Zentralbank hält Kurs und testet neue Steuerungsmodelle
Wer Marokkos Wirtschaftspolitik verstehen will, muss auf die Entscheidungen seiner Zentralbank schauen. Die Bank Al-Maghreb - funktional vergleichbar mit der Europäischen Zentralbank - steuert Geldpolitik, Bankenaufsicht und Finanzstabilität in einem Land, das sich seit Jahren zwischen institutioneller Stabilität und strukturellem Wandel bewegt.
Als ihr geldpolitischer Rat Ende 2025 zu seiner letzten Sitzung zusammenkam, fiel die Entscheidung bewusst unspektakulär aus: Der Leitzins blieb bei 2,25%. Für europäische Beobachter mag dies nach Routine klingen. Tatsächlich markiert der Beschluss einen strategischen Moment - nicht wegen einer Kursänderung, sondern wegen dessen, was vorbereitet wird.
Marokko verfügt derzeit über eine vergleichsweise komfortable Ausgangslage. Die Inflation ist niedrig, das Wirtschaftswachstum solide, die Staatsfinanzen weitgehend unter Kontrolle. Zugleich ist das Land eng in globale Wertschöpfungsketten eingebunden - von der Automobilindustrie über den Phosphatsektor bis hin zum Tourismus. Internationale Krisen, geopolitische Spannungen oder klimatische Extremereignisse wirken daher unmittelbar auf die Binnenwirtschaft.
Vor diesem Hintergrund setzt die Zentralbank auf Zurückhaltung. Stabilität wird zur aktiven Entscheidung: nicht reagieren, solange kein unmittelbarer Handlungszwang besteht - und so den notwendigen Spielraum für strukturelle Anpassungen zu bewahren.
Warum Zinspolitik in Marokko anders wirkt
Ein zentraler Unterschied zu europäischen Volkswirtschaften liegt in der Struktur des Kreditmarktes. Rund 85% aller Bankkredite in Marokko sind fest verzinst. Zinserhöhungen oder -senkungen entfalten ihre Wirkung daher nur verzögert. Geldpolitik wirkt weniger direkt als etwa im Euroraum, sondern zeitlich gestreckt.
Darauf verweist Zentralbankpräsident Abdellatif Jouahri, der seit über zwei Jahrzehnten im Amt ist und als Garant institutioneller Kontinuität gilt. Seine Botschaft ist klar: Wer Geldpolitik verstehen will, muss auch die Bankenpraxis verstehen. Deshalb sucht Bank Al-Maghreb gezielt den Dialog mit dem Bankensektor - etwa über Kreditlinien, tatsächlich angewandte Zinssätze und die Weitergabe geldpolitischer Signale an Unternehmen und private Haushalte.
Aufsicht statt Einmischung
Ein anschauliches Beispiel für diese Haltung liefert der mögliche Eigentümerwechsel bei der BMCI, einer etablierten marokkanischen Geschäftsbank, die bislang mehrheitlich zur französischen BNP Paribas gehört. Als bekannt wurde, dass BNP Paribas Gespräche mit der marokkanischen Holmarcom-Gruppe führt, stellte Bank Al-Maghreb ihre Rolle bewusst klar.
Holmarcom ist ein diversifizierter marokkanischer Industriekonzern mit Aktivitäten unter anderem in den Bereichen Versicherung, Finanzdienstleistungen, Logistik und Agrarwirtschaft. Es handelt sich um einen privaten Unternehmensverbund mit langfristiger Präsenz im Land, nicht um einen staatlichen Akteur. Gespräche über einen möglichen Einstieg bei der BMCI betreffen daher nicht nur eine einzelne Transaktion, sondern potenziell die Struktur des gesamten Bankensektors.
Genau hier greift das Prinzip „Aufsicht statt Einmischung“. Die Zentralbank mischt sich nicht in Kaufverhandlungen ein und bewertet weder Preis noch strategische Motive. Ihre Aufgabe beginnt erst dann, wenn sich Eigentumsverhältnisse tatsächlich ändern. In diesem Fall prüft Bank Al-Maghreb als Bankenaufseher, ob der neue Eigentümer finanziell solide ist, über eine tragfähige langfristige Strategie verfügt und in der Lage ist, die Verantwortung für ein systemrelevantes Kreditinstitut zu tragen.
Für europäische Leser lässt sich dieses Vorgehen mit der Rolle der Bundesbank und der BaFin vergleichen. Auch in Deutschland würde der Verkauf einer Bank nicht politisch gesteuert, wohl aber regulatorisch streng geprüft. Ein Eigentümerwechsel ist kein formaler Akt, sondern unterliegt einem umfassenden Genehmigungsverfahren - mit dem Ziel, die Stabilität des Finanzsystems zu schützen, nicht unternehmerische Entscheidungen zu lenken.
2026 als Testjahr
Ab 2026 will die Bank Al-Maghrib eine Pilotphase zur Inflationssteuerung starten - vergleichbar mit den geldpolitischen Rahmenwerken vieler europäischer Zentralbanken, jedoch bewusst schrittweise und unter realen Testbedingungen. Im Zentrum steht dabei nicht die Freigabe der Währung, sondern eine präzisere Steuerung von Preisstabilität und wirtschaftlichen Erwartungen.
Konkret bedeutet dies, dass der marokkanische Dirham weder frei konvertibel werden soll noch eine abrupte Abwertung oder Aufwertung vorgesehen ist. Der Wechselkurs bleibt weiterhin kontrolliert und an einen Währungskorb gebunden, erhält jedoch begrenzten zusätzlichen Spielraum. Diese moderate Flexibilisierung soll es der Zentralbank ermöglichen, wirtschaftliche Schocks besser abzufedern, ohne die Stabilität der Währung zu gefährden.
Für Menschen und Unternehmen mit Konten in Marokko bedeutet dies vor allem eines: Planbarkeit bleibt erhalten. Ersparnisse, Löhne und laufende Zahlungen unterliegen keiner plötzlichen Währungsfreigabe. Überweisungen, Kredite und alltägliche Bankgeschäfte bleiben von kurzfristigen Wechselkursschwankungen weitgehend unberührt. Gleichzeitig gewinnt die Geldpolitik an Handlungsspielraum, um Inflation zu begrenzen und die Kaufkraft zu schützen - ein Ziel, das sich unmittelbar auf Preise, Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Sicherheit auswirkt.
Die vollständige Umsetzung dieses neuen Rahmens ist erst ab 2027 vorgesehen. Unterstützt wird der Prozess von internationalen Institutionen wie dem Internationaler Währungsfonds und der Weltbank. Entscheidend ist dabei nicht Geschwindigkeit, sondern Verlässlichkeit - insbesondere für die Bevölkerung, deren Vertrauen in die Stabilität der Währung als zentrale Voraussetzung gilt.
Die wirtschaftlichen Prognosen geben der Zentralbank Rückendeckung. Moderate Inflation, solides Wachstum, stabile Exporterlöse sowie robuste Einnahmen aus Tourismus und Rücküberweisungen bilden ein tragfähiges Fundament.
Was sich derzeit vollzieht, ist kein radikaler Kurswechsel. Es ist ein kontrollierter Übergang - aus einer Position der Stabilität heraus. Marokkos Geldpolitik bleibt berechenbar, bereitet sich jedoch darauf vor, künftig mit feineren Instrumenten zu steuern. Für ein Land zwischen Schwellen- und Industriestatus ist dies mehr als technischer Fortschritt - es ist Ausdruck institutioneller Reife.