Bevor das Vergessen beginnt: Boutajangout auf der Spur von Alzheimer
Der marokkanische Neurowissenschaftler Allal Boutajangout sucht nach den Spuren einer Krankheit, lange bevor der Mensch sie selbst wahrnimmt. Wenn Namen verloren gehen, vertraute Abläufe schwerer fallen oder die Erinnerung erste Lücken bekommt, können die Veränderungen im Gehirn bereits eine lange Geschichte hinter sich haben. Boutajangouts Forschung setzt deshalb früher an: in jener stillen Phase, in der Alzheimer biologische Spuren hinterlässt, ohne das Leben des Betroffenen sichtbar zu bestimmen.

Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn an die NYU Grossman School of Medicine in New York. Dort lehrt und forscht Boutajangout auf dem Gebiet der Neurologie und Neurowissenschaften und übernimmt leitende Aufgaben in der Biomarker- und Neurodegenerationsforschung. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Alzheimer und der Frage, wie sich die Erkrankung möglichst früh erkennen lässt. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Blut - genauer gesagt in bestimmten biologischen Veränderungen, die verraten könnten, was sich zur gleichen Zeit im Gehirn vollzieht. Dahinter steht eine ebenso einfache wie weitreichende Frage: Kann das Blut von einer Krankheit erzählen, bevor das Gedächtnis von ihr erzählt?
Boutajangout und sein Team verfolgen diesen Ansatz seit mehreren Jahren. Sie untersuchen Menschen, die noch keine Demenz entwickelt haben, darunter solche, die selbst erste Veränderungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit wahrnehmen, sowie Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen.
Im Blut suchen die Wissenschaftler nach charakteristischen Spuren von Vorgängen, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Anschließend vergleichen sie diese Hinweise mit hochauflösenden Aufnahmen des Gehirns. Eine im Mai 2026 in der Fachzeitschrift Alzheimer’s & Dementia veröffentlichte Studie führte diesen Forschungsweg einen entscheidenden Schritt weiter. Boutajangout war Erstautor der Untersuchung, an der 191 Menschen teilnahmen. Bei ihnen wurden Blutproben analysiert und mit speziellen Aufnahmen des Gehirns verglichen. Das Team wollte wissen, ob Veränderungen, die sich im Blut messen lassen, tatsächlich mit jenen Eiweißablagerungen zusammenhängen, die für Alzheimer charakteristisch sind.
Die Ergebnisse zeigen solche Zusammenhänge. Bestimmte Veränderungen im Blut traten verstärkt bei Menschen auf, bei denen die Bildgebung zugleich eine höhere Belastung durch Alzheimer-typische Ablagerungen im Gehirn erkennen ließ. Für Boutajangout und seine Kollegen stärkt dies die Aussicht, Blutuntersuchungen künftig zur Beobachtung von Menschen einzusetzen, bei denen ein erhöhtes Risiko oder frühe Veränderungen vermutet werden. Die Bedeutung liegt vor allem in der Einfachheit des Zugangs. Veränderungen im Gehirn lassen sich heute mit hoch entwickelten bildgebenden Verfahren sichtbar machen. Diese Untersuchungen sind jedoch aufwendig und nicht überall verfügbar. Eine Blutuntersuchung ist erheblich leichter durchzuführen. Sie könnte künftig eine erste Orientierung geben und dabei helfen zu entscheiden, bei wem weitere Untersuchungen sinnvoll sind.
Boutajangout und sein Team bleiben mit ihren Schlussfolgerungen dennoch zurückhaltend. Ihre Ergebnisse bedeuten nicht, dass heute ein einfacher Bluttest einem gesunden Menschen sagen könnte, ob er Jahre später an Alzheimer erkranken wird. Die Forschung versucht zunächst, frühe Signale verlässlich lesen zu lernen. Gerade weil die biologischen Veränderungen der Erkrankung den sichtbaren Symptomen lange vorausgehen können, erhält Zeit dabei eine besondere Bedeutung. Wer die Krankheit früher erkennt, gewinnt zunächst keine Heilung, aber Wissen - und damit die Möglichkeit, genauer zu beobachten, weitere Untersuchungen einzuleiten und künftig Behandlungen zu einem früheren Zeitpunkt einzusetzen. Gerade bei Alzheimer richtet sich die Forschung deshalb zunehmend auf jene Jahre, die dem sichtbaren Verlust geistiger Fähigkeiten vorausgehen.
Boutajangouts Arbeit endet dabei nicht bei der Diagnose. An der NYU beschäftigt er sich ebenso mit neuen Behandlungsansätzen bei neurodegenerativen Erkrankungen. Früherkennung und Therapie gehören für ihn damit zu derselben wissenschaftlichen Bewegung: Zuerst muss verstanden werden, wann und wie eine Krankheit beginnt, um ihr möglichst früh begegnen zu können.
Der Weg des marokkanischen Forschers führt damit mitten in eine der großen medizinischen Fragen unserer Zeit. In New York arbeitet Boutajangout mit internationalen Wissenschaftlern daran, eine Krankheit sichtbar zu machen, die sich lange der Wahrnehmung entzieht. Seine Arbeit steht zugleich für die Präsenz marokkanischer Wissenschaftler in internationalen Forschungszentren und ihren Anteil an einer Forschung, deren Bedeutung weit über nationale Grenzen hinausreicht.
Allal Boutajangout sucht nicht nach dem Augenblick, in dem ein Mensch etwas vergessen hat. Er sucht nach der Geschichte, die lange vorher begonnen hat.