Das vergessene Fundament Europas - Wie islamisches Wissen wirkte - Wissen als religiöse Verpflichtung

Die Arbeiten islamischer Gelehrter entstanden in einem geistigen Rahmen, in dem Erkenntnis nicht als bloße Überlieferung galt, sondern als Ergebnis von Beobachtung, Nachdenken und methodischer Prüfung. Wissen sollte erarbeitet werden, nicht übernommen. Wahrheit wurde nicht als Besitz verstanden, sondern als fortlaufender Prozess.
Diese Haltung ist tief im koranischen Denken verankert. Die Welt erscheint nicht als verborgenes Geheimnis, sondern als geordnete Wirklichkeit, die zur Betrachtung auffordert. Himmel und Erde bilden einen zusammenhängenden Erfahrungsraum, dessen Strukturen erkannt, verglichen und verstanden werden können. Erkenntnis entsteht aus dem Nachdenken über Ordnung, Wandel und Zusammenhang. Nicht Herkunft oder Stellung unterscheiden den Wissenden vom Unwissenden, sondern Einsicht und Verständnis. Wissen bedeutet Verantwortung: begründen, prüfen, reflektieren.
Aus dieser Perspektive ist Erkenntnis kein Gegenpol zum Glauben, sondern dessen rationale Entfaltung. Die Welt gilt als regelhaft und prinzipiell verstehbar. Ursache und Wirkung, Maß und Verhältnis können untersucht werden. Auf dieser Annahme gründete sich eine Wissenschaftskultur, in der Beobachtung Vorrang vor Autorität hatte, Methode vor Meinung und Begründung vor Tradition. Irrtum war Teil des Erkenntniswegs, Wissen blieb offen und überprüfbar.
Diese Haltung prägte alle Bereiche wissenschaftlichen Arbeitens. Mathematiker ordneten das Denken und machten Wirklichkeit berechenbar. Ärzte untersuchten den menschlichen Körper systematisch und verwandelten Heilkunst in Wissenschaft. Chemiker und Ingenieure führten Wissen in funktionierende Technik über. Philosophen und Historiker reflektierten Vernunft, Gesellschaft und Geschichte als zusammenhängende Prozesse. Erkenntnis war nie Selbstzweck, sondern Grundlage von Verantwortung.
Die folgenden Kapitel machen diese Wege sichtbar. Sie stellen exemplarisch Gelehrte vor, deren Arbeiten bis heute wirken - auch dort, wo ihre Namen vergessen wurden. Das Dossier will Geschichte nicht neu schreiben, sondern vervollständigen. Denn wissenschaftlicher Fortschritt entsteht nicht aus Isolation, sondern aus Austausch, Kritik und Weiterentwicklung über kulturelle Grenzen hinweg.