Marokkos Autoindustrie wächst weiter: SFC startet Serienproduktion
SFC hat in seinem neuen Werk in der Tanger Automotive City die Serienproduktion aufgenommen. Auf rund 28.000 Quadratmetern entstehen Komponenten für die internationale Automobilindustrie. Nach Unternehmensangaben ist das Geschäftsvolumen zur Auslastung der neuen Kapazitäten bereits für drei Jahre gesichert. Die Investition zeigt zugleich, wie sich rund um Tanger ein zunehmend dichtes Netz spezialisierter Zulieferer entwickelt.

Mit der Aufnahme der Serienproduktion hat die neue Fabrik von SFC Solutions Automotive Morocco in der Tanger Automotive City ihre entscheidende industrielle Phase erreicht. Nach Angaben des Mutterkonzerns Mutares wurde die Anlage fertiggestellt, mit den erforderlichen Maschinen ausgestattet und die Serienfertigung im ersten Halbjahr 2026 aufgenommen. Das Projekt war unter der Bezeichnung „AUXO" vorbereitet worden und sollte verschiedene Aktivitäten von SFC Solutions und Elastomer Solutions an einem größeren Standort zusammenführen.
Die Dimension des Projekts ist beachtlich. Auf einem Grundstück von knapp 62.000 Quadratmetern entstand zunächst eine überdachte Produktionsfläche von rund 28.000 Quadratmetern. Bereits bei der Planung wurde eine spätere Erweiterung um weitere 10.500 Quadratmeter berücksichtigt. Auch die Dachkonstruktion wurde für die mögliche Installation einer größeren Photovoltaikanlage vorbereitet.
Als die Bauarbeiten im März 2025 offiziell begannen, wurde die Investition mit 266,3 Millionen Dirham angegeben. Zugleich war von zunächst 270 direkten Arbeitsplätzen die Rede. Bei der offiziellen Einweihung am 6. Mai 2026 nannte Investitionsminister Karim Zidane demgegenüber ein Gesamtinvestitionsvolumen rund 310 Millionen Dirham sowie einen angestrebten Umsatz von 850 Millionen Dirham und die Schaffung von 900 direkten Arbeitsplätzen – eine deutliche Aufwertung gegenüber den 2025 zu Baubeginn genannten Zahlen.
Vom Bauprojekt zur laufenden Produktion
Für Tanger ist SFC kein neuer Name. Das Unternehmen produziert bereits seit 2009 in Marokko. Damals begann die Fertigung von Fahrzeugdichtungen in der Tanger Free Zone, um Kunden auf der Iberischen Halbinsel zu beliefern und Renault beim Aufbau seiner Produktion in der Region zu begleiten. 2017 wurde die industrielle Tätigkeit in ein eigens errichtetes Werk in der Tanger Automotive City verlagert.
Dieser bisherige Standort umfasst rund 10.000 Quadratmeter Produktionsfläche. Nach Angaben von SFC verfügt er unter anderem über drei EPDM-Extrusionslinien, eine Thermoplast-Extrusionslinie, eine vollautomatische Beschichtungsanlage sowie rund 30 Spritzgussmaschinen und weitere Anlagen für die Serienproduktion von Fahrzeugdichtungen. Seit der Übernahme durch Mutares im Juli 2022 firmiert das Unternehmen in Marokko als SFC Solutions Automotive Morocco.
Die neue Anlage schafft nun zusätzliche Kapazitäten. Die SFC Group ist auf Dichtungssysteme, Flüssigkeitstransportsysteme sowie Gummi- und Thermoplastkomponenten für die Automobilindustrie spezialisiert. Zum Kundenkreis des international tätigen Unternehmens gehören nach Angaben von Mutares große Fahrzeughersteller und Tier-1-Zulieferer (Tier bedeutet Ebene, Stufe oder Rang).
Bemerkenswert ist dabei nicht allein die zusätzliche Produktionsfläche. Fabio Morandi, Operating Partner bei Mutares, erklärte nach der Einweihung, dass die bisherige marokkanische Anlage angesichts der Entwicklung des Automobilgeschäfts und neuer Anfragen zu klein geworden sei. Das Geschäftsvolumen zur Auslastung der neu geschaffenen Kapazitäten sei nach seinen Angaben bereits für die kommenden drei Jahre gesichert. Sobald die gegenwärtigen Kapazitäten ausgeschöpft seien, sei eine weitere Erweiterung vorgesehen.
Tanger entwickelt sich vom Produktionsstandort zum Industriecluster
Die Entwicklung von SFC steht beispielhaft für eine Veränderung, die in der marokkanischen Automobilindustrie seit Jahren zu beobachten ist. Mit der Ansiedlung großer Fahrzeughersteller entstand zunächst eine leistungsfähige Produktionsbasis. Inzwischen wächst darum eine zunehmend differenzierte Zulieferindustrie, die weit über die Montage von Fahrzeugen hinausgeht.
Dichtungen und Leitungssysteme, Gummi- und Thermoplastteile und zahlreiche weitere Komponenten entstehen innerhalb eines industriellen Umfelds, in dem Hersteller und spezialisierte Zulieferer räumlich immer enger zusammenrücken. Für die Fahrzeughersteller verkürzt dies Lieferwege und erleichtert die Einbindung lokaler Produktionskapazitäten.
Gerade die Geschichte von SFC macht diese Entwicklung sichtbar. Das Unternehmen begann 2009 mit einer Produktion in der Tanger Free Zone. Acht Jahre später folgte der Wechsel in ein eigenes Werk in der Tanger Automotive City. Nun kommt eine Anlage hinzu, deren überdachte Fläche mit rund 28.000 Quadratmetern fast dreimal so groß ist wie die des bisherigen Standorts – und bei deren Planung bereits Raum für eine weitere Erweiterung vorgesehen wurde.
Der Zeitpunkt ist dabei bemerkenswert. Während die internationale Automobilindustrie mit schwankender Nachfrage und verschobenen Serienanläufen konfrontiert ist – Mutares selbst verweist für sein Segment Automotive & Mobility auf kurzfristige Stornierungen und verzögerte Kundenabrufe –, berichtet der Konzern zugleich von einer verbesserten Profitabilität bei SFC.
Die neue Fabrik in Tanger ist deshalb mehr als eine zusätzliche Produktionshalle. Sie zeigt, wie sich der Automobilstandort im Norden Marokkos weiterentwickelt: Neben den großen Fahrzeugwerken gewinnt ein Netz spezialisierter Zulieferer an Gewicht, das immer mehr industrielle Prozesse vor Ort abbildet.
Mit dem Beginn der Serienproduktion ist aus der angekündigten Investition nun laufende industrielle Wertschöpfung geworden.
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