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An den Schwellen des Malhoun: Marokkos gesungene Dichtung

Malhoun ist weit mehr als eine traditionelle Gesangskunst. Über Jahrhunderte verband er die Sprache der Menschen mit Dichtung und Musik und hinterließ seine Spuren auch im modernen marokkanischen Theater und in der Musik.

Fiktives Motiv eines Malhoun Abends. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Jedes Volk besitzt Ausdrucksformen, in denen sich sein kulturelles Erbe in besonderer Weise verdichtet. Dieses Erbe ist individueller oder gemeinschaftlicher Ausdruck gemeinsamer Anliegen, die mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ereignissen verbunden sind und den Menschen ebenso wie sein unmittelbares und weiteres Umfeld beschäftigen. Es kann aber auch persönlicher Ausdruck sein und Gefühle von Freude, Liebe und Trauer ebenso widerspiegeln wie individuelle Erfolge und Enttäuschungen, an denen andere unmittelbar oder mittelbar Anteil nehmen.

Ausgehend von Ausdrucksformen, die eng mit der breiten Bevölkerung verbunden sind, nimmt der Malhoun – von manchen als Kunst des Malhoun, von anderen als Literatur des Malhoun bezeichnet – einen herausragenden und besonderen Platz innerhalb des volkstümlichen literarischen und künstlerischen Erbes des westlichen Nordafrikas ein. Seine Zajal-Dichtung [Zajal bezeichnet Dichtung in der gesprochenen Sprache statt im klassischen Arabisch], die in gewisser Weise dem andalusischen Muwaschschah [einer im mittelalterlichen al-Andalus entwickelten strophischen Gedichtform] ähnelt, entwickelte und wandelte sich seit der Zeit der Almohaden (1121–1269). Sie lebte im Gedächtnis der Bevölkerung und im marokkanischen Kulturerbe weiter, bis sie schließlich Teil jener gesungenen Form wurde, die wir heute als Malhoun kennen.

Der Malhoun wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Brücke zwischen der traditionellen volkstümlichen Dichtung und dem modernen Lied im westlichen Nordafrika. Auch Schriftsteller und Theaterregisseure griffen auf seinen reichen poetischen und musikalischen Fundus zurück. Seine Stoffe, Gedichte und Ausdrucksformen lieferten Material für zahlreiche Bühnenwerke und wirkten als Impuls für die Erneuerung des Theaters.

Zu den Beispielen aus den 1960er-Jahren gehören die Stücke An-Nur wa-d-Dujur und Al-Harraz des Autors Abdessalam Chraïbi, die von Tayeb Saddiki, einem der prägenden Regisseure des modernen marokkanischen Theaters, inszeniert wurden. Hinzu kamen unter anderem Sidi Qaddour Al-Alami der Marrakschi Theatergruppe Al-Wafaa sowie Qadi al-Halqa von Tayeb El Alj, einem bedeutenden marokkanischen Dramatiker und Theaterautor. Die Zahl solcher Werke ist weitaus größer.

Auch die moderne marokkanische Musik griff auf diese Tradition zurück. Nass El Ghiwane und Jil Jilala, zwei der einflussreichsten marokkanischen Musikgruppen seit den 1970er-Jahren, wählten den Malhoun als eine ihrer Inspirationsquellen und schöpften aus seinen Gedichten für ihren eigenen musikalischen Weg.

Heute ist Malhoun eine eigenständige Gesangskunst. Ihre Grundlage bildet die Zajal-Dichtung – also Dichtung in der gesprochenen arabischen Sprache und nicht im klassischen Arabisch. Ihre Verse können den traditionellen Versmaßen der arabischen Dichtung folgen, der Malhoun entwickelte jedoch zugleich eigene metrische Formen mit eigenen Regeln und Strukturen. Dazu gehören Formen wie al-Mabit, al-Muschtab und Soussi. Gerade diese eigenen Versmaße tragen wesentlich dazu bei, dem Malhoun seine unverwechselbare poetische und musikalische Identität zu geben.

Malhoun-Darbietungen beginnen traditionell mit Einleitungen, die nach dem Vorbild alter arabischer Dichtung der eigentlichen Qasida [einem längeren Gedicht, das im Malhoun den Kern des vorgetragenen Werkes bildet] vorausgehen. Diese Einleitungen heißen as-Saraaba. [Sie bereiten musikalisch und poetisch auf die eigentliche Qasida vor.] Meist handelt es sich um kurze Gedichte unbekannter Urheberschaft, die häufig keinen unmittelbaren Zusammenhang mit dem zentralen Thema der Qasida haben.

O mein Herz, sei geduldig mit deinem Geliebten, Geduld ist der Schlüssel zu Schätzen und Vorräten. Mache deinem Geliebten keine Vorwürfe, wenn er sich entfernt, hoffe auf seine Rückkehr nach schweren Stunden. [Das Beispiel zeigt zugleich, wie unmittelbar diese Dichtung Gefühle in einer Sprache ausdrückt, die ihrem Publikum näherstand als das klassische Arabisch.]

Wo die Geschichte des Malhoun beginnt

Trotz der zahlreichen Forschungen und Studien, die sich dieser Form volkstümlicher Zajal-Dichtung gewidmet haben, bleibt die historische Entstehungsphase der Malhoun-Literatur im Dunkeln. Fest steht jedoch, dass ihre Entwicklung eng mit der Verbreitung der arabischen Umgangssprache in breiten Bevölkerungsschichten verbunden war. Viele Menschen, die mit den grammatischen Regeln des klassischen Arabisch nicht vertraut waren, fanden darin die Ausdrucksform, nach der sie suchten.

Darauf verweist Ibn Khaldun [1332–1406, einer der bedeutendsten Historiker und Gesellschaftstheoretiker des mittelalterlichen Maghreb] in seiner Muqaddima [seiner berühmten Einleitung zu einem großen Geschichtswerk], wenn er über die Begeisterung der Bewohner von Fès für diese Dichtung schreibt: „Die Bewohner von Fès fanden Gefallen daran und begeisterten sich dafür. Sie dichteten auf ihre Weise und ließen die grammatischen Regeln des klassischen Arabisch beiseite, mit denen sie nicht vertraut waren. Diese Dichtung verbreitete sich unter ihnen immer stärker; viele zeichneten sich darin aus und entwickelten unterschiedliche Formen.“

Dieses Zeugnis Ibn Khalduns weist darauf hin, dass diese Zajal-Dichtung zu seiner Zeit noch keine Verbindung zum Gesang hatte, sondern lediglich aus Gedichten bestand. Erst später, ab dem 15. Jahrhundert, sollten diese Gedichte zur wesentlichen Grundlage der musikalischen Modi des Malhoun werden. Diese gehen größtenteils auf andalusische musikalische Modi zurück und verwenden Instrumente der andalusischen Musik wie Oud [eine bundlose Kurzhalslaute und eines der wichtigsten Instrumente der arabischen Musik] und Schlaginstrumente wie Darbuka [eine kelchförmige Trommel] und Tar [Rahmentrommel], begleitet vom Gesang. Im Laufe der Zeit entwickelte der Malhoun daraus jedoch seine eigene, selbstständige Identität.

Viele Bezeichnungen – ein Name

Woher der Name Malhoun stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Marokkanische Forscher haben dafür unterschiedliche Erklärungen vorgeschlagen. Dahinter steht vor allem eine Besonderheit des Arabischen: Ein Wortstamm kann je nach Zusammenhang verschiedene Bedeutungen annehmen.

Der marokkanische Gelehrte Mohammed Al-Fassi brachte Malhoun mit dem arabischen Wort Lahn in Verbindung und verstand darunter die „Melodie“. Der Literaturwissenschaftler Abbas Al-Jirari deutete den Begriff dagegen sprachlich: Lahn kann auch eine Abweichung von den Regeln des klassischen Arabisch bezeichnen. Das würde zum Malhoun passen, denn seine Gedichte entstanden nicht in der klassischen Hochsprache, sondern in einer Sprache, die näher an der gesprochenen Sprache der Menschen lag. Bereits Ibn Khaldun beschrieb im 14. Jahrhundert eine solche Dichtung in Fès, deren Verfasser die grammatischen Regeln des klassischen Arabisch beiseiteließen.

Eine dritte Deutung geht auf den Malhoun-Kenner Ahmed Sehoum zurück. Für ihn bezeichnet Malhoun eine Rede, die sprachlich gelungen, treffend und überzeugend ist. Er verweist dafür auf ältere Malhoun-Verse, in denen der Begriff genau in diesem Sinne verwendet wird. Auch in der arabisch-islamischen Überlieferung findet sich Lahn in der Bedeutung einer besonders geschickten und überzeugenden Ausdrucksweise.

Damit stehen drei Vorstellungen nebeneinander: Melodie, Abweichung von der klassischen Sprachnorm und sprachliche Beredsamkeit. Welche davon dem Namen historisch tatsächlich zugrunde liegt, lässt sich nicht abschließend entscheiden. Gemeinsam zeigen sie jedoch, was den Malhoun auszeichnet: Er löste sich von der strengen klassischen Sprache, entwickelte eigene poetische Regeln und verband das Wort schließlich mit musikalischem Vortrag.

Auch Malhoun war lange nicht die einzige Bezeichnung für diese Dichtung. Frühere Dichter und Kenner verwendeten verschiedene Namen, die jeweils eine bestimmte Eigenschaft hervorhoben. Besonders anschaulich ist Al-Ilm al-Mawhub – das „geschenkte Wissen“. Gemeint war damit die Vorstellung, dichterische Begabung lasse sich nicht allein durch Unterricht oder Auswendiglernen erwerben. Sie galt als eine besondere Gabe. Der Malhoun-Dichter Ali Al-Baghdadi brachte diese Vorstellung poetisch auf den Punkt: Nur derjenige könne dieses Geheimnis erfassen, dem der Schöpfer den Blick dafür öffne.

Eine Dichtung aus den Werkstätten – und den Palästen

Fiktives Handwerkermotiv bei einer Malhounfeier. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Wie alle volkstümlichen dichterischen Bewegungen in den arabischen Gesellschaften war auch die Malhoun-Dichtung zwischen Ablehnung und Zustimmung umstritten. Sie überstand jedoch die ablehnenden und feindseligen Stimmen und entwickelte und verbreitete sich dank der Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten, insbesondere der Handwerker.

Die meisten ihrer Dichter gehörten Berufen und Handwerken wie Schuhmacherei, Gerberei, Weberei oder Bäckerei an. Sie machten die Sorgen und Interessen dieser gesellschaftlichen Schicht zu ihren eigenen. Viele dieser Dichter konnten weder lesen noch schreiben. In dieser Form der Dichtung fanden sie ein fruchtbares Feld, um auszudrücken, was sie bewegte. Sie reagierten rasch auf neue Entwicklungen des täglichen Lebens, auf wirtschaftliche Krisen und politische Ereignisse – sowohl in Marokko als auch im arabischen Osten.

Die Anziehungskraft des Malhoun blieb jedoch nicht auf die breiten Bevölkerungsschichten beschränkt. Auch Rechtsgelehrte, Politiker, Sultane, Literaten und Sufis erlagen seinem Reiz und bereicherten diese literarische Bewegung mit zahlreichen Werken. Unter den Rechtsgelehrten sei etwa Abdelaziz Al-Maghraoui genannt, unter den Politikern der Minister Mohammed Al-Amraoui. Zu den Sultanen gehört Moulay Abdelhafid [Sultan von Marokko von 1908 bis 1912], dessen Diwan [Gedichtsammlung] zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Steindruckerei von Fès gedruckt und 2019 von der Akademie des Königreichs Marokko erneut herausgegeben wurde. Unter den Sufis findet sich Mohammed Al-Harraq, und die Zahl weiterer Beispiele ist groß.

Malhoun war auch keine ausschließlich männliche Kunst. Dichterinnen bereicherten ihn mit ihren Werken, darunter At-Taroudantiyya und Al-Wardighiyya.

Auch die Werke der Malhoun-Dichter blieben von Kritik und Diskussion unter den Gelehrten nicht unberührt. Diese trugen durch ihre Rechtsgutachten dazu bei, geistige und religiöse Streitfragen zu entscheiden, von denen die Themenwelt der Malhoun-Dichter reich war.

So wandten sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die beiden Dichter Ahmed Al-Gharabli aus Fès und Al-Madani At-Turkumani aus Marrakesch wegen einer Frage des Glaubens und des Handelns an die Gelehrten der Qarawiyyin [der traditionsreichen religiösen und wissenschaftlichen Institution in Fès]. Es ging darum, ob das Bekenntnis zu Gott und seinem Gesandten genüge, wie At-Turkumani sagte: O Tadelnder, lass die Menschen, jeden in seinem Zustand. Das Bekenntnis zu Gott und seinem Gesandten genügt seinem Träger. Oder ob das Bekenntnis nicht ausreiche und vom Handeln begleitet werden müsse, wie Al-Gharabli entgegnete: O du, der du behauptest zu wissen, höre, was die Gelehrten sagen: Das Bekenntnis ohne Taten genügt seinem Träger nicht.

Aus diesem Streit entstand eine bemerkenswerte kleine Schrift des Gelehrten Bouachrine [eines Gelehrten der Qarawiyyin] in Form eines ausführlichen Rechtsgutachtens. Darin gab er Al-Gharabli recht und urteilte, dass At-Turkumanis Gedicht nur dann vorgetragen werden dürfe, wenn zugleich auch das Gedicht Al-Gharablis vorgetragen werde. [Malhoun war nicht nur Unterhaltung oder Liebesdichtung. Seine Verse konnten damit sogar Gegenstand theologischer Debatten werden, mit denen sich die Gelehrten der Qarawiyyin beschäftigten.]

Wenn die volkstümliche Dichtung die klassische inspiriert

Die Dichter des klassischen Arabisch durchliefen immer wieder Phasen der Erstarrung, in denen sie von den Sorgen und Anliegen der Bevölkerung entfernt oder nahezu isoliert waren. Ihre Werke bewegten sich dann in geschlossenen Kreisen, wiederholten sich selbst und kreisten um ihre eigene Achse. Dies eröffnete den volkstümlichen Dichtern einen weiten Raum, diese Lücke zu füllen und die unterschiedlichsten Themen aufzugreifen, die mit dem täglichen Leben in seiner ganzen Breite verbunden waren.

Sie behandelten zahlreiche Stoffe nach dem Vorbild der arabischen Dichtung: Lob, Liebe, Stolz, Satire und dichterische Streitgespräche, Trauer, Rätsel sowie religiöse Themen wie die göttliche Liebe, das Lob des Propheten und seiner Familie, der Heiligen und Frommen oder die Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Auffassungen.

Daneben schuf der Malhoun-Dichter Themen und Formen, die ihn vom Dichter des klassischen Arabisch unterschieden. Dazu gehören etwa die poetische Liebesgeschichte Al-Harraz [eine im Malhoun besonders bekannte Erzählform um Liebe, Trennung, List und Befreiung], Ad-Damlij, Al-Khalkhal, Al-Gnawi sowie humoristische Formen wie Hman, Az-Zarda oder die Streitgespräche zwischen Gegensätzen.

Der Malhoun-Dichter ließ kaum einen Bereich des Lebens unberührt. Besonders der Frau galt, wie bei Dichtern vieler Kulturen, ein großer Teil seiner Aufmerksamkeit. Für die Geliebte entwickelte er eine lange Reihe von Bezeichnungen und Bildern wie Hurrat al-Bkar, Zinat ar-Ryam, „die Gazelle“, „die mit den schönen Wangen“ oder „das Licht des Mondes“.

Einer der bekanntesten Malhoun-Dichter, Mohammed Ben Slimane [ein bedeutender Dichter des 18. Jahrhunderts], sagt in seinem Gedicht Khadouj, also Khadija: Khadouj, von einzigartiger Schönheit, Khadouj, deren Worte so zart sind.

Der Malhoun-Dichter suchte die Nähe seiner Geliebten auch, indem er Boten zu ihr schickte: O mein Bote, lass das Klagen und kehre zu ihr zurück. Klage ihr mein Leid und sei beharrlich, meine Bitte muss sie schließlich erfüllen. Oder er vertraute seinen Schmerz einer Kerze an: Und wenn du wegen deines Leidens weinst, dann sieh mein Leiden: Von Qais habe ich nach seinem Tod die Krankheit seiner Liebe zu Layla geerbt. [Qais und Layla sind das berühmte Liebespaar der arabisch-persischen Literaturtradition; Qais verfällt aus unerfüllter Liebe zu Layla dem Wahnsinn und wird als „Majnun Layla“ – der von Layla Besessene – bekannt.]

Oder er klagte der Taube: Könnte ich mich verlieben, o Taube, hätte ich mich schon in der vergangenen Zeit verliebt. Was wir in unserer Zeit gesehen haben, haben frühere Generationen nicht gesehen. Oder er weinte über die verlassenen Stätten: Ich kam zu dir, Heimstatt der Edlen, und fand dich verlassen und menschenleer. Deine Bewohner ließen mich kommen, um sie zu besuchen. Bei Gott, wohin sind sie gegangen? Gib mir Nachricht von ihnen. [Das Motiv der verlassenen Wohnstätte reicht bis in die vorislamische arabische Dichtung zurück: Der Dichter steht an dem Ort, an dem einst die Geliebte oder ihr Stamm lebte, und erinnert sich an das Verlorene.]

Al-Harraz bezeichnet eine Figur, die die Geliebte festhält und daran hindert, zu ihrem Geliebten zu gelangen. Dieser versucht mit allen Mitteln und Listen, sie zu befreien, was ihm schließlich gelingt. [Aus diesem Grund wurde der Harraz zu einer wiederkehrenden Figur der marokkanischen volkstümlichen Dichtung und später auch des Theaters.]

Zu den erwähnten Streitgesprächen der Gegensätze gehören beispielsweise die Auseinandersetzungen zwischen der korpulenten und der schlanken Frau, der schwarzen und der weißen Frau, der Sklavin und der freien Frau, der Beduinin und der Städterin oder zwischen Kaffee und Tee. [Solche poetischen Streitgespräche lassen zwei gegensätzliche Figuren oder Dinge gegeneinander antreten; jede Seite versucht dabei, ihre eigenen Vorzüge dichterisch zu beweisen.]

Auch die Tätowierung konnte zum Mittel werden, sich der Geliebten anzunähern: Sieh die blutende Nadel des Tätowierers: Der Tätowierer zeichnete auf die Brust derjenigen, die wir lieben, der Gazelle, die mich gefangen hält.

Ebenso dichtete man über Wein, Kosmos und Natur, über Weisheit und Askese, über die Pilgerreise und die Städte, die der Pilger auf seinem Weg durchquerte, und selbstverständlich über Mekka und Medina. Es entstanden außerdem Gedichte über den Widerstand gegen das Eindringen des Kolonialismus in die arabischen Länder und über Palästina.

Aus dem kulturellen Gedächtnis geschöpft

Im Allgemeinen gibt es kaum ein Thema, das mit dem Menschen verbunden ist und über das der Malhoun-Dichter nicht geschrieben hätte.

Beim Aufbau ihrer Gedichte schöpften die Malhoun-Dichter aus dem religiösen und kulturellen Erbe: aus dem Koran, den grundlegenden Hadith-Sammlungen [Sammlungen überlieferter Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed], der Prophetenbiografie und der islamischen Rechtswissenschaft.

Die Malhoun-Dichter bedienten sich außerdem mit großer Kunstfertigkeit der Geschichten der Kalifen und der Überlieferungen über die Araber der islamischen wie der vorislamischen Zeit. Sie griffen auf Gestalten wie Saif Dhi Yazan, Antara, Hatim At-Ta'i, Abu Zayd Al-Hilali sowie Qais und Layla zurück.

Dieser Rückgriff auf das kulturelle Erbe beeinflusste später auch die Dichter des klassischen Arabisch und brachte neue Impulse in deren Themenwelt. Er verlieh der klassischen Dichtung einen neuen Atem, um aus jenen Phasen der Erstarrung herauszufinden, die die dichterische Bewegung zeitweise geprägt hatten.

Neben diesen geistigen Quellen verwendete der Malhoun-Dichter in seinen Gedichten auch Sprichwörter, Erzählungen, Mythen und Legenden. Ebenso konnte praktisch alles, was ihm zur Verfügung stand, vom Kriegsgerät bis zu Spielen, zum Material für den Aufbau eines Gedichts werden. So griff Mohammed Ben Slimane in seinem Gedicht Ar-Ra'd – „Der Donner“ – bei seinem Angriff auf seine Gegner auf Begriffe aus dem Damespiel und aus Kartenspielen zurück. Selbst solche Elemente des Alltags konnten damit zu poetischen Bildern für Angriff, Überlegenheit und Niederlage werden. Malhoun schöpfte seinen Wortschatz nicht nur aus Religion und klassischer Literatur, sondern ebenso aus der unmittelbaren Lebenswelt seiner Dichter.

Ein Tropfen aus einem schier endlosen Ozean

Zum Schluss lässt sich sagen, dass es unmöglich ist, diesen gewaltigen Ozean namens Malhoun vollständig zu erfassen – weder in Dutzenden Artikeln noch selbst in Büchern. Mehr als 70 Abschlussarbeiten und über 33 Dissertationen wurden darüber verfasst, wie mir einer seiner bedeutenden Vertreter, Hadj Ahmed Sehoum, berichtete.

Was ich dem Leser hier vorgelegt habe, ist nichts weiter als ein Tropfen aus einem schier endlosen Ozean. Über Malhoun lässt sich nicht abschließend in einem Artikel oder selbst in mehreren Artikeln sprechen. Was ich hier vorgestellt habe, ist nichts weiter als eine knappe Einführung. Mein Anliegen war weder eine wissenschaftliche Untersuchung noch eine umfassende Studie, sondern lediglich, ein sehr kleines Fenster zu öffnen – eines, das Neugier und den Wunsch wecken kann, diese Kunst tiefer und gründlicher kennenzulernen.

 

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