Wie das uralte Handwerk Marokkos den digitalen Imitationen trotzt
Was bleibt vom Handwerk, wenn Maschinen Formen perfektionieren und 3D-Drucker Traditionen imitieren? … Marokko antwortet nicht mit Abwehr, sondern mit kultureller Klarheit. Zwischen den grünen Glasuren von Tamegroute, den archaischen Zeichen der Rif-Frauen und den Werkstätten von Safi entfaltet sich ein jahrtausendealtes Wissen, das sich nicht digitalisieren lässt.

Unter dem Himmel von Jingdezhen, jener chinesischen Stadt, in der sich Erde seit Jahrhunderten in Porzellan verwandelt, setzte Marokko im Januar 2026 ein bewusstes Zeichen. Im Rahmen der Welt-Internetkonferenz (internationales Forum zu Digitalisierung, Internetpolitik und technologischer Entwicklung, das jährlich in China stattfindet) präsentierte der marokkanische Botschafter Abdelkader El Ansari die Keramikkunst seines Landes: Die Geschichte der marokkanischen Keramik gleicht einem ruhigen Strom, dessen Ursprung tief in der Vorgeschichte liegt. Archäologische Funde belegen eine Tradition, die bis etwa 3.800 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückreicht. Diese außergewöhnliche Kontinuität beruht nicht auf Stillstand, sondern auf Weitergabe. Gesten, Techniken und Haltungen wurden von Generation zu Generation überliefert. Jede Schale, jedes Gefäß erzählt davon, wie menschliche Hand und rohe Materie miteinander in Dialog treten.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Tradition in der Oasenregion Tamegroute im Süden Marokkos. Hier entsteht eine Keramik, die weltweit an ihren tiefen, leuchtenden Grüntönen erkannt wird. Diese Glasuren sind das Ergebnis lokaler Erde, Pflanzenasche und kupferhaltiger Oxide - vor allem aber eines Brennprozesses, der sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Hitze, Rauch und Sauerstoffzufuhr wirken unberechenbar zusammen und hinterlassen Spuren auf der Oberfläche. Was industriell als Fehler gelten würde, ist hier ästhetisches Prinzip. Das Grün steht für Leben, Schutz und spirituelle Tiefe und trägt die Nähe zur berühmten Zawiya von Tamegroute in sich - einem historischen Zentrum religiösen Wissens.
Einen gänzlich anderen Ausdruck findet die Keramik im Rif-Gebirge im Norden des Landes. Dort wird sie traditionell fast ausschließlich von Frauen gefertigt, meist ohne Drehscheibe, oft unglasiert und in offenen Feuerstellen gebrannt. Die Gefäße tragen geometrische Zeichen - Dreiecke, Rauten, Zickzacklinien -, die keine bloße Verzierung sind, sondern eine überlieferte Sprache. Sie stehen für Schutz, Fruchtbarkeit, Übergänge und Zugehörigkeit. Dieses Wissen wird nicht geschrieben, sondern gelebt. Die Rif-Keramik ist weniger Objekt als sozialer Akt - ein stilles Gedächtnis weiblicher Erfahrung, eingeschrieben in Ton.
Zwischen diesen beiden Polen erhebt sich Safi als Herz der marokkanischen Keramikkultur. Die Hafenstadt an der Atlantikküste beherbergt auf der berühmten Colline des potiers rund 200 Werkstätten mit etwa 2.000 Kunsthandwerkern. Safi verbindet lokale Tradition mit internationaler Ausstrahlung. Von hier aus gehen marokkanische Keramikarbeiten in alle Welt. Diese Rolle wurde auch institutionell anerkannt: 2025 wurde Safi in das Netzwerk kreativer Städte der UNESCO aufgenommen, nachdem die marokkanische Keramik bereits 2023 als immaterielles Kulturerbe gewürdigt worden war.
Doch dieses Erbe steht unter Druck. Industrielle Serienproduktion und 3D-Drucktechnologien überschwemmen den Markt mit preisgünstigen Imitationen. Auch wenn Liebhaber weiterhin das Authentische suchen, zwingt der wirtschaftliche Druck viele Handwerker zur Aufgabe. Das Handwerk befindet sich an einem Scheideweg zwischen kultureller Würde und ökonomischer Realität.
Als Antwort darauf verfolgt Marokko eine ambitionierte nationale Strategie. Unter dem Leitgedanken eines „lebendigen und sich wandelnden Erbes“ setzt das Ministerium für Tourismus und Handwerk auf Designförderung, Forschung, Normierung und den Schutz geistigen Eigentums. Kollektive Marken, Qualitätsstandards und Herkunftsschutz sollen verhindern, dass handwerkliches Wissen in der Anonymität industrieller Replikation verschwindet.
Diese Strategie wird durch internationale Kooperationen ergänzt. Seit 1993 verbindet Safi eine Partnerschaft mit Jingdezhen. Diese Beziehung soll erneuert und an die technologischen Realitäten der Gegenwart angepasst werden. Nach dem Besuch des Gouverneurs der chinesischen Provinz Jiangxi im Mai 2025 zeichnet sich zudem eine vertiefte regionale Zusammenarbeit ab.
Die marokkanische Keramik begnügt sich nicht mit dem bloßen Überleben. Sie sucht die Zukunft - nicht gegen, sondern jenseits der Maschine. Ob es gelingt, die schöpferische Hand des Menschen dauerhaft gegenüber der kalten Perfektion digitaler Replikate zu behaupten, gehört zu den entscheidenden kulturpolitischen Fragen der kommenden Jahre.
Siehe diese 2 YouTube-Beispiele über die Keramikverarbeitung in der Stadt Safi Un millénaire de Savoir-Faire: Histoire de la poterie de Safi und Why Is Safi Pottery So Expensive?