Die Ruhe von Imlil

Wenn die Schatten von Marrakesch Marion nicht mehr reichen, wenn sie Abstand braucht vom Lärm, von dem Gewusel und der Hitze in Marrakesch, flieht sie. Früher fuhr Marion dann im Winter in die Wüste und wenn es warm war, ans Meer, und am liebsten nach Agadir.

 

Die Ruhe von Imlil, Foto: Marion Klein

Es war ein Kontrastprogramm zu Marrakesch, es war modern, ein bisschen wie Europa, vor allem aber konnte sie da auch mal anonym sein. Einfach am Pool liegen, am Buffet essen, über die Promenade schlendern, ohne dass sie angesprochen wurde. Wer länger in Marrakech ist oder gar dort lebt, weiß genau, wie sich dieses deutsche Bedürfnis nach Anonymität anfühlt: Wie Freiheit. Natürlich muss man dafür wirklich länger vor Ort sein. Man muss dafür in Deutschland aufgewachsen sein. Man muss das Spannungsfeld zwischen zwei so unterschiedlichen Mentalitäten kennen, um Freiheit zu empfinden, wenn man in die Anonymität abtaucht. Und manchmal, wirklich nur manchmal, braucht man das. Marion braucht es. Ich brauchte es auch, als ich in Marokko lebte. Und wahrscheinlich die allermeisten anderen Deutschen auch, die in einem Land leben, das so ganz anders ist als die Heimat.

Wer nur ab und zu oder für eine begrenzte Zeit in Marokko ist, wird das nicht verstehen. Ganz im Gegenteil. Er wird genau das lieben, wovor Marion ab und zu flüchten muss: Nämlich das Familiäre, die Wärme unter den Menschen, das Vertraute, das liebevolle Kümmern der Marokkaner.

Vielleicht muss ich weiter ausholen, um es besser zu erklären und eine kleine Geschichte von mir erzählen: Denn ich war einmal richtig krank in Marokko. Mit 39° Fieber und allem Pipapo. Und das einzige, wirklich das Einzige, das ich wollte, war: Alleine sein. Schlafen, ausruhen, nichts tun, einfach nur Ruhe. Mein Kopf pochte, mein Bauch krampfte, die Haut schmerzte bei jeder Berührung. Natürlich bekam das die Familie, bei der ich wohnte, mit. Und was tat sie: Sie sorgte sich rührend um mich, auf ihre ganz eigene marokkanische, wahnsinnig liebevolle Art. Sie ließen mich nämlich nicht mehr alleine. Immer saß jemand bei mir, meist waren es auch zwei oder drei Personen. Sie redeten miteinander, tranken Tee und verlegten ihr Wohnzimmer einfach zu mir. Die Frauen kochten, brachten das Essen – und man baute den Esstisch der Familie an meinem Bett auf und saß, schwatze, aß. Ich kann von Glück sagen, dass sie nicht auch noch den Fernseher zu mir schleppten. Statt der von mir subjektiv gesehen so unglaublich wichtigen Ruhe und dem Schlaf, bekam ich die volle Ladung Kümmern ab. Und tatsächlich war ich auch binnen 24 Stunden wieder auf den Beinen, wahrscheinlich, weil ich einfach nur die ganzen Menschen um mich herum wieder loswerden wollte. Denn so unglaublich liebevoll das eigentlich war: Jeder deutsche Leser versteht: Für mich war es die Hölle.

Die Ruhe von Imlil, Foto: Marion Klein

Nun ist Marion ja nicht krank und deshalb sitzt auch nicht dauernd jemand an ihrem Bett und trinkt Tee. Aber was in meinen 24 Stunden in Hochkonzentrat geschah, geschieht ihr jeden Tag in kleinen Dosen. Einfach mal im Hausflur an der Nachbarin vorbei ohne einen Schwatz? Unmöglich! Einfach mal durch die Gassen laufen, ohne angesprochen zu werden? Vollkommen absurd! Eine Taxifahrt ohne Gespräch? Wo denkt man hin! Und genau das liebt Marion ja auch so unglaublich an Marokko. Genau das ist ja einer der Gründe, warum sie hier und nicht in Deutschland leben möchte. Nur: Ab und zu schimmert aus dem eigenen Wesen einfach der Ursprung durch, der, der eben nicht immer gut genug drauf ist, um sich mit jemanden zu unterhalten. Das war vor der Pandemie so – weshalb sie eben ab und zu nach Agadir ging (und nicht nach Essaouira, das eben in vielem Marrakesch so sehr gleicht) und danach war es noch viel schlimmer. Denn dann kam Corona und das Wohlbefinden ging so richtig den Bach hinunter. Das heißt, ganz so war es nicht: Corona kam und damit das Confinement also die Ausgangssperre), und die mit dem Confinement erzwungene Ruhe. Da Marion gerade erst mit ihrem Bruder eine tolle Reise durch den Süden gemacht hatte, fiel ihr das erzwungene Alleinsein anfangs nicht schwer. Sie räumte, mistete aus, fuhr einmal die Woche in den Supermarkt und zweimal die Woche mit dem Bus durch Marrakesch, wo sie die Schatten fotografierte. Aber dann erkrankte ihr Bruder in Deutschland schwer (Corona!) und sie konnte nicht zu ihm, um sich zu kümmern. Und plötzlich fühlte sie sich eingesperrt.

Irgendwann öffneten die Läden in Marrakesch wieder. Das Leben begann ganz langsam, sich seinen Platz in den Straßen zurück zu erobern, und es war wie ein Geschenk. Marion genoss jede Begegnung, jeden Kaffee, den sie außerhalb der eigenen vier Wände trinken durfte. Doch die Pandemie war nicht vorbei. Denn noch immer durfte sie nicht nach Deutschland oder woanders hinreisen, noch immer durften auch ihre Freundinnen und ihre Familie nicht zu ihr. Hinzu kam Ärger in ihrem Job, den sie der miserablen wirtschaftlichen Weltschieflage verdankte, sie erkrankte selbst an Corona, hatte wochenlang damit zu kämpfen und war irgendwann einfach nur noch erschöpft. Erschöpft vom Leben, erschöpft von Marrakesch, erschöpft von der Pandemie. Und wie das dann so ist, wenn man (als Deutscher) glaubt, nicht mehr zu können: Man möchte sich zurückziehen. Keine Lust mehr auf Kontakte, keine Lust mehr auf Smalltalk, vor allem: Bloß nicht auf die Fragen antworten: Ca va???  Was sie zu brauchen glaubte, war die eingangs erwähnte Anonymität. Sie wollte Abstand von den Medien, die nach wie vor andauernd von Corona berichteten, sie wollte Abstand von ihrem täglichen Ärger bei der Arbeit, sie wollte Abstand von ihrem Corona-Alltag und damit auch von Marrakesch und den täglichen kleinen Begegnungen mit den Menschen. Nur: Wie damit umgehen? Schließlich liebt sie die Menschen um sich herum. Sie will niemanden verletzen, auf keinen Fall unhöflich sein. Sie will nur einfach nicht andauernd irgendetwas sagen.

Die Ruhe von Imlil, Foto: Marion Klein

Also gab es eigentlich nur eins: Marion musste raus. Und zwar an einen Ort, an dem sie niemanden kennt. Nach Agadir wollte sie nicht mehr. Agadir war etwas Vorpandemisches. Irgendwie hatte sie das Gefühl, sie braucht einen neuen Ort. Also scrollte sie sich durch Facebook und diverse Marokko-Webseiten. Und dann war es da: Das Haus im Baum, das sie aus dem Computer anblitzte. Die Baumhütte erinnerte sie an ihre Kindheit, an die Wälder daheim und sie wusste: Da will ich hin! Unbedingt. Imlil war vor der Haustüre und das Baumhaus sah so aus, als wäre es das Kontrastprogramm zu Marrakesch. Und, ganz wichtig: Sie kannte in Imlil niemanden. Sie hatte auch gar nicht vor, große Ausflüge in und um Imlil zu machen: Sie war so erschöpft, dass sie einfach nur in der Hängematte vor dem Baumhaus liegen und nichts tun wollte. Und genau das tat sie. Und konnte so auch die Anonymität genießen, die sie brauchte, um wirklich abzuschalten. Suchte sie Kontakt, ging sie zu den netten Angestellten des kleinen Hotels, das die Baumhäuser vermietete, wollte sie alleine sein, blieb sie in ihrem Haus.

Wenn Marion aufwachte, hörte sie den Bach rauschen. Sie hörte die Vögel zwitschern und die Bienen summen. Sie hörte genau hin, damit sie die Ruhe auch spürte. Sie beobachtete die Hühner im Nachbarhaus, die Katze, die um sie herumschlich, sie genoss es, alleine zu sein und niemanden zu kennen und das gute Essen, das sie Abend für Abend serviert bekam. Manchmal ging sie spazieren, meist aber nicht. Sie saß einfach nur da und spürte das Sein. Sah den Bergen zu, wie sie im Verlauf des Tages ihre Farbe veränderten, las, fotografierte. Nach einer Woche war sie so erholt wie selten in ihrem Leben. Und das Schönste an der Sache:  Sie freute sich wieder unglaublich auf ihr Leben in Marrakesch, auf die kleinen Gespräche mit den Nachbarn, mit dem Bäcker und dem Taxifahrer. Der Kontrast war es, der ihr klar machte: Sie braucht beides. Mal das eine, mal das andere. Eines alleine reicht nicht, um sie glücklich zu machen.

Die Ruhe von Imlil, Foto: Marion Klein

Inzwischen war Marion zum zweiten Mal in Imlil, ganze 14 Tage lang. Und nachdem sie ihre ruhigen Tage hatte, begann sie im Dorf herumzulaufen. Lernte die Menschen in den Häusern ringsumher kennen, die freundlich, aber zurückhaltend waren. Sie freundete sich mit einer alten Frau an, die täglich ihre Ziegen durchs Dorf trieb und sie fand einen Baum, den sie unbeschreiblich mochte. Da setzte sie sich hin, wenn sie eine Pause beim Spaziergang brauchte und den ganz besonderen Kontakt zur Natur. Und wieder war es wie beim ersten Mal: Als sie zurück nach Marrakesch kam, waren die Batterien aufgeladen und der Kopf so frei, dass sie all das angehen konnte, was sie - ganz untypisch für sie - so lange vor sich hergeschoben hatte.

Und die dritte Reise nach Imlil? Ist natürlich längst geplant und gebucht. Die Ruhe von Imlil lässt Marion nicht mehr los. Und sie spürt, dass sie zwar die Anonymität nach wie vor ab und zu braucht, das Europäische von Agadir aber nicht mehr, um aufzutanken. Sie ist nämlich wirklich, endlich angekommen in Marokko. Mit Haut und Haaren. In einem Baumhaus in den Bergen, wo die Menschen sie in Ruhe lassen, wenn sie das braucht und mit ihr reden, wenn sie das möchten. Und sie weiß: Hier gehört sie hin. Genauso wie nach Marrakesch.  

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