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Marokko baut eine Filmstadt für die globale Filmindustrie

Seit mehr als einem Jahrhundert zieht Marokko Filmemacher aus aller Welt an. Die Vielfalt seiner Landschaften, die historischen Städte und die Nähe zu Europa haben das Land zu einem der beliebtesten Drehorte der internationalen Filmindustrie gemacht. Nun soll zwischen Rabat und Casablanca eine neue Filmstadt entstehen - ein Projekt, das Marokko nicht nur als Kulisse für große Produktionen positionieren will, sondern als vollständigen Produktionsstandort für Filme und Serien.

Fiktive Argan Studios zw. Rabat und Casa. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Fiktive Argan Studios zw. Rabat und Casa. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstelltDie geplante Anlage, die unter dem Projektnamen Argan Studios entwickelt wird, soll rund 80 Hektar umfassen und ein Investitionsvolumen von etwa 70 Millionen Euro erreichen. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist die marokkanische Produzentin Khadija Alami, Gründerin der Produktionsfirma K Films. Sie arbeitete bereits an internationalen Produktionen wie der Serie Homeland oder Prison Break, die teilweise in Marokko gedreht wurden. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, eine Infrastruktur zu schaffen, die internationalen Produktionen alles bietet, was sie benötigen - von großen Studios über Postproduktion bis zu Unterkünften für Filmteams.

Die Lage zwischen Rabat und Casablanca wurde bewusst gewählt. Beide Städte verfügen über internationale Flughäfen und eine gute Verkehrsinfrastruktur. Gleichzeitig befindet sich das Projekt in unmittelbarer Nähe zu den wirtschaftlichen und administrativen Zentren des Landes. Während Ouarzazate seit Jahrzehnten als spektakuläre Kulisse für Wüstenlandschaften dient, soll die neue Filmstadt vor allem moderne Studioaufnahmen ermöglichen.

Geplant ist ein komplettes Produktionsökosystem. Große Sound Stages sollen Platz für aufwendige Filmsets bieten. Ergänzt werden sie durch Postproduktionsstudios, Büros für Produktionsfirmen, Ausbildungsprogramme für Filmberufe sowie Hotels und Dienstleistungen für internationale Filmteams. Ziel ist es, dass ein Filmprojekt künftig vollständig in Marokko realisiert werden kann - vom ersten Drehtag bis zur finalen Bearbeitung.

Das Projekt kommt zu einem Zeitpunkt, in dem sich die globale Filmindustrie stark verändert. Streamingplattformen produzieren heute eine enorme Zahl neuer Serien und Filme und suchen weltweit nach geeigneten Drehorten. Unternehmen wie Netflix, Disney oder Prime Video beobachten deshalb neue Produktionsstandorte besonders aufmerksam. Auch wenn noch keine konkreten Projekte bestätigt sind, könnte die neue Filmstadt genau jene Infrastruktur bieten, die große internationale Produktionen benötigen.

Die Initiative fügt sich in eine lange Geschichte des Filmemachens in Marokko ein. Schon früh entdeckten Regisseure das Land als Drehort. Einer der ersten internationalen Filme, die hier gedreht wurden, war Mektoub des Regisseurs Alexandre Volkoff aus dem Jahr 1919. Damals nutzten Filmemacher vor allem die exotische Atmosphäre nordafrikanischer Städte und Landschaften.

Weltweite Bekanntheit erlangte Marokko in den 1960er Jahren. Der Monumentalfilm Lawrence of Arabia von David Lean machte die Wüstenlandschaften des Landes zu einem ikonischen Schauplatz des internationalen Kinos. Die eindrucksvollen Szenen der arabischen Wüste wurden teilweise im Süden Marokkos gedreht und prägten das Bild der Region in der Filmgeschichte.

In den 1980er Jahren begann Marokko gezielt, seine Filmindustrie auszubauen. Besonders bekannt wurden die Atlas Studios in Ouarzazate, die heute zu den größten Filmstudios der Welt gehören. Rund um diese Studios entwickelte sich eine Infrastruktur aus Technikern, Kulissenbauern und Produktionsfirmen, die internationale Filmteams unterstützen.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends entdeckte Hollywood Marokko erneut für große Produktionen. Historische Epen und Abenteuerfilme nutzten die spektakulären Landschaften des Landes. Besonders prägend war der Film Gladiator von Ridley Scott, dessen Szenen teilweise in der Region von Ouarzazate entstanden. Der Erfolg des Films machte Marokko erneut zu einem gefragten Drehort für internationale Produktionen.

Auch andere große Filme nutzten die marokkanische Kulisse. Dazu gehören Produktionen wie Kingdom of Heaven, Alexander oder The Mummy. In den letzten Jahren kamen zudem moderne Blockbuster hinzu. Der James-Bond-Film Spectre und Teile von Mission Impossible - Rogue Nation wurden ebenfalls in Marokko gedreht.

Neben Kinofilmen entdeckten auch internationale Serienproduktionen das Land. Besonders bekannt wurde die Serie Game of Thrones, deren Szenen in historischen Städten wie Essaouira sowie in den Kasbahs des Südens entstanden. Diese Produktionen machten deutlich, dass Marokko nicht nur eine Kulisse für einzelne Szenen ist, sondern ein vielseitiger Drehort für komplexe Serienproduktionen.

Heute finden jedes Jahr zahlreiche internationale Dreharbeiten im Land statt. Internationale Produktionen investieren dabei Millionenbeträge in lokale Dienstleistungen, beschäftigen marokkanische Filmteams und nutzen die vielfältigen Landschaften des Landes. Die Filmindustrie ist damit zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor geworden.

Die geplante Filmstadt zwischen Rabat und Casablanca markiert weit mehr als eine infrastrukturelle Erweiterung - sie steht für einen grundlegenden Wandel in der Rolle Marokkos innerhalb der globalen Filmindustrie. War das Land bislang vor allem eine eindrucksvolle Kulisse für internationale Produktionen, eröffnet eine moderne Studiolandschaft neue Perspektiven: Filme könnten künftig vollständig vor Ort entstehen - von aufwendig gebauten Sets über visuelle Effekte bis hin zur Postproduktion. Zugleich würde das Projekt die Ausbildung einer neuen Generation von Fachkräften fördern und damit die Basis für eine eigenständige, leistungsfähige audiovisuelle Industrie schaffen.

Damit geht die Vision deutlich über ein einzelnes Studioprojekt hinaus. Sie zielt darauf ab, Marokko dauerhaft als Produktionszentrum für Film und Serien im Mittelmeerraum und in Afrika zu etablieren. In einer Zeit, in der Streamingplattformen weltweit nach neuen Geschichten und Drehorten suchen, könnte genau hier eine neue Dynamik entstehen. Es wäre die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung, die vor über hundert Jahren begann - als die ersten Kameras in den Landschaften Marokkos aufgestellt wurden. Aus einem Ort, an dem Filme gedreht werden, könnte endgültig ein Ort werden, an dem sie vollständig entstehen.