Orient und Okzident sind nicht zu trennen

Die sprachliche Beziehung zwischen der europäischen und der arabischen Kultur begann mit muslimischen Kaufleuten, die aus dem Orient nach Europa kamen (ab dem 8 Jahrhundert), um Handel zu treiben. Zu jener Zeit war Bagdad die Hauptstadt des Wissens und des kulturellen Austausches.

 

Orient und Okzident sind nicht zu trennen, Foto zeigt ein Astrolabium Wer sich selbst und andere kennt
wird auch hier erkennen
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.

Diese Verse des Dichters Goethe öffnen ein Fenster, durch das wir diese dialektische Beziehung, die den Orient und den Okzident verbindet, sehen können, eine Beziehung mit einer mehrdeutigen Identität, die der Sprachgeschichte hilft, einige Aspekte ihrer Symbole und ihrer Winkelzüge zu entschlüsseln. Diese alte Beziehung zwischen Ost und West zeigt sich im arabischen Wortschatz und in der Terminologie, die die europäischen Sprachen in den vergangenen Jahrhunderten durchdrungen hat.

Wörter leben bis heute als wissenschaftlicher Bestandteil und täglicher Ausdruck in den westlichen Sprachen. Hier einige Beispiele: Admiral, Koffer, Samt, Mütze, Joppe, Gamaschen, Tasse, Zucker, Karaffe, Limonade.

Die sprachliche Beziehung zwischen der europäischen und der arabischen Kultur begann mit muslimischen Kaufleuten, die aus dem Orient nach Europa kamen, um Handel zu treiben. Eine besondere Beziehung wurde zu der germanischen Kultur aufgebaut und erstreckte sich bis ins 9. Jahrhundert, zurzeit von König Karl dem Großen, (742-814) und des Abbasiden Kalifen Harun al-Rashid (766 -809). Eine Beziehung mit vielen Fassetten.

Zu jener Zeit war Bagdad die Hauptstadt des Wissens und des kulturellen Austausches. Ihre Schulen verfügten über die berühmtesten Wissenschaftler, Ärzte und Philosophen der Welt. Ihre Bibliotheken bewahrten Hunderttausende von Manuskripten und Werken in den verschiedensten wissenschaftlichen und literarischen Bereichen. Karl der Große, der Herrscher des Frankenreiches, war zwar Analphabet und konnte weder lesen noch schreiben wie der Rest der Bevölkerung des europäischen Kontinents, jedoch klug genug, um den Wert des Wissens und der Wissenserlangung zu erkennen. Er zeigte großes Interesse an der Bewegung der wissenschaftlichen Entwicklung und des Fortschritts, die östlich seines Königreichs unter der Führung von Abbasiden und südlich unter der Führung von Umayyad stattfand.

Nach der Rückkehr seiner Berater, die als Kaufleute getarnt, das gesamte islamische Reich erkundeten, berichteten diese ihm über die enormen Fortschritte der Muslimischen Welt in vielen Bereichen. Karl der Große stellte daraufhin die Frage, die später der Schlüssel zur Veränderung der Geschichte Europas wurde: „Warum sind sie fortschrittlich und wir sind es nicht?“ Die Antwort seiner Berater, einer von ihnen war ein Jude namens Isaac und der andere ein Christ namens Sigmund: „Das ist ganz einfach, sie können lesen und schreiben und wir nicht."

Diese Antwort war für Karl den Großen so etwas wie eine Erleuchtung. Er beschloss, selbst Lesen und Schreiben zu lernen. Danach sollten auch seine Familie, Staatsbedienstete und anschließend das Volk das Lesen und Schreiben beherrschen. Um das Ziel zu erreichen, waren Lehrer notwendig, die die Sprache des Fortschritts, Arabisch, beherrschten und diese unterrichten konnten.

So sandte er eine Delegation nach Bagdad, unter der Leitung von Isaak und Siegesmund, ausgestattet mit Geschenken wie Tierhäuten, berühmten deutschen Jagdhunden und Edelmetallen. Diese sollte den Kalifen der Abbasiden bitten, Karl den Großen bei der Rekrutierung von Lehrkräften zu unterstützen sowie die Pilgerfahrt der christlichen Gläubigen in das Heilige Land Palästina zu ermöglichen.

Karl der Große war zu der Zeit noch nicht römischer Kaiser (Der Frankenkönig wurde am 1. Weihnachtstags 800 im Petersdom in Rom von Papst Leo III. zum römischen Kaiser gekrönt), er konnte jedoch dadurch die symbolische Vorherrschaft über Jerusalem erlangen. Auf der anderen Seite sah Harun al-Rashid Karl des Großen Bitte als eine willkommene Gelegenheit, das Land der Franken kennenzulernen, um später ein Militärbündnis mit diesem mächtigsten Herrscher des Westens  zu knüpfen, das es ihm ermöglichen sollte, seine Erzfeinde, die Umayyaden, zu vernichten.

Die Einigung wurde erzielt. Harun al-Rashid sandte daraufhin eine Delegation von Gelehrten mit einigen Geschenken, darunter einem weißen Elefanten mit Namen Abu al-Abbas, der leider die Kälte Europas nicht überlebte und eine Wasseruhr für den Hof  Karls des Großen in der Stadt Aachen. In der Uhr waren 12 metallische Vögel angebracht, aus deren Schnäbel zu jeder vollen Stunde eine Kupferkugel fiel. Sobald das geschah, flohen die Bewohner des Hofes, da sie dachten, dass dies Geister in der Uhr bewirkten.

Der Feldzug Karl des Großen durch Spanien zur Bekämpfung der Umayyaden scheiterte jedoch aus den gleichen Gründen wie der seines Vater Pipin. Beide Versuche (sein Versuch und den seines Vaters) wurden von den Stämmen der Westgoten im spanischen Mark angegriffen und besiegt.

Die Einzelheiten dieses Delegationsaustauschs wurden nur von westlichen Historikern aufgezeichnet. In den bisher verfügbaren arabischen Quellen wurden sie nicht zitiert. Vielleicht sahen die muslimischen Historiker darin keine große Wichtigkeit, die es verdient hätte, erwähnt zu werden.

Über diese historische Periode und den Einfluss der arabisch-islamischen Kultur im Westen schrieb der deutsche Historiker und Orientalist Hans Leicht in der Einleitung zu seinem Buch „Ibn Battuta, eine Reise ans Ende der Welt“. Während dieser Zeit, in der Europa noch immer in völliger Rückständigkeit lebte, erreichten Wissenschaft, Literatur und Kultur in islamischen Ländern ihren Höhepunkt. Eine Delegation arabischer Gelehrter besuchte 100 Jahre später Paderborn und Magdeburg, um einen direkten Eindruck von Sachsen zu bekommen. Sie stellten fest, dass Karl der Große, der von der einfachen arabischen Schriftart beeindruckt war, die Anweisung erteilt hatte, auf die Großschreibung zu verzichten, um Schreibmaterial wie Leder, Holztafeln und Tierknochen einzusparen, denn Papier war in Deutschland erst  ab 1390 erhältlich, während die Muslime schon im 8. Jahrhundert die Papierherstellung von den Chinesen übernahmen.

Die Existenz der arabischen Wörter und Begriffe in europäischen Sprachen kam nicht von ungefähr, denn die Beziehungen zu den europäischen Sprachen reichten bereits viele Jahrhunderte zurück. Der Handelsaustausch zwischen Orient und Okzident und die fortwährende arabisch-islamischen kulturellen Begegnungen mit dem christlichen Westen im Laufe der Geschichte trugen zur Verbreitung arabischer Wörter bei. Sie wurden zur Grundlage des Studiums der Wissenschaften und waren geläufig bei den intellektuellen und gehobenen Gesellschaft. Die arabisch-islamische Präsenz in Spanien ab 714 spielte eine wichtige Rolle bei der Ausweitung arabischer Begriffe in den europäischen Ländern, nicht zuletzt, da Spanien insgesamt Teil des Umayyaden-Staates war.

Im Kalifat von Abd al-Rahman III (912 - 961) erreichte die arabisch-islamische Zivilisation in Andalusien ihren Höhepunkt. Aufgrund der Nähe andalusischer Schulen zu westlichen Ländern, in denen viele der großen Denker der islamischen Welt gastierten, strömten Studenten aus ganz Europa dorthin. Viele dieser Studenten waren Kinder von Persönlichkeiten, wie Gerbert von Aurillac später (Papst Sylvester II (946-1003), der zunächst in Cordoba und Sevilla studierte, bevor er sein Studium in der Uni Qarawiyyin in Fes fortsetze. Nach dem Abschluss ihres Studiums kehrten die Studenten in ihre ursprünglichen Heimatländer zurück und nahmen so, neben den arabischen Begriffen, auch viele Gewohnheiten des orientalischen Lebens mit.

Neben Andalusien spielte ein anderes Land eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Kultur und der Verbreitung der arabischen Begriffe in europäischen Sprachen, nämlich die Transitinsel Sizilien, wo auch die Herrscher viel von der arabischen Kultur und ihren Gewohnheiten übernahmen. Der Orientalist und Spezialist für Islamwissenschaften, Otto Spies, schrieb in seinem Buch "Orientalische Kultureinflüsse im Abendland": "Nicht nur der Hofstaat und das Zeremoniell, sondern auch Sitten und Gebräuche, Kunst und Wissenschaften, wurden übernommen. Das Arabische blieb Regierungssprache, die Diplome waren zum Teil noch arabisch ausgefertigt, die Münzen wurden nach arabischem Muster geprägt, so dass die normannische Herrschaft fast einen islamischen Charakter hatte. In dieser Atmosphäre wuchs Friedrich II. (1272-1337) und sein Sohn Manfred (1306–1317) auf, die Arabisch sprachen, arabische Wissenschaft betrieben, arabische Philosophie studierten und arabische Werke ins Lateinische übersetzen ließen ... so ist es nicht verwunderlich, dass auch auf diesem Weg der islamische Geist und das islamische Gedankengut nach Europa übergehen konnte.“

Die Europäer haben die Entdeckungen muslimischer Gelehrter in verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen übernommen, die bis heute ihre arabischen Namen tragen. Sie arbeiteten am Ende des 11. Jahrhunderts daran, die riesigen Bände zu nutzen, die von muslimischen Gelehrten für medizinische Praktiken klassifiziert wurden. Sie wurden Ausgangspunkt für die Errichtung der wichtigsten europäischen medizinischen Hochschulen in Salerno und Palermo in Italien. Muslimische Gelehrte entwickelten Medizin, Pharmakologie, Drogen und Pflanzen und verfassten Bücher, in denen der genaue Einsatz von Kräutern und Pflanzen für medizinische Zwecke beschrieben wurde. In diesem Zusammenhang merkte der deutsche Wissenschaftler und Forscher Alexander von Humboldt (1769-1859) an: „Die Apothekerkunst ist von den Arabern geschaffen worden, und die ersten obrigkeitlichen Vorschriften über Bereitung Herstellung von Arzneimitteln, die sogenannten Dispensatorien, ist von ihnen ausgegangen: Sie wurden später von der salerischen Schule (in Salerno) im südlichen Europa verbreitet.“

Nicht nur die arabisch-islamische Überlegenheit auf dem Gebiet der Medizin und Pflanzenkunde fand ihren Weg nach Europa, sondern auch die Forschung in der Chemie des 9. und 10. Jahrhunderts, bei der die ersten Studien unter künstlichen Bedingungen durchgeführten wurden. Dr. Nabil Osman erläutert: „Arabische Gelehrte stellten erstmals Gewichtsveränderungen bei Metallen auf Grund von Oxidation mit eigens dafür konstruierten Präzisionswagen fest. Die arabischen Alchimisten beschränkten sich nicht nur auf erste chemische Untersuchungen. Sie trugen durch ihre fast schon industrielle Produktion von Arzneien (neben ihren Duftwässern, Ölen und Zucker als Exportschlager im Handel mit Europäern) auch zur Verbreitung des fortschrittlichen pharmakologischen Könnens bei. Die arabische Arztkunde war im 13. Jahrhundert schon so umfangreich, dass der Botaniker Muhammad Ibn Al-Bitar aus Malaga über 1400 pflanzliche Rezepturen und Drogen anzuwenden und zu katalogisieren wusste.“

Wenn wir im Rahmen dieses Abrisses nicht annähernd über alle arabisch-islamischen Wissenschaften, die in der Zeit der westlichen Renaissance noch angewandt wurden, sprechen können, dann sprechen wir wenigstens über die Wissenschaft der Mathematik bzw. der Algebra zu erwähnen, die bis heute ihren arabischen Namen trägt und die Wirksamkeit ihrer Praxis durch Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi im 9. Jahrhundert bewies. Auf der Basis seiner Theorie wurden Händlern und Testamentsvollstreckern die Berechnungen erleichtert.

Über Handelswege und Gelehrte wie Gerbert von Aurillac (Papst Sylvester II) zog die mathematische Methode von al-Khwarizmi nach Europa, wo sie als unverzichtbare Methode übernommen wurde.  Damit konnten die komplizierten römischen Zähl- und Berechnungsmethoden aufgegeben werden, die bis zum 12. und 13. Jahrhundert verwendet wurden, und durch das arabische Zahlensystem, das die Araber von den Indern übernommen und weiterentwickelt hatten, ersetzt werden.

Hier Beispiele für heute noch verwendete arabische Wörter und Systeme: Algebra, Algorithmus, Chiffre, Ziffer. Die Zählmethode, insbesondere in der deutschen Sprache, ist weiterhin arabisch, nämlich von rechts nach links. Es heißt: „Ein und Zwanzig“ und nicht wie im Französischen (Zwanzig und Eins).

Der Fortschritt der arabischen und islamischen Wissenschaften auf dem Gebiet der Astronomie steht in direktem Zusammenhang mit der Mathematik. Die muslimischen Wissenschaftler haben Instrumente zur Messung von Sternen und Umlaufbahnen sowie Astrolabium entwickelt, mit deren Hilfe man den sich drehenden Himmel nachbilden und Berechnungen von Sternpositionen vornehmen konnte. So konnten sie die Umlaufbahnen von Sonne, Mond und Planeten sehr früh bestimmen. Damit konnte man schon sehr früh die Bewegungen des Meeres, wie Ebbe und Flut, das Sonnenjahr, das Planetensystem oder den Durchmesser der Erde im 11. Jahrhundert schon genau berechnen. Die Bemühungen späterer europäische Wissenschaftler, darauf verweist Dr. Nabil Osman, wie Nikolaus Kopernikus oder John Johannes Kepler oder Galileo Galilei waren nur dank der früheren Arbeiten der islamischen Wissenschaftler möglich. Ein Indiz dafür ist nicht zuletzt die Bezeichnungen vieler Sterne, wie

Achermar (Ende des Flussesاخر النهار), Adelbaran (der (Nach-) folgendeالدبران), Algenib (Komet مذنب), Algol (Ungeheuer الغول), Algorab (Krähe الغراب), Alphard (Der Einzelne الفرد), Azimut (Waage in der Astronomie السموت), Beteigeuze (Hand der Zwillinge يد الجوزاء), Dubb (Bär الدب), Etanin (Draconis راس التنين), Foumalhaut (Mund des Fisches فم الحوت ), Nadir (Gegenteil نظير).

Auch die Bereiche Kunst und Musik, Musikinstrumente, Literatur,  Architektur und Lebensstil, die bis zur Renaissance reichten und die in der westlichen Kultur präsent sind, haben starken Einfluss durch die arabische-islamische Kultur erfahren, wie () Admiral (Amir Al Bahr), Jacke (Ssaq), Maske (Masskh), Albatros (Al Rotaß), Limonade (Al Yamun), Spinat (Assabanich), Tarif (Taarif).

Es gibt auch andere Wörter, die über mehrere Sprachen in die deutsche Sprache gelangten, wie Tambur (Tanbur طنبور), Baschir (Tabaschir طباشير), Gazelle (Razalah غزالة), Giraffe (Zarafah زرافة), Kamel (Gamal جمل).

Es gibt über 500 deutsche Wörter arabischer Herkunft, von denen einige im Alltag üblich sind, wie Zucker (Ssukkar السكر), Tasse (Tasst الطست), Koffer (Koffah القفة), Kippe (Kobbah القبة) und andere, wie Schach (Schah الشاه) und Algebra (Al Gabr الجبر), Chemie (Al Kimiyaa الكمياء), Alkohol (Al Kohol الكحول).

Hier noch zwei Beispiele von Wörtern, die über mehrere Sprachen ins Deutsche gefunden haben: „Jacke“ (“s’aqq“ Brünne الشق Brünne) bzw. der Nackenschutz, Brustteil und Panzerhemd der mittelalterlichen Ritterrüstung) als Oberbekleidungsstück für Frauen und Männer: Im 15. Jahrhundert hatte das Wort „Jacke“ die Bedeutung von wattiertem Waffenrock. Im 18. Jahrhundert bezeichnet es Adelung (Erhebung in den Adelsstand), auch Panzerkleid und in der Volkssprache bedeutete es „kurzes Weiberkleid, welches kleiner ist als ein Kamisol.

„Limonade“: Zitrone gelangte im Mittelalter während des Kreuzzugs nach Italien und von dort nach Frankreich und Spanien. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gelangte Limonade, Zitronenwasser, aus Italien nach Deutschland.

Diese Wörter sprechen in ihrer arabischen Herkunft nicht nur über die Geschichte der arabischen und europäischen Sprachbeziehung, sondern sind auch ein lebendiger Beweis für die wissenschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Bemühungen zu denen die arabisch-islamische Zivilisation als wichtiges Zwischenglied in der Geschichte der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Fortschritts beigetragen hat.

 

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