Zum Hauptinhalt springen

Erfolg als Provokation: Die CAN 2025 und Afrikas Blick auf sich selbst

Die CAN 2025 war sportlich ein Turnier - politisch und mental jedoch ein Stresstest. Sie zeigte weniger ein Problem des Fußballs als eines des Blicks: auf Erfolg, auf Professionalität und auf afrikanische Selbstbehauptung. Ein Essay über Misstrauen, Projektionen und die Angst vor eigener Stärke.

Mosaik Rabat mit dem Stadion Prinz Mly Abdellah Foto mit Hilfe von ChatGPT zusammengestellt

Ahmed ElmidaouiGewinnen, verlieren, organisieren - am Ende ist es immer dasselbe: Marokko ist schuldig. Das Urteil steht fest, lange bevor der erste Ball gespielt wird. Fakten, Zahlen, Bilder, Standards - all das spielt keine Rolle. Marokko darf erfolgreich sein, solange es nicht stört. Leistungsfähig, solange es nicht glänzt. Effizient, solange es dafür keinen Applaus erhält. Und das Erschreckendste daran ist nicht einmal das Urteil von außen. Es ist das Echo, das Afrika selbst darauf gibt.

Das also ist Afrika, wenn es sich im Spiegel betrachtet: Erfolg, der irritiert. Kompetenz, die verdächtig wirkt. Eine Organisation, die provoziert. Bei dieser Afrika-Cup-Endrunde 2025 war das Narrativ schneller bereit als jede Spielanalyse. Als sei Exzellenz ein Fehlverhalten - und Professionalität eine Grenzüberschreitung. Denn worum geht es eigentlich? Nicht um einen Elfmeter, der gepfiffen wurde oder nicht. Solche Entscheidungen gehören zum Fußball - überall auf der Welt. Unerträglich scheint vielmehr etwas anderes: dass ein afrikanisches Land besser funktioniert, als man es von ihm erwartet.

Die CAN 2025 war ein Erfolg - logistisch, sicherheitstechnisch, sportlich, wirtschaftlich. Volle Stadien, internationale Übertragungen, Infrastrukturen auf FIFA-Niveau, messbare wirtschaftliche Effekte. All das ist belegt, überprüfbar, öffentlich. Doch was zählen Fakten, wenn das Urteil längst gefällt ist?

Das afrikanische Fußballproblem ist kein Mangel an Ressourcen, sondern ein Übermaß an Komplexen. Sobald ein Land die folkloristische Rolle verlässt, die man ihm zugedacht hat, setzt Misstrauen ein. Sobald ein afrikanischer Staat zeigt, dass er Standards nicht nur erreichen, sondern übertreffen kann, wird von Manipulation, Bevorzugung oder Arroganz gesprochen. Hinzu kommt - wenig überraschend - ein Teil der französischen Presse, gefangen in einer altbekannten Haltung: herablassend, ironisch, insinuierend. Man analysiert nicht, man deutet an. Man kritisiert nicht präzise, man raunt. Das Wort „Skandal“ schwebt wie ein Duft aus kolonialen Mottenkisten über der Berichterstattung. Afrikanischer Fußball bleibt für sie akzeptabel, solange er chaotisch ist - und verdächtig, sobald er effizient wird. Diese Haltung ist nicht harmlos. Sie ist vererbt, paternalistisch, oft offen verächtlich. Doch am Ende geht es nicht um Marokko. Es geht um eine tiefere Kränkung: die Vorstellung, dass ein afrikanisches Land erfolgreich sein kann, ohne um Erlaubnis zu bitten.

Die CAN 2025 hat eine unbequeme Wahrheit freigelegt: Afrika feiert seine eigenen Erfolge nur selten. Es relativiert sie, beschmutzt sie oder erklärt sie mit dunklen Machenschaften. Erfolg wirkt verdächtig, Scheitern tröstlich. Niederlagen sind vertraut, Siege unbequem. Welch Elend - ja. Aber nicht das der Infrastruktur. Nicht das der Organisation. Sondern das des Blicks. Ein afrikanischer Blick, der sich mit Exzellenz noch immer schwertut, wenn sie aus den eigenen Reihen kommt.

Dieser Afrika-Cup hat mehr gezeigt als einen Turniersieger. Er hat eine Bruchlinie offengelegt: zwischen jenen, die ein selbstbewusstes, modernes, souveränes Afrika wollen - und jenen, innerhalb wie außerhalb des Kontinents, die es lieber stolpern sehen, um sagen zu können: „Wir haben es euch doch gesagt.“

Marokko hat niemanden bestohlen. Es hat nicht getrickst. Es hat nicht manipuliert. Es hat etwas getan, was in Afrika noch zu selten geschieht: erfolgreich sein, ohne sich dafür zu entschuldigen. Die CAN 2025 hat auch eines deutlich gemacht: Der afrikanische Fußball leidet an einer Kultur des permanenten Misstrauens - oft genährt von den eigenen Reihen. Improvisation wird gefeiert, Methode argwöhnisch beäugt. Schlamperei wird verziehen, Präzision verdächtigt. Und genau hier liegt das Tragische: ein Kontinent, der Rivalität mit Sabotage verwechselt, Kritik mit Selbstzerstörung. Man fordert moderne Stadien und verdächtigt jene, die sie bauen. Man verlangt professionelle Organisation und diskreditiert sie, wenn sie funktioniert. Man träumt von globalem Respekt - und untergräbt sich gegenseitig. Welch Elend, ja. Ein intellektuelles, moralisches, politisches Elend. Eines, das verhindert, dass Erfolge zu Fundamenten werden - und sie stattdessen in imaginäre Skandale verwandelt.

Marokko ist nicht das Problem. Es ist der Spiegel. Der Spiegel eines Kontinents, der sein Verhältnis zu Erfolg, zu soft power, zu selbstbewusster Leistungsfähigkeit noch nicht geklärt hat. Und ebenso der Spiegel eines westlichen - besonders französischen - Blicks, der schlecht erträgt, dass Afrika nicht länger Versuchsfeld, sondern handlungsfähiger Akteur ist. Diese CAN 2025 wird nicht nur sportlich in Erinnerung bleiben. Sie markiert einen Moment der Klarheit: Der eigentliche Kampf findet nicht auf dem Rasen statt, sondern in den Köpfen. Und dieser Kampf - so scheint es - ist für viele noch lange nicht entschieden.