Die Würde des Widerspruchs - Warum nicht jedes Recht Recht behält
Manche Gespräche enden, lange bevor die letzten Worte gesprochen sind. Nicht weil alle Fragen beantwortet wären, sondern weil einer der Gesprächspartner aufgehört hat zuzuhören. Von diesem Augenblick an geht es nicht mehr um Erkenntnis. Es geht nur noch darum, Recht zu behalten.
Recht zu haben ist nichts Verwerfliches. Wer nach Wahrheit sucht, muss bereit sein, zwischen Irrtum und Erkenntnis zu unterscheiden. Doch zwischen dem Wunsch, Recht zu haben, und dem Bedürfnis, Recht zu behalten, liegt ein feiner Unterschied. Der eine sucht Klarheit. Der andere sucht den Sieg. Und wo der Sieg wichtiger wird als die Wahrheit, verliert selbst das richtige Argument einen Teil seiner Würde.
Der Irrtum beginnt selten mit einem falschen Gedanken. Oft beginnt er mit einer falschen Absicht. Zwei Menschen können dieselben Worte sprechen, dieselben Belege anführen und dieselbe Wahrheit verteidigen. Dennoch dient der eine der Wahrheit, während der andere unmerklich sich selbst dient. Nicht die Worte unterscheiden sie. Sondern das Herz, aus dem sie hervorgehen.
Jede Auseinandersetzung beginnt deshalb lange bevor das erste Argument ausgesprochen wird. Sie beginnt dort, wo ein Mensch sich fragt, weshalb er überhaupt spricht. Möchte er dem anderen helfen, klarer zu sehen? Oder möchte er selbst als derjenige erscheinen, der klarer gesehen hat? Diese Frage hört niemand außer ihm selbst. Sie entscheidet jedoch darüber, ob aus einem Gespräch ein gemeinsames Suchen wird oder ein Wettstreit der Eitelkeiten.
Gerade deshalb richtet der Koran den Blick nicht zuerst auf den Streit, sondern auf den Menschen, der streitet. In einer knappen, beinahe unscheinbaren Weisung heißt es: „So streite mit ihnen nur in offenkundiger Weise." Dieser Vers begrenzt nicht die Wahrheit. Er begrenzt das Ego. Er erinnert den Menschen daran, dass ihm nicht aufgetragen wurde, über die Herzen anderer zu urteilen. Er soll sagen, was er erkennt, und schweigen, wo seine Erkenntnis endet. Er soll dem Irrtum widersprechen, ohne den Irrenden zu erniedrigen. Denn das Ziel des Widerspruchs ist nicht, einen Menschen zu besiegen, sondern einen Gedanken zu klären.
Hier liegt der Unterschied zwischen Rechthaberei und Redlichkeit. Rechthaberei sucht den Triumph. Redlichkeit sucht die Wahrheit. Rechthaberei freut sich über den unterlegenen Gegner. Redlichkeit freut sich darüber, dass ein Irrtum weniger zwischen den Menschen steht. Der Unterschied mag nach außen kaum sichtbar sein. Im Inneren trennt er zwei Welten.
Darin liegt die schwerste Prüfung des Wissenden. Nicht im Erwerb von Erkenntnis, sondern im Verzicht auf den eigenen Triumph. Wissen macht den Menschen nicht größer. Erst Demut verleiht ihm Größe. Wer die Wahrheit wirklich liebt, braucht den anderen nicht kleinzumachen. Die Wahrheit verliert nichts, wenn sie ohne Schärfe ausgesprochen wird. Oft gewinnt sie gerade dadurch eine Kraft, die kein noch so glänzender Sieg hervorbringen könnte.
Deshalb prüft ein redlicher Mensch nicht zuerst das Argument des anderen. Er prüft die Absicht seines eigenen Herzens. Er fragt sich nicht nur: Ist das wahr? Er fragt auch: Warum möchte ich, dass gerade ich es ausspreche? Denn die Eitelkeit besitzt die erstaunliche Fähigkeit, sich im Gewand der Wahrheit zu verbergen. Nicht selten spricht sie mit den Worten der Weisheit und verfolgt doch nur den Wunsch, bewundert zu werden.
Der Mensch erkennt die Reinheit seiner Absicht selten in dem Augenblick, in dem er spricht. Er erkennt sie daran, was in seinem Herzen zurückbleibt, nachdem das Gespräch längst beendet ist. Freude darüber, dass die Wahrheit klarer geworden ist - oder Genugtuung darüber, den anderen zum Schweigen gebracht zu haben. Darin entscheidet sich die Würde des Widerspruchs.
Über Mounir Lougmani
Aus dem Arabischen