Das Geheimnis der Demut - Eine gute Tat sucht keinen Beifall
„Zu Ihm steigt das gute Wort empor, und die rechtschaffene Tat hebt es empor." Mit diesen Worten aus der 35. Sure, Vers 10 öffnet sich eine der stilleren Fragen des Glaubens: Was verleiht einem Wort seine Reinheit und einer Handlung ihren Wert? Nicht alles, was unter Menschen groß erscheint, besitzt auch vor Gott Größe; manches gewinnt sein Gewicht gerade dort, wo kein Blick ihm folgt.

Die Worte „und die rechtschaffene Tat hebt es empor" sind in der klassischen Koranauslegung unterschiedlich verstanden worden. Nach einer Lesart trägt die gute Tat das gute Wort empor, nach einer anderen erhebt Gott die rechtschaffene Tat. In beiden Lesarten verschränken sich Wort, Tat und innere Haltung zu einem einzigen Vorgang. Genau dort setzt die sufische Betrachtung an. Ein wahres Wort kann dem Wunsch entspringen, gesehen zu werden; eine großzügige Tat kann einem Menschen helfen und zugleich das eigene Ansehen nähren.
So schreibt Ibn Aṭā Allah al-Iskandari: „Wenn du wissen willst, wohin dein Wort gelangt, schau, woher es gekommen ist." Entspringt es einem Ich, das seinen Platz unter den Menschen sucht, führt es dorthin zurück. Kommt es aus einem Herzen, das Gott sucht, trägt es eine andere Richtung in sich. Eine schlichte Äußerung kann weiter reichen als eine glänzende Rede, wenn sie nichts für sich selbst verlangt.
In der sufischen Tradition trägt diese Haltung den Namen iftiqār. „Bedürftigkeit" erfasst davon nur einen Teil. Gemeint ist das Bewusstsein des Menschen, vor Gott aus sich selbst nichts zu besitzen, worauf er einen Anspruch gründen könnte. Auch das Gute, das durch seine Hände geschieht, wird ihm nicht zum Eigentum, aus dem er seinen Rang ableitet. Ibn Aṭā Allah al-Iskandari hat diesen Gedanken im 13. Jahrhundert in seinen Ḥikam auf eine radikale Formel gebracht: „Eine Verfehlung, die Demut und Angewiesensein hervorbringt, ist besser als eine Gehorsamstat, die Stolz und Überheblichkeit hervorbringt." Die Provokation liegt im Blick auf das eigene Ich. Selbst eine fromme Handlung kann ihm Nahrung geben. Der Mensch betet und beginnt, sich als Betenden zu betrachten; er gibt und gefällt sich als Gebender; er erwirbt Wissen und macht daraus einen Rang über anderen.
„Keine Tat gibt dem Herzen mehr Hoffnung als eine Tat, deren Anblick dir entschwindet und deren Vorhandensein in deinen eigenen Augen gering wird." Der eigene Anteil tritt zurück. Das Gute bleibt bestehen, doch der Mensch baut daraus kein Denkmal seiner selbst. Damit erhält auch die Verborgenheit einen besonderen Wert. Eine Hand, die einem Bedürftigen hilft, ohne dass jemand davon erfährt; ein tröstendes Wort ohne Publikum; eine Tat, an der kein Name haftet - sie verlassen den Markt der Anerkennung. Selbst Bescheidenheit kann dort zur Bühne werden, wo sie auf den Widerspruch und das Lob der anderen wartet. Iftiqār braucht keinen Zuschauer.
Gerade darin liegt die überraschende Aktualität einer jahrhundertealten sufischen Erfahrung. Noch nie ließ sich das Gute so leicht öffentlich machen. Eine Spende, eine Hilfeleistung oder ein Augenblick persönlicher Frömmigkeit erreicht innerhalb von Sekunden ein großes Publikum. Damit kehrt unter veränderten Bedingungen dieselbe alte Frage zurück: Wem galt die Tat, bevor jemand von ihr erfuhr?
Mounir Lougmani verdichtet diesen Gedanken in einem Bild: „Wenn du willst, dass dein Wort emporsteigt, lass dein Ich hinabsteigen. Wenn du willst, dass deine Tat erhoben wird, erhebe dich nicht durch sie." Eine unscheinbare Hand, die sich im Verborgenen einem Menschen entgegenstreckt, kann weiter reichen als eine Rede, die viele hören. Annahme erzeugt keinen Lärm auf Erden. Sie bleibt ein Geheimnis, das sich im Himmel öffnet.