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Wie das Marokkanische entstand: Die Geschichte einer eigenen Kultur

Darija ist weit mehr als eine Variante des Arabischen. Amazighische Grundlagen, arabische Sprachformen, al-Andalus, Afrika und später europäische Sprachen haben über Jahrhunderte eine Sprache geprägt, die heute unverkennbar marokkanisch ist.

fra3ti liya rassi. Bild mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Marokko lässt sich weder aus einer einzigen Herkunft noch aus einer einzigen Sprache erklären. Amazighische Gesellschaften, arabisch-islamische Kultur, al-Andalus, jüdisches Leben, die Sahara und Afrika hinterließen über Jahrhunderte ihre Spuren. Doch entscheidend ist nicht allein, was hinzukam. Entscheidend ist, was in Marokko daraus wurde. Selbst die Sprache des Alltags erzählt davon.

Die Marokkaner nennen ihr Land al-Maghrib – das Land, in dem die Sonne untergeht. Doch wann entstand etwas, das wir heute als spezifisch marokkanisch erkennen? Die Antwort führt weit hinter die Entstehung des modernen Staates zurück. Das Gebiet des heutigen Marokko war über Jahrhunderte ein Raum unterschiedlicher Landschaften, Stämme, Sprachen und Lebensformen. Zwischen Mittelmeerküste und Rif, Atlas und atlantischen Ebenen, Oasen und Sahara existierte lange keine einheitliche Kultur. Menschen lebten als Bauern, Viehzüchter und Händler oder in alten Städten; politische Herrschaft reichte nicht zu allen Zeiten gleich weit und prägte die verschiedenen Regionen in unterschiedlichem Maße.

Die älteste bis heute lebendige sprachliche und kulturelle Grundlage bilden die Amazigh. Lange bevor Arabisch im Maghreb gesprochen wurde, lebten amazighische Gesellschaften in Nordafrika. Ihre Sprachen, sozialen Strukturen und regionalen Kulturen verschwanden auch mit der arabisch-islamischen Expansion ab dem 7. Jahrhundert nicht. Mit dieser Expansion kamen jedoch erstmals auch gesprochene arabische Varietäten in das Gebiet des heutigen Marokko. Sie trafen dort auf die Sprachen der Amazigh und wurden von Menschen übernommen, deren sprachliche Welt über Generationen amazighisch geprägt war. Damit begann ein jahrhundertelanger Prozess, aus dem sehr viel später auch jene Sprachformen hervorgingen, die wir heute als Darija kennen. Was folgte, war deshalb weniger eine Ablösung als eine lange sprachliche und kulturelle Verflechtung.

Das zeigt bereits die frühe Geschichte des Islam in Marokko. Islamisierung und Arabisierung waren nicht dasselbe. Menschen konnten Muslime werden, ohne deshalb ihre Sprache aufzugeben. Gerade die großen Dynastien, die Marokko im Mittelalter prägten, machen das sichtbar. Sie errichteten zugleich islamische Reiche, die zeitweise vom heutigen Marokko weit über den Maghreb bis nach al-Andalus, den muslimisch beherrschten Gebieten der Iberischen Halbinsel, reichten. Amazighische Herkunft und islamische Religion, regionale Sprache und arabische Schriftkultur konnten damit nebeneinander bestehen und sich miteinander verbinden.

Als Arabisch und Amazighisch marokkanisch wurden

Arabisch kam nicht in einer einzigen Form und nicht zu einem einzigen Zeitpunkt nach Marokko. Mit Eroberern, Gelehrten, Händlern und späteren Bevölkerungsbewegungen gelangten unterschiedliche arabische Sprachformen in das Land. Dort trafen sie auf eine bereits bestehende amazighische Sprachwelt. In Städten und ländlichen Regionen, im Norden wie im Süden entwickelten sich daraus über Jahrhunderte unterschiedliche Formen des sprachlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Beeinflussung.

Aus diesem langen Kontakt entstand nicht einfach ein „schlechteres" oder verkürztes Arabisch. Es bildeten sich Sprachformen mit eigenen Regeln heraus. Besonders deutlich ist das in der Darija, dem Marokkanischen.

Ein kleines Wort aus dem Alltag zeigt, wie tief diese Veränderung reicht. Aus der arabischen Wortfamilie um akl – أكل, das Essen, entwickelte sich im marokkanischen Sprachgebrauch makla – ماكلة, das Essen beziehungsweise die Speise. Andere Wörter verloren Vokale, veränderten ihren Klang oder bekamen in Marokko Bedeutungen, die sich von ihrem älteren arabischen Gebrauch entfernten. Die Sprache wurde dichter, Konsonanten rückten näher zusammen. Wer Hocharabisch beherrscht, versteht deshalb noch lange nicht automatisch eine schnell geführte Unterhaltung in Casablanca, Fès oder Marrakesch.

Doch diese Entwicklung verlief nicht nur in eine Richtung. Auch das Amazighische prägte die entstehende Darija tief. Manche Spuren begegnen einem bis heute bei den alltäglichsten Dingen. Die Möhre heißt chizzo/xizzu (Ch wie in „machen" ausgesprochen), für die Katze kennt die Darija mech'cha/muš. Auch Wörter wie tammara für Mühsal oder Plackerei werden auf Amazigh zurückgeführt. Sie sind längst so selbstverständlich Teil der Darija, dass ihre Herkunft im täglichen Gebrauch kaum noch eine Rolle spielt.

Der Einfluss reicht jedoch weit über einzelne Wörter hinaus. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen finden amazighische Spuren auch in Lautstruktur und Formenbildung der Darija. Mohamed Lahrouchi zeigt beispielsweise, dass der Verlust beziehungsweise die starke Reduktion kurzer Vokale und die daraus entstehenden Konsonantenfolgen mit dem jahrhundertelangen Kontakt zum Amazighischen zusammenhängen. Ahmed Ech-Charfi weist darüber hinaus amazighische Strukturen in der marokkanischen Wortbildung nach.

Ein klassisch-arabisches kitāb wird so zum marokkanischen ktab, aus fahima wird fhem, aus kataba kteb. Diese Verdichtung gehört zu den Merkmalen, durch die Darija für Sprecher anderer arabischer Varietäten zunächst ungewohnt schnell und konsonantenreich klingen kann.

Arabisch wurde in Marokko also nicht einfach anders ausgesprochen, während Amazigh unverändert daneben bestehen blieb. Beide Sprachwelten veränderten sich im jahrhundertelangen Kontakt miteinander.

Doch die Entstehung des Marokkanischen spielte sich nicht nur innerhalb des Landes ab. Über die Meerenge im Norden und die Karawanenwege im Süden kamen weitere Sprach- und Kulturwelten hinzu.

Die Meerenge, die nicht nur trennte

Heute erscheint die Straße von Gibraltar vor allem als Grenze zwischen zwei Kontinenten. 781 Jahre lang, von 711 bis 1492, existierten auf der Iberischen Halbinsel muslimisch beherrschte Gebiete. Die Meerenge war in dieser Zeit nicht nur Grenze, sondern zugleich ein Verbindungsraum. Menschen, Waren, Wissen und Sprache bewegten sich zwischen dem heutigen Marokko und al-Andalus.

Diese Verbindung wirkte auch auf die Sprache. Das Arabische, das in al-Andalus gesprochen wurde, hatte sich dort über Jahrhunderte in einer mehrsprachigen Umgebung entwickelt, in der unter anderem arabische, romanische und hebräische Sprachformen nebeneinander bestanden und sich gegenseitig beeinflussten. Als Menschen von der Iberischen Halbinsel nach Marokko kamen, brachten sie deshalb nicht einfach „Arabisch" mit. Sie brachten ihre eigene Art zu sprechen, ihre Lieder und Gedichte mit.

Diese Bewegungen begannen lange vor dem Ende von al-Andalus. Mit dessen schrittweisem Rückgang verstärkten sie sich jedoch. Muslime und Juden verließen die Iberische Halbinsel und fanden auf der anderen Seite der Meerenge eine neue Heimat. Besonders Städte wie Fès und Tétouan wurden dadurch geprägt. Auch handwerkliche Traditionen und Formen städtischen Lebens gelangten mit diesen Menschen nach Marokko und entwickelten sich dort weiter.

Dort trafen sie auf eine Gesellschaft, in der Amazighisch und unterschiedliche Formen des Arabischen längst miteinander lebten. Gerade in den alten Städten entstanden daraus Sprachformen, die sich teilweise bis heute voneinander unterscheiden.

Auch innerhalb Marokkos veränderte sich die sprachliche Landschaft. Seit dem Mittelalter kamen weitere arabischsprachige Stammesgruppen in den Maghreb. Mit ihnen verbreiteten sich andere Dialekte vor allem in ländlichen Gebieten und Ebenen. Neben älteren städtischen Sprachformen entstanden dadurch weitere Varianten. Die heutige Darija ging deshalb nicht aus einem einzigen arabischen Dialekt hervor, sondern aus der Überlagerung verschiedener Sprachformen in ständigem Kontakt mit Amazighisch.

Das hört man bis heute. Manchmal zeigt sich der Unterschied schon beim Einkauf auf dem Markt. In Fès heißt die Orange l'lettin, während l'limun dort die Zitrone bezeichnet. In Casablanca dagegen heißt die Orange l'limun, die Zitrone al-hamed – wörtlich „das Saure". Dasselbe Wort kann also schon nach wenigen hundert Kilometern etwas anderes bezeichnen.

Hinter l'lettin verbirgt sich möglicherweise noch eine weitere Geschichte. Verwandte Bezeichnungen für die Orange finden sich auch in verschiedenen Amazigh-Sprachen Nordafrikas. Ihre Herkunft und der genaue Weg des Wortes in die Darija müssen noch geklärt werden. Das Beispiel zeigt zugleich, wie schwer sich die marokkanische Sprachgeschichte in klar getrennte arabische und amazighische Linien zerlegen lässt.

Trotz dieser regionalen Unterschiede entstand allmählich ein gemeinsamer marokkanischer Kommunikationsraum. Und er reichte weit nach Süden.

Der Süden war kein Ende

Auf europäischen Karten wirkt die Sahara häufig wie eine riesige Trennfläche. Für die Geschichte Marokkos war sie jedoch über Jahrhunderte auch ein Verkehrsraum. Karawanen verbanden den Norden mit den Oasen der Sahara und den Gesellschaften südlich der Wüste. Orte wie Sijilmassa wurden zu Knotenpunkten dieser Verbindungen. Gold und Salz, Stoffe und andere Waren wechselten ihre Besitzer, aber mit ihnen reisten auch Menschen, Nachrichten, religiöses Wissen und Sprache.

An diesen Bewegungen waren Araber ebenso beteiligt wie Imazighen, insbesondere Gemeinschaften wie Sanhaja und später der Tuareg. Die Wege führten deshalb nicht einfach von Marokko in ein afrikanisches Ausland. Sie verbanden Gesellschaften miteinander, deren Kontakte teilweise über viele Generationen bestanden. Auch Islam und arabische Schriftkultur verbreiteten sich über diese Verbindungen weiter nach Westafrika.

Menschen aus Gebieten südlich der Sahara kamen nach Marokko, andere zogen in die entgegengesetzte Richtung. Mit ihnen bewegten sich Erzählungen, religiöse Vorstellungen, Rhythmen und Ausdrucksformen. Nicht alles davon lässt sich heute noch einem einzelnen Weg oder einem bestimmten Jahrhundert zuordnen.

Zu dieser Geschichte gehört allerdings auch eine dunkle Seite. Über die transsaharischen Wege wurden Menschen versklavt und nach Nordafrika gebracht. Diese Geschichte darf nicht hinter dem Bild der Karawane verschwinden. Eine ihrer bis heute sichtbaren kulturellen Spuren findet sich in der Welt der Gnawa. Die UNESCO führt ihre Ursprünge auf Gruppen und Menschen zurück, deren Geschichte mit Sklaverei und Sklavenhandel mindestens seit dem 16. Jahrhundert verbunden ist.

In der Gnawa-Kultur verbanden sich über Generationen afrikanische Traditionen mit arabisch-muslimischen und amazighischen Ausdrucksformen. Die UNESCO beschreibt Gnawa inzwischen ausdrücklich als Teil der vielschichtigen kulturellen Identität des Königreiches Marokko.

Man hört diese Geschichte bis heute. Der Klang des Guembri, einer dreisaitigen, tief klingenden Langhalslaute, und der Rhythmus der Qraqeb, paarweise gespielter metallener Kastagnetten, prägen die Gnawa-Musik ebenso wie Gesang und nächtliche Rituale.

Doch nicht nur Musik bewahrte historische Spuren. Manchmal genügt ein einziges Wort, um Jahrhunderte zurückzugehen.

Wenn alte Wörter ein neues Leben beginnen

Woher ein Wort stammt, ist nur ein Teil seiner Geschichte. Ebenso interessant ist, was die Menschen in Marokko daraus machten. Bedeutungen verengten oder erweiterten sich, alte Bilder bekamen ein neues Leben.

Ein besonders schönes Beispiel ist kbida – كبيدة. Wörtlich bedeutet es „kleine Leber". Für deutsche Ohren klingt das kaum nach einer Liebeserklärung. In Marokko kann kbida jedoch ein zärtliches Wort für einen Menschen sein, der einem besonders nahesteht – vergleichbar mit „mein Herz" oder „mein Schatz". Das Bild der Leber als Sitz inniger Zuneigung ist wesentlich älter. In der arabischen Dichtung findet sich die Vorstellung der Kinder als „unsere Lebern, die auf der Erde gehen". Die Metapher existierte also lange vor der Darija; in Marokko lebt sie in einer kleinen, vertrauten Anrede weiter.

Auch kanbghik – كنبغيك erzählt von einer solchen Bedeutungsentwicklung. Heute ist es eine der selbstverständlichsten Möglichkeiten, auf Darija „Ich liebe dich" zu sagen. Das zugrunde liegende Verb bgha kann zugleich wollen, wünschen oder mögen bedeuten; richtet sich kanbghik auf einen Menschen, wird daraus „ich liebe dich" oder „ich mag dich". Die Sprache zieht damit Dinge zusammen, für die das Deutsche verschiedene Verben benötigt. Erst der Zusammenhang macht deutlich, ob jemand etwas möchte, etwas gernhat oder einen Menschen liebt.

Noch bildhafter ist twaḥḥeštek – توحشتك: „Ich vermisse dich." Dahinter steht die alte Wortfamilie um waḥša – وحشة: Einsamkeit, Verlassenheit, das Fehlen vertrauter Gesellschaft. In der marokkanischen Wendung wird daraus ein Gefühl, das unmittelbar an einen Menschen gebunden ist. Wer twaḥḥeštek sagt, benennt nicht mehr abstrakt die Einsamkeit, sondern den Menschen, dessen Abwesenheit er spürt.

Andere Ausdrücke haben ihren alten Kern bewahrt und ihn zugleich in den marokkanischen Alltag geholt. ferretti fiyya – فرطتي فيا lässt sich im Deutschen am natürlichsten mit „Du hast mich im Stich gelassen" wiedergeben: Du hast mich vernachlässigt, nicht mehr an mich gedacht, mich nicht mehr beachtet; ich war dir nicht mehr wichtig. Die alte arabische Wurzel f-r-ṭ – فرط kennt genau diesen Bedeutungsraum des Vernachlässigens und Versäumens: farraṭa fī l-amr bezeichnet, eine Sache zu vernachlässigen oder so zu versäumen, dass sie verloren geht. In der Darija wird daraus eine sehr persönliche Aussage über die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Wer in Marokko sagt fraʿti liya rassi – فرعتي ليا راسي, meint nicht, dass ihm tatsächlich jemand den Kopf gespalten hat. Sinngemäß heißt es: „Du machst mich wahnsinnig", „Du gehst mir auf den Kopf" oder schlicht: „Du nervst mich." Das drastische Bild zeigt, wie plastisch Darija Gefühle und Situationen mit wenigen Worten ausdrücken kann.

Nicht alle dieser alten Spuren lassen sich allerdings so eindeutig zurückverfolgen. mkeḥḥeṭ, 'nssemkek oder ḥāzeq gehören ebenfalls zu Wörtern, bei denen ältere arabische Wurzeln als Erklärung naheliegen. Bei mkeḥḥeṭ wird etwa eine Verbindung zu qaḥṭ – قحط, Dürre oder schwere Not, hergestellt; die klassische arabische Wortfamilie ist tatsächlich mit ausbleibendem Regen, Dürre und Not verbunden. Ob daraus jedoch unmittelbar das marokkanische mkeḥḥeṭ für einen völlig mittellosen Menschen entstanden ist, muss sprachhistorisch noch genauer belegt werden. Ähnliches gilt für die anderen Begriffe. Ein ähnlicher Klang allein ist noch keine Etymologie.

Gerade Schmata zeigt, weshalb diese Vorsicht notwendig ist. Im marokkanischen Sprachgebrauch kann das Wort mit Betrug oder Täuschung verbunden sein. Im älteren Arabisch existiert dagegen die Wortfamilie š-m-t – شمت und šamāta – شماتة für die hämische Freude über das Unglück eines anderen. Ein sehr alter Beleg findet sich bereits im Koran. Als Moses nach 40 Nächten zu seinem Volk zurückkehrt und sieht, was während seiner Abwesenheit geschehen ist, packt er seinen Bruder Aaron am Kopf und am Bart. Aaron erklärt, das Volk habe ihn für schwach gehalten und beinahe getötet, und bittet seinen Bruder: „Darum lass die Feinde nicht über mich frohlocken" (Koran 7:150). Genau in diesem Sinne steht das Verb tušmit – تُشْمِتْ: den Feinden Anlass zur Schadenfreude geben. Ob zwischen diesem alten šamāta und dem marokkanischen Schmata tatsächlich eine historische Bedeutungsbrücke besteht oder ob lediglich zwei ähnlich klingende Wörter aufeinandertreffen, ist damit noch nicht bewiesen. Der Fall zeigt, weshalb bei der Rekonstruktion gesprochener Sprache ein ähnlicher Klang allein nicht genügt.

In solchen Wörtern wird Darija zu einem sprachlichen Gedächtnis. Und diese Sprache blieb nicht auf Märkte, Werkstätten, Häuser und Gassen beschränkt. Sie wurde auch zur Sprache der Dichtung.

Als die Sprache des Alltags zur Sprache der Kultur wurde

Darija lebte nicht nur im gesprochenen Alltag. Über Jahrhunderte wurde sie auch zu einer Sprache der Poesie und Musik. Eine der bedeutendsten Ausdrucksformen dafür ist der Malhoun, dessen Geschichte weit zurückreicht und sich nicht auf ein einzelnes Entstehungsjahr reduzieren lässt. Im Zentrum steht die Qasida: Dichtung in einer Sprache, die näher an der gesprochenen Sprache der Menschen lag als das klassische Arabisch.

Bemerkenswert ist, wer diese Dichtung trug. Unter den Malhoun-Dichtern finden sich Handwerker ebenso wie Gelehrte und Literaten; seine Themen reichen von Liebe und Sehnsucht über Religion und Alltag bis zu gesellschaftlichen und politischen Ereignissen. Eine Sprache, die vor allem gesprochen wurde, konnte damit zugleich dichten, kommentieren und erinnern.

2023 nahm die UNESCO Malhoun in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Die Geschichte dieser Kunstform zeichnet der Historiker Idriss Al-Jay in einem eigenen Beitrag für marokko.com ausführlich nach.

Im 20. Jahrhundert bekam Darija über Radio, Schallplatte, Theater, Film und später Fernsehen eine neue Reichweite. Besonders eindrucksvoll zeigte sich das seit Beginn der 1970er-Jahre in der populären Musik. Gruppen wie Nass El Ghiwane und Jil Jilala sangen in einer Sprache, die ein breites marokkanisches Publikum unmittelbar verstand.

Nass El Ghiwane schöpfte aus volkstümlichen Erzählungen und Sprichwörtern, Sufi-Poesie sowie Klängen und Rhythmen der Gnawa. Daraus entstand keine bloße Fortsetzung älterer Formen. Die Gruppe verband unterschiedliche Überlieferungen mit der Sprache und den Erfahrungen ihrer eigenen Zeit.

Die Kulturwissenschaftlerin Karima Laachir beschreibt, wie Nass El Ghiwane eine vielgestaltige literarische Darija formte, die regionale und gesellschaftliche Grenzen überschritt. Darija wurde damit zu einer der zentralen Sprachen moderner marokkanischer Populärkultur.

Die regionalen Unterschiede verschwanden dadurch nicht. Doch eine Sprache, die von Stadt zu Stadt anders klingen konnte, erreichte nun über Musik und moderne Medien Menschen im ganzen Land.

Als Französisch und Spanisch marokkanisch wurden

Mit dem 20. Jahrhundert kamen Französisch und Spanisch nicht zum ersten Mal mit Marokko in Berührung. Doch während der Protektoratszeit wurde der Kontakt so intensiv, dass beide Sprachen tiefe Spuren im alltäglichen Wortschatz hinterließen. Französisch prägte große Teile des Landes, Spanisch besonders den Norden. Auch nach der Unabhängigkeit verschwanden diese Spuren nicht.

Aus dem französischen automobile wurde tomobil, aus bicyclette bisklit, aus fourchette forcheta und aus chauffeur ch'chefor. Auch lagar für Bahnhof lässt seine Herkunft aus la gare noch deutlich erkennen. Laute, Vokale oder ganze Silben veränderten sich, bis sich die Wörter selbstverständlich in den Rhythmus der Darija einfügten.

Andere Begriffe erzählen von der modernen Lebenswelt, mit der sie sich verbreiteten: Kamiyu für Lastwagen, traan für Zug, fromaj für Käse oder confitür für Marmelade gehören zu einem Wortschatz aus Verkehr, Technik, Konsum und städtischem Alltag.

Im Norden erzählt die Darija eine andere europäische Geschichte. Dort hinterließ das Spanische einen besonders umfangreichen Wortschatz. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben für das Nordmarokkanische zahlreiche spanische Entlehnungen zusammengetragen. Sie zeigen zugleich, dass diese Wörter nicht nur während der spanischen Präsenz im 20. Jahrhundert aufgenommen wurden. Kontakte über die Meerenge, ältere iberische Sprachformen und später spanisches Radio und Fernsehen sowie der alltägliche Austausch mit Spanien hielten die sprachliche Verbindung über lange Zeit lebendig.

Noch heute kann man diese Geschichte in Tanger, Tétouan, Larache oder im Rif hören. Ein Kühlschrank kann nibira heißen – vom spanischen nevera. Das Bett wird zur kama aus cama, der Schrank zum l'mariu aus armario. Aus rueda wird rwida, aus semana simana und aus escuela s-Skwila. Andere Wörter wie manta für Decke, gamba für Garnele, lata für Dose oder playa für Strand liegen noch näher an ihren spanischen Ausgangsformen.

Wie zuvor beim Französischen wurden auch diese Wörter in Laut und Form an die Darija angepasst. Zugleich blieb ihr Gebrauch regional geprägt: Was in Tétouan oder Tanger selbstverständlich klingt, muss in Casablanca oder Fès keineswegs zum alltäglichen Wortschatz gehören.

Dabei ist die Grenze zwischen den Sprachwelten manchmal erstaunlich schwer zu ziehen. L'factura erinnert an spanisch factura, während das Französische facture kennt. Bei blassa liegen spanisch plaza und französisch place nahe. Und manche vermeintlich europäischen Wörter können eine wesentlich ältere Geschichte besitzen. Gerade deshalb genügt der heutige Klang nicht, um die Herkunft eines Wortes zu bestimmen.

Französisch und Spanisch hinterließen damit keine abgeschlossene Schicht von Fremdwörtern. Viele ihrer Begriffe sind heute so fest in der Darija verankert, dass ihre europäische Herkunft im täglichen Gespräch kaum noch wahrgenommen wird.

Eine Geschichte, die in der Gegenwart weitergeht

Lange war Darija vor allem eine gesprochene Sprache. Heute begegnet sie zunehmend auch geschrieben: in Werbung und Literatur, in Liedtexten und Filmen, vor allem aber in Nachrichten und sozialen Medien. Dabei folgt sie keiner einheitlichen Schreibweise. Sie erscheint in arabischer Schrift ebenso wie in lateinischen Buchstaben, häufig ergänzt durch Ziffern für Laute, für die das lateinische Alphabet keine unmittelbare Entsprechung bietet. Damit hat sich die über Jahrhunderte vor allem mündlich weitergegebene Sprache einen neuen Raum erschlossen.

Auch der Wortschatz bleibt in Bewegung. Heute liefert zunehmend das Englische neue Begriffe, besonders aus Technik, Internet, Wirtschaft und Popkultur. Welche davon dauerhaft Teil der Darija werden, entscheidet sich wie schon bei früheren Einflüssen im Gebrauch.

Eine bemerkenswerte politische Entsprechung erhielt diese sprachliche und kulturelle Wirklichkeit mit der Verfassung von 2011. Ihr fünfter Artikel bestimmt Arabisch und Amazighisch als Amtssprachen des Staates, bezeichnet Amazighisch als gemeinsames Erbe aller Marokkaner und verpflichtet den Staat zugleich zur Bewahrung des Hassani sowie zum Schutz der in Marokko gesprochenen Sprachformen und kulturellen Ausdrucksweisen.

Noch weiter geht die Präambel. Dort beschreibt Marokko seine nationale Identität als Einheit, in der arabisch-islamische, amazighische und saharo-hassanische Bestandteile zusammenkommen und die durch afrikanische, andalusische, hebräische und mediterrane Einflüsse bereichert wurde. Damit beschreibt die Verfassung in wenigen Zeilen jene Vielschichtigkeit, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat.

Doch Sprache wartet nicht auf Verfassungen. Neue Wörter entstehen, andere verändern ihre Bedeutung, manche verschwinden wieder. Was bleibt, wird irgendwann so selbstverständlich marokkanisch klingen, dass kaum noch jemand nach seiner Herkunft fragt.

Das Marokkanische entstand nicht irgendwann. Es entsteht weiterhin.

 

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Quellen und weiterführende Literatur

  • Mohamed Lahrouchi: The Amazigh influence on Moroccan Arabic: Phonological and morphological borrowing, International Journal of Arabic Linguistics, 2018. Die Untersuchung belegt insbesondere phonologische und morphologische Einflüsse des Amazighischen auf marokkanische Sprachformen. (Revues)
  • Ahmed Ech-Charfi: An Amazigh Substrate in Moroccan Arabic: A Sociolinguistic Reconstruction of Agentives, International Journal of Arabic Linguistics, 2018. (Revues)
  • UNESCO: Gnawa, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity, 2019.
  • UNESCO: Malhun, a popular poetic and musical art, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity, 2023.
  • Karima Laachir: Morocco’s Popular Culture Powerhouse: Darija and the chaabi music of Nas El Ghiwane, 2025.
  • Hassan Jouad: Le chant melhûn, Horizons Maghrébins, 2000.
  • Oren Kosansky: When Jews Speak Arabic: Dialectology and Difference in Colonial Morocco, 2016.
  • Felipe Benjamin Francisco: The Southern Moroccan Dialects and the Hilāli Category, Languages, 2021.
  • Königreich Marokko: Verfassung von 2011, Präambel und Artikel 5.
  • Iberische Sprachkontakte: sprachwissenschaftliche Arbeiten zu spanischen, andalusischen und anderen iberoromanischen Elementen im marokkanischen Sprachraum.

 

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