Auswandern oder aufbauen: Welche Zukunft hat Marokkos Jugend?
Marokko hat sich in drei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Und dennoch ist der Wunsch auszuwandern gerade unter jungen Menschen ungebrochen stark. Milliardeninvestitionen schaffen neue Infrastruktur und neue Industrien – doch ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten erreichen längst nicht jeden Menschen unmittelbar.

Zugleich lebt eine alte Vorstellung fort: Die wirkliche Chance warte anderswo. Zwischen berechtigter Ungeduld und eigener Verantwortung stellt sich deshalb eine unbequeme Frage: Wer soll die Zukunft Marokkos gestalten, wenn so viele ihre eigene Zukunft außerhalb des Landes suchen? Ein marokkanisches Sprichwort fasst eine Vorstellung von Heimat in wenigen Worten zusammen: „Lieber der Teer meines Landes als der Honig fremder Länder." Es stammt aus einer anderen Zeit. Die Frage dahinter ist erstaunlich gegenwärtig geblieben.
Marokko ist längst nicht mehr das Land, das frühere Generationen verlassen haben. Wer dreißig Jahre zurückblickt, erkennt ein anderes Land. Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszüge verbinden seine Städte, Tanger Med gehört zu den großen Häfen des Mittelmeerraums, neue Industrien produzieren Autos und Flugzeugteile für den Weltmarkt. Erneuerbare Energien, Digitalisierung und neue Technologien sind zu strategischen Entwicklungsfeldern geworden. Diese Verwandlung lässt sich nicht übersehen. Nur ebenso wenig lässt sich übersehen, wen sie noch nicht erreicht hat.
Ein neuer Hafen schafft wirtschaftliche Möglichkeiten, aber nicht unmittelbar einen Arbeitsplatz für jeden jungen Menschen. Milliardeninvestitionen verändern ein Land schneller, als sie den Alltag all seiner Bewohner verändern. Zwischen dem Marokko der großen Projekte und dem Marokko der persönlichen Erfahrung bleibt deshalb eine Lücke – und gerade junge Menschen spüren sie am unmittelbarsten. In dieser Lücke lebt ein alter Gedanke fort: Anderswo wartet die bessere Chance.
Auswanderung gehört seit Jahrzehnten zur marokkanischen Erfahrung. In den 1960er-Jahren bekam diese Migration eine neue Dimension: Deutschland und Frankreich schlossen 1963, Belgien 1964 und die Niederlande 1969 Anwerbeabkommen mit Marokko, um Arbeitskräfte für ihre wachsenden Volkswirtschaften zu gewinnen. Aus dieser Generation von Gastarbeitern erwuchs ein Netz, das bis heute trägt: Fast jede Familie kennt jemanden in Frankreich, Belgien, Spanien, Deutschland oder den Niederlanden. Die Ausgewanderten haben Familien unterstützt, Häuser gebaut, Unternehmen gegründet und Geld in ihre Herkunftsregionen zurückgetragen. Ihr Erfolg war sichtbar. Weniger sichtbar blieben die Jahre davor. Der Onkel kam im Sommer mit dem Auto aus Europa. Man sah das Auto, aber nicht die Schichten, mit denen es bezahlt wurde. Man sah das Haus in Marokko, aber nicht die kleine Wohnung in Europa. Man sah den Urlaub, aber nicht die elf Monate Arbeit davor. So wurde aus Migration über Generationen hinweg mehr als eine Möglichkeit: Sie wurde zu einer Vorstellung vom besseren Leben.
Heute verstärken soziale Medien dieses Bild und widersprechen ihm im selben Atemzug. Junge Marokkaner sehen auf ihren Bildschirmen das scheinbar mühelose Leben in europäischen Städten. Gleichzeitig berichten Landsleute aus Europa von hohen Mieten, mühsamer Arbeit, Einsamkeit, vom bedrückenden Alltag ohne gesicherten Aufenthaltsstatus. Und dennoch bleibt der Traum erstaunlich widerstandsfähig.
Es gibt reale Gründe dafür. Wirtschaftliche Entwicklung bedeutet nicht automatisch, dass jeder einen guten Arbeitsplatz findet. Ausbildung garantiert noch keine Beschäftigung, Investitionen erzeugen nicht überall gleichzeitig Wohlstand. Bürokratie, ungleiche Chancen und Korruption verschwinden nicht dadurch, dass daneben neue Fabriken und Bahnstrecken entstehen. Daraus ergibt sich jedoch eine zweite, unbequemere Frage: Wie viel Verantwortung für das eigene Leben und für die Entwicklung des Landes ist eine junge Generation bereit, selbst zu übernehmen?
Es ist leicht, für das, was nicht gelingt, Verantwortliche zu finden: die Regierung, die Parteien, Beziehungen, Korruption, die wirtschaftlichen Verhältnisse. Manches davon trifft zu. Wer seine Zukunft jedoch ausschließlich davon abhängig macht, dass andere zuerst die Bedingungen dafür schaffen, gerät in eine andere Abhängigkeit. Und Europa befreit davon nicht.
Wer nach Düsseldorf, Madrid oder Paris geht, muss dort ebenfalls von vorn beginnen: Arbeit suchen, eine Sprache beherrschen, sich qualifizieren, sparen, Rückschläge aushalten. Das bessere Leben wird nicht zusammen mit der Aufenthaltserlaubnis ausgehändigt. Genau darin liegt eine merkwürdige Verschiebung: Die Anstrengung, die man in Europa als notwendigen Preis des Erfolgs hinnimmt, erscheint im eigenen Land mitunter als Beweis dafür, dass dort etwas nicht funktioniert. Das ist kein Vorwurf an eine Generation. Es ist eine Frage an ihr Verhältnis zur eigenen Zukunft. Und genau an dieser Stelle berühren sich Auswanderung und Politik.
Bei der Parlamentswahl 2026 machten die 18- bis 24-Jährigen nur vier Prozent der registrierten Wähler aus, bei einer Gesamtbeteiligung von rund 38 Prozent. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass diejenigen, die ihre Zukunft in Europa sehen, zugleich diejenigen sind, die nicht wählen – eine solche Verbindung geben die Daten nicht her. Doch beide Beobachtungen führen zur selben Frage: Wo erwartet man Veränderung – und welchen eigenen Anteil schreibt man sich an ihr zu?
Eine Wahl allein baut keine Fabrik, schafft keinen Arbeitsplatz, verändert kein Leben über Nacht. Ebenso wenig erschöpft sich gesellschaftliche Beteiligung in einem Kreuz auf einem Stimmzettel. Ein Land entsteht auch dort, wo jemand ein Unternehmen gründet, einen Beruf erlernt, etwas erfindet, einen Verein trägt, Verantwortung in seiner Gemeinde übernimmt oder sich entscheidet, eine Idee nicht nur zu beklagen, sondern umzusetzen. Marokko braucht diese Energie gerade deshalb, weil seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.
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Quellen: OECD Economic Surveys: Morocco 2024. |
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Die vergangenen drei Jahrzehnte zeigen, wie viel sich verändern kann. Der nächste Schritt besteht darin, den wirtschaftlichen Fortschritt stärker in persönliche Chancen zu übersetzen – in Arbeit, Aufstieg und die Möglichkeit, sich im eigenen Land eine Zukunft aufzubauen. Das ist eine Aufgabe für Politik und Institutionen. Aber es ist nicht ausschließlich ihre Aufgabe.
Auch Patriotismus gewinnt damit eine andere Bedeutung. Er besteht nicht darin, jungen Menschen vorzuschreiben, wo sie zu leben haben. Wer in Europa studiert, arbeitet oder ein Unternehmen aufbaut, liebt Marokko nicht weniger – Millionen Auslandsmarokkaner haben das längst bewiesen. Ebenso wenig verlangt Heimatliebe, Schwierigkeiten schönzureden. Ein Land, das seine Jugend halten will, muss ihr Gründe geben zu bleiben: Chancen, faire Bedingungen und die Erfahrung, dass Leistung etwas bewirken kann. Doch Heimat kann auch nicht allein eine Forderung an andere sein.
Das alte Sprichwort vom Teer der Heimat und vom Honig der Fremde trägt deshalb eine Wahrheit und einen Irrtum zugleich in sich. Niemand sollte aus Vaterlandsliebe Teer schlucken müssen. Aber jenseits des Meeres wartet auch kein Honig, den andere längst für einen bereitgestellt haben.
Marokko muss seiner Jugend Raum geben, ihre Zukunft zu bauen. Seine Jugend muss diesen Raum auch nutzen. Denn das bessere Leben liegt weder in Marokko noch in Europa auf der Straße. Jemand muss anfangen, es aufzubauen.