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Marokkos grüne Wirtschaft: Jobs, Wachstum und Herausforderungen

Hunderttausende Arbeitsplätze, starkes Wachstumspotenzial und zugleich strukturelle Engpässe: Eine neue Analyse des Haut-Commissariat au Plan (HCP) zeigt, wie sich die grüne Wirtschaft in Marokko zu einem zentralen Arbeitsmarkt entwickelt - und warum Qualifikation, Investitionen und internationale Partnerschaften über ihren Erfolg entscheiden.

 

Marokkos gruene Wirtschaft. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstelltMit der ökologischen Transformation hat sich in Marokko längst ein neuer Arbeitsmarkt herausgebildet, dessen Bedeutung weit über umweltpolitische Zielsetzungen hinausgeht. Erstmals legt das Haut-Commissariat au Plan (HCP), die zentrale staatliche Statistik- und Planungsbehörde des Landes, eine umfassende und methodisch belastbare Bestandsaufnahme zu den Beschäftigungseffekten der grünen Wirtschaft vor. Das Ergebnis zeichnet das Bild eines Sektors mit erheblichem Wachstumspotenzial, zugleich aber auch mit strukturellen Ungleichgewichten, die über seinen langfristigen Erfolg entscheiden werden.

Im Jahr 2022 zählte das HCP rund 336.000 direkte Arbeitsplätze in den erfassten grünen Wirtschaftszweigen. Bis 2030 könnte diese Zahl die Marke von 500.000 überschreiten, sofern Investitionen, regulatorische Rahmenbedingungen und Qualifizierungsprogramme konsequent umgesetzt werden. HCP betont, dass diese Zahlen nicht auf Szenarien oder Absichtserklärungen beruhen, sondern auf einer detaillierten statistischen Abgrenzung real existierender Tätigkeiten, die anhand internationaler Standards erfasst wurden.

Die grüne Wirtschaft umfasst sämtliche Aktivitäten, die zur Schonung natürlicher Ressourcen, zur Reduktion von Emissionen und zur Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz beitragen und dabei dauerhafte Beschäftigung schaffen. Methodisch wird zwischen klar umweltbezogenen Berufen, sogenannten „vergrünenden“ Tätigkeiten in klassischen Branchen sowie indirekten Beschäftigungseffekten unterschieden. Diese Differenzierung ermöglicht eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Arbeitsmarktrelevanz.

Im Zentrum stehen sieben Schlüsselbranchen: erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Abfallwirtschaft, Trinkwasser- und Abwasserinfrastruktur, nachhaltige Landwirtschaft, Forstwirtschaft sowie die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Besonders dynamisch entwickeln sich die erneuerbaren Energien. Große Solar- und Windprojekte haben zehntausende qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen, von Planung und Bau bis hin zu Betrieb und Wartung. Parallel wächst der Bedarf an spezialisierten technischen Profilen.

Auch die Energieeffizienz gilt als bedeutender Beschäftigungstreiber, insbesondere im Gebäudesektor, in der Industrie und im Dienstleistungsbereich. Hier entstehen neue Berufsbilder rund um Energieaudits, thermische Sanierung und effiziente Gebäudetechnik. Die Abfallwirtschaft zählt zwar zu den beschäftigungsstärksten Bereichen, ist jedoch weiterhin von einem hohen Anteil geringqualifizierter und teilweise informeller Arbeit geprägt. Gleichzeitig wächst der Bedarf an technischen Kompetenzen im Recycling und in der energetischen Verwertung.

In den Bereichen Trinkwasser und Abwasser spielt die grüne Wirtschaft eine zentrale Rolle für Versorgungssicherheit und Klimaanpassung. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze entfallen auf Betrieb, Wartung und Ingenieurleistungen. Die nachhaltige Landwirtschaft wiederum stellt zahlenmäßig den größten Beschäftigungsbereich dar, insbesondere in ländlichen Regionen. Wassersparende Bewässerung, agroökologische Methoden und ressourcenschonende Produktionsweisen prägen diesen Sektor, der stark von kleineren Familienbetrieben getragen wird. Ergänzt wird das Bild durch die Forstwirtschaft, deren Arbeitsplätze regional konzentriert sind und hohe ökologische Bedeutung besitzen.

Trotz dieses Potenzials identifiziert der Bericht zentrale strukturelle Herausforderungen. Besonders gravierend ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften, vor allem bei Technikern, Ingenieuren und spezialisierten Handwerksberufen. Hinzu kommen deutliche regionale Ungleichgewichte: Dort, wo Energie- und Infrastrukturprojekte konzentriert sind, entstehen Arbeitsplätze, während andere Regionen abgehängt bleiben. Ein weiteres Problem ist der hohe Grad an Informalität, insbesondere in der Abfallwirtschaft, wo zehntausende Menschen ohne vollständige soziale Absicherung tätig sind.

Der HCP empfiehlt daher eine gezielte Anpassung der Berufsbildung, die Einführung zertifizierter Ausbildungswege für grüne Berufe sowie Übergangsmodelle zur schrittweisen Formalisierung informeller Tätigkeiten. Ebenso notwendig sei eine bessere institutionelle Koordination zwischen Staat, Kommunen und Privatwirtschaft.

Finanziell bleibt die Transformation anspruchsvoll. Der Investitionsbedarf bis 2030 beläuft sich auf mehrere zehn Milliarden Dirham. Nationale Haushaltsmittel allein reichen dafür nicht aus, weshalb internationale Klimafinanzierung eine zentrale Rolle spielt. Für Europa ist dies von strategischer Bedeutung: Marokko positioniert sich zunehmend als Energie-, Industrie- und Stabilitätspartner im südlichen Mittelmeerraum. Investitionen in grüne Arbeitsplätze wirken dabei nicht nur klimapolitisch, sondern auch beschäftigungs- und industriepolitisch stabilisierend.

Insgesamt zeichnet der Bericht das Bild eines Arbeitsmarktes im Umbau. Die grüne Wirtschaft ist in Marokko kein Randphänomen mehr, sondern ein strukturelles Element der wirtschaftlichen Transformation. Ob sie ihr Potenzial vollständig entfalten kann, hängt davon ab, wie konsequent Qualifikation, soziale Standards, Finanzierung und Governance miteinander verzahnt werden.