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Europa und Marokko: Enge Partner, neue Grenzen

Wirtschaftlich rücken Marokko und die Europäische Union immer enger zusammen. Zugleich will Brüssel öffentliche Gelder stärker an europäische Produktion binden. Damit stellt sich eine Frage, die für das Königreich weitreichende Folgen hat: Gehört ein Land, das nicht Mitglied der Union ist, aber tief in ihre Lieferketten eingebunden ist, zu „Europa“?

Amsterdam, Atomium, Madrid, Paris, Rabat. Fotos mit Hilfe von ChatGPT zusammengestellt

  Quellen: Europäische Kommission – Handel mit Marokko und Industrial Accelerator Act · Rat der Europäischen Union – PRIMA · Reuters · AFP/North Africa Post · RTÉ.
   

2025 erreichte der Warenhandel zwischen beiden Seiten mit rund 62 Milliarden Euro einen Rekordwert. Die EU bleibt Marokkos mit Abstand wichtigster Handelspartner. Aufschlussreich ist vor allem die Zusammensetzung: Gut die Hälfte dessen, was Europa aus Marokko bezieht, entfällt inzwischen auf Maschinen und Transportausrüstung, also auf Fahrzeuge, Kabelbäume und elektrische Komponenten. Marokkos wichtigste Exporte nach Europa kommen damit längst nicht mehr vor allem vom Feld, sondern aus der Fabrik.

Rechtlich ruht diese Verflechtung auf dem Assoziierungsabkommen, das im Jahr 2000 in Kraft trat und eine Freihandelszone schuf. Industriegüter passieren die Grenze heute weitgehend zollfrei.

„Made in Europe“ – mit oder ohne Marokko?

Genau diese Verflechtung berührt der Industrial Accelerator Act, den die EU-Kommission im März 2026 vorgelegt hat. Das Gesetz soll die Nachfrage nach CO₂-armen, in Europa hergestellten Produkten stärken. Öffentliche Aufträge und Förderprogramme sollen stärker europäischer Produktion zugutekommen.

Der Kommissionsentwurf stellt Waren aus Ländern, mit denen die EU eine Freihandelszone oder Zollunion unterhält, grundsätzlich europäischen gleich, soweit die jeweiligen Abkommen entsprechende Verpflichtungen enthalten. Einzelne Staaten kann die Kommission unter bestimmten Voraussetzungen jedoch ganz oder teilweise ausnehmen.

Diese offene Lösung gerät nun unter politischen Druck. Frankreich verlangte von Beginn an eine engere Definition, Deutschland eine stärkere Öffnung für Handelspartner. Am 16. Oktober verständigten sich beide Regierungen auf einen Kompromiss für die Autoindustrie. Danach sollen neben den 27 EU-Staaten auch bestimmte europäische Partner einbezogen werden können, darunter Großbritannien und Norwegen, sofern sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Freihandelspartner wie Marokko erhalten in diesem deutsch-französischen Vorschlag keine vergleichbare Sonderstellung.

Für das Königreich wiegt diese Frage schwer. Renault und Stellantis fertigen dort, umgeben von zahlreichen internationalen Zulieferern. Herkunftsregeln bestimmen langfristig mit, wo neue Werke, Batteriefabriken und Komponentenfertigungen entstehen.

Beschlossen ist indes nichts. Der deutsch-französische Vorschlag muss die übrigen Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament überzeugen. Auch der Industrial Accelerator Act selbst befindet sich weiterhin im Gesetzgebungsverfahren.

Forschung als Gegenbewegung

Während die Industriepolitik neue Grenzen diskutiert, wächst die Zusammenarbeit an anderer Stelle. Die Forschungsinitiative PRIMA widmet sich Wasser, Landwirtschaft und Ernährung im Mittelmeerraum.

Am 27. März 2026 unterzeichneten die EU und Marokko eine neue Vereinbarung über die marokkanische Teilnahme, die seither vorläufig angewendet wird. Ende September schloss die EU ihre formalen Schritte ab.

Die Themen treffen Marokko unmittelbar: Wasserknappheit und Landwirtschaft unter zunehmender Trockenheit gehören zu den großen Herausforderungen des Landes. Dieselben Fragen stellen sich längst auch in Südeuropa.

Zwischen Partnerschaft und Abgrenzung

Europa verfolgt zwei Ziele zugleich. Es will die eigene Industrie stärken und Abhängigkeiten abbauen, braucht dafür aber verlässliche Partner für Lieferketten, Energie und Forschung. Marokko steht genau an dieser Nahtstelle: geografisch nah, industriell eingebunden und doch außerhalb der Union.

Ob Brüssel das Land künftig als Teil gemeinsamer Wertschöpfungsketten behandelt oder die Grenze zwischen europäischer und außereuropäischer Produktion schärfer zieht, ist offen. Die Verflechtung selbst ist es nicht mehr.

 

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