Die Frau hinter dem Tresen: Was von einer Begegnung bleibt
Nicht jede Begegnung hinterlässt Spuren. Manche verschwinden, ohne dass man sagen könnte, wann genau sie begonnen haben - oder ob sie überhaupt als solche galten. Dieser Text kreist um die Frage, was im Alltag sichtbar wird, ohne Bedeutung zu beanspruchen, und was bleibt, wenn man aufhört, genauer hinzusehen.
Man bewegt sich durch Kénitra hindurch. Man erledigt, was zu erledigen ist, wartet, geht weiter. Die großen Straßen dienen weniger der Verbindung als dem Durchgang. Sie nehmen den Verkehr und die Menschen auf, führen sie weiter und verlieren sie wieder aus dem Blick. Entlang dieser Achsen liegen Café, offen zur Fahrbahn, vom Geräuschpegel der Straße geprägt. Orte des kurzen Innehaltens - für jene, die unterwegs sind und es bleiben.
An einer dieser Straßen liegt das Café Az-Zaman (die Zeit). Große Fenster, einfache Tische, der Blick richtet sich automatisch nach draußen. Busse, Taxis, Motorräder, immer in Bewegung. Menschen, die warten, nicht aus Muße, sondern weil Warten zu ihrem Tagesablauf gehört.
Hinter dem Tresen arbeitet eine junge Frau. Sie fällt nicht auf. Gerade das macht sie bemerkenswert. Ihre Bewegungen sind ruhig und sicher, ohne jede überflüssige Geste. Sie arbeitet zügig, aber nicht hastig. Man merkt, dass sie diesen Raum kennt, seine Abläufe, seine kleinen Tücken. Sie spricht wenig. Wenn sie antwortet, dann sachlich und knapp. Kein Lächeln, das Nähe anbietet, aber auch keine Abwehr. Man merkt schnell: Sie ist da, um ihre Arbeit zu tun - nicht mehr und nicht weniger.
Beim ersten Mal nehme ich sie kaum wahr. Ich bestelle, setze mich, esse, gehe wieder. Nichts bleibt hängen. Beim zweiten Mal erkenne ich sie wieder - und bemerke, dass mir dieses Wiedererkennen nicht gleichgültig ist. Nicht, weil sie mir vertraut wäre, sondern weil sie unverändert wirkt. Dieselbe Ruhe, derselbe Abstand, dieselbe Konzentration. Ich setze mich ans Fenster. Draußen entfaltet sich der Straßenraum von Kénitra. Ein Bus hält, Menschen steigen aus, andere ein. Motorräder drängen sich durch den Verkehr. Zwei Jugendliche lehnen an einer Haltestelle und sehen auf ihre Telefone, als hätten sie Zeit. Das Café ist ein guter Ort, um all das zu beobachten, ohne Teil davon zu werden. Als sie mir die Bestellung hinstellt, berühren sich unsere Hände kurz. Es ist kein besonderer Moment. Nur ein flüchtiger Kontakt, der sofort wieder endet. Dennoch ziehe ich meine Hand schneller zurück, als es nötig gewesen wäre. Es überrascht mich, dass mir diese Bewegung auffällt - vielleicht, weil sie nicht geplant war.
Am nächsten Tag komme ich wieder. Nicht aus einem bestimmten Anlass. Das Café liegt auf dem Weg. Ich bemerke, dass sie kaum innehält. Bestellungen, Kasse, Tabletts, kurze Wege hinter dem Tresen. Alles folgt einem Rhythmus, der keinen Leerlauf kennt. Sie scheint sich diesen Rhythmus zu eigen gemacht zu haben, als wäre er Teil ihres Körpers. Sie wirkt müder als am Vortag. Nicht erschöpft, eher angespannt. An ihrer Jacke entdecke ich ein kleines Namensschild, weißes Plastik, schwarze Buchstaben: Ghariba.
Ich lese den Namen ein zweites Mal. Seine Bedeutung ist mir vertraut: die Fremde. Unwillkürlich frage ich mich, wer diesen Namen gewählt hat und mit welcher Hoffnung. Namen werden ausgesprochen, lange bevor man weiß, in welches Leben sie fallen. Und manchmal scheinen sie im Rückblick weniger zufällig, als man es sich wünschen würde.
Sie arbeitet weiter, ruhig, konzentriert, selbstverständlich an ihrem Platz. Fremdsein scheint nicht zu bedeuten, fehl am Ort zu sein. Manchmal bedeutet es lediglich, keinen Raum zu haben, der von Dauer ist.
In den folgenden Tagen komme ich mehrmals. Nicht regelmäßig, aber oft genug, um ein Muster zu erkennen. Sie ist immer da, immer in Bewegung, immer mit derselben Zurückhaltung. Es gibt keine Gespräche, nur kurze Sätze, die zur Arbeit gehören. Allmählich beginne ich, ihre Anwesenheit als Teil dieses Ortes wahrzunehmen - so selbstverständlich wie das Geräusch des Verkehrs vor dem Fenster.
Einmal beobachte ich, wie sie sich kurz gegen den Tresen lehnt, kaum merklich, als würde sie das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern. Dann richtet sie sich wieder auf und arbeitet weiter. Niemand scheint es zu bemerken. An einem Nachmittag tritt ein Mann ein. Er stellt sich zu nah, spricht in einem Ton, der Vertrautheit simuliert. Seine Worte sind belanglos, doch der Unterton nicht. Ich sehe, wie sie den Blick senkt und weiterarbeitet, als hätte sie ihn nicht gehört. Als er fragt, ob sie allein im Dienst sei, hebt sie den Kopf. Ihr Blick bleibt ruhig. „Bitte bleiben Sie bei Ihrer Bestellung“, sagt sie. Der Satz ist höflich. Und unmissverständlich. Der Mann lacht kurz, murmelt etwas Unverständliches und geht. Erst danach verändert sich etwas an ihr. Kaum wahrnehmbar. Die Schultern sinken leicht. Sie atmet einmal aus, fast unmerklich. Dann arbeitet sie weiter, als sei nichts geschehen.
Bei einem meiner nächsten Besuche ist sie nicht mehr da. Hinter dem Tresen steht jemand anderes. Jünger. Schneller. Er arbeitet, ohne aufzusehen. Alles folgt dem gewohnten Ablauf, als wäre der Raum nie anders gefüllt gewesen. Ich bestelle und setze mich ans Fenster. Die Straße, der Verkehr, die Haltestelle - nichts wirkt verändert. Nur mir fehlt etwas, das ich nicht benennen kann. Nach einer Weile frage ich, eher aus Gewohnheit als aus Neugier, nach der Frau, die bislang hier gearbeitet hat. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. „Sie arbeitet hier nicht mehr“, sagt er. Mehr fügt er nicht hinzu. Und ich stelle keine weitere Frage.
In diesem Moment wird mir klar, dass der Grund keine Rolle spielt. Menschen verschwinden aus Arbeitszusammenhängen. Schichten werden neu verteilt. Verträge enden. Leben ordnen sich um - meist ohne Erklärung und ohne Zeugen... Ich esse, bezahle und gehe.
Manchmal fahre ich an dieser Straße vorbei. Das Café ist geöffnet. Andere Gesichter hinter dem Tresen, andere Stimmen, derselbe Ablauf... Kénitra funktioniert. An die Frau hinter dem Tresen denke ich selten bewusst. Eher beiläufig, so wie man an etwas denkt, das einmal dazugehört hat und dann ersetzt wurde. Das erinnert an Albert Camus (Der Mensch in der Revolte, Essays): Die Welt geht weiter, auch wenn jemand fehlt.