil leben und keine andere Heimat haben als sich selbst. Was das Land so schwer macht, als wäre es ein riesiges Gefängnis:

„Das Land ist ein Pfahl
Sein Wahrzeichen ist der Strick.“[11]

Natürlich bin ich ein starker Verfechter der Abschaffung beruhigender Parolen wie „Vaterlandsliebe ist ein Akt des Glaubens“. Und ich kann mein Lachen nicht gut verbergen, wenn man mich fragt, wie ich mein Exil lebe. Ich erinnere mich an Tarafas Exil innerhalb seines Stammes, an seine Isolation in der eigenen Nachbarschaft, die ihn dazu brachte zu schreiben: „Der ganze Clan hat sich gegen mich verschworen/ Ich wurde verbannt wie ein Kamel, das mit Teer bestrichen wurde“. Aber, ich gebe es zu, ich habe viel Sympathie für dieses Land. Will ich „Nostalgie“ sagen, ohne das Wort aussprechen zu können, um hart und gleichgültig zu wirken? Jetzt habe ich Angst, zu hart gegenüber dem Land zu sein. Das Land ist anders als in seinen theoretischen, politischen und philosophischen Darstellungen.

Couscous mit Fleisch und sieben Gemüsesorten

Das Land, wie ich es persönlich verstehe mit einfachen Worten erklärt: die inbrünstigen Gebete meiner Mutter für mich am Telefon... die Tränen der Großmütter beim Abschied... der Geruch von Couscous mit Fleisch und sieben Gemüsesorten... elf Spieler, von denen einer nur ein Tor schießen muss, um uns in Wahnsinnige zu verwandeln, Indianer, die die bösen Geister rund um das Stammeslager austreiben... das Lied „Marrakech. Eine kleine Rose zwischen Palmen“ aus dem Radio des Friseursalons im Midi-Viertel, wo sich die marokkanischen Emigranten versammeln, in der Nähe des Bahnhofs, als wären sie immer bereit für eine bevorstehende Reise... der Schauer, der durch meinen Körper läuft, sobald ich das Lied "Bruder, wo bringst Du mich hin? von der Gruppe Nass El Ghiwane höre... das nächtliche Bellen der Hunde... das Krähen der Hähne am frühen Morgen... und der Ruf zum Gebet.

Oh Vaterland... wie der Teufel schwelgst du in Details.

 

[1] Titel eines Romans von Mohamed Hamoudane

[2] Mohamed Hamoudane - Blanche mécanique - Editions La Différence, Paris, 2005

[3] Arabischer Literaturverein gegründet 1920 in New York

[4] Schriftsteller und Dichter, die im Exil in ihrer Sprache schreiben, erleiden häufig eine Identitätskrise, die aus dem sprachlichen Unverständnis der aufnehmenden Länder resultiert.

[5] Phrase comportant de nombreuses allusions à la poésie arabe

[6] Jamal Boudouma - Wie werde ich Franzose in 5 Tagen und Ohne Lehrer: Presse-Artikel

[7] Tahar Hammami - Sammlung von Gedichten - Tunis, 2003

[8] Samuel Shimon - Ein Iraker in Paris - Editions AL-Kamel, Cologne, 2005

[9] Il handelt sich um den König und Dicher Imaru Al Qais

[10] Yasmina Salah – Un pays en verre - Editions El Ikhtilaf, Alger, 2006

[11] Sarah Haïdar – La salive de l’encrier - Editions El Ikhtilaf, Alger, 2006

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