Wahlkampf ohne Wahlkampf - Marokkos frühe politische Saison
Noch hat niemand den Wahlkampf offiziell eröffnet. Doch in vielen Städten wirken Treffen, Gespräche und diskrete Besuche bereits wie ein politischer Auftakt. Zwischen Tee, vorsichtigen Formulierungen und stillen Ambitionen beginnt eine Kampagne, die offiziell noch gar nicht existiert.

Kaum zeichnet sich am Horizont der kommenden Parlamentswahlen ein erster Schatten ab, tauchen vertraute politische Gesichter wieder auf. In Gassen, Salons und bei gesellschaftlichen Anlässen beginnt eine diskrete Betriebsamkeit, als hätte im Land bereits eine neue politische Saison begonnen.
Dabei betonen alle, es sei noch viel zu früh, um über Wahlen zu sprechen. Doch gleichzeitig verhalten sich viele, als stünde die Abstimmung unmittelbar bevor.
Man hört jemanden sagen: „Über Wahlen wird derzeit nicht gesprochen.“ Am selben Abend erscheint dieselbe Person bei einer Veranstaltung mit dem harmlosen Titel: „Perspektiven lokaler Entwicklung“. Doch alle wissen es - Teilnehmer, Organisatoren und selbst die Plastikstühle im Saal: „Entwicklung“ ist hier nur ein anderes Wort für Wahlkampf.
Die Treffen vermehren sich rasch: mit Jugendlichen, Frauen, lokalen Akteuren, Vertretern der Zivilgesellschaft oder Bewohnern eines Viertels.
Alles geschieht in einer „warmen Atmosphäre“, wie es in den Mitteilungen heißt. Tee wird serviert, Gebäck steht bereit, Fotos werden gemacht und Versprechen erscheinen in ihrer besten Form. Der Bürger sitzt häufig in der letzten Reihe und fragt sich: Bin ich hier eingeladen, um mitzudiskutieren - oder nur, um auf dem Gruppenfoto zu erscheinen?
Dann beginnt der bekannte Satz: „Wir sind hier, um zuzuhören.“ Doch kaum spricht jemand aus dem Publikum, übernimmt der Hauptredner wieder das Wort - und bedankt sich später für den „reichen Austausch“.
Die kostbaren Nominierungen
Ein anderes Thema bewegt die politischen Gespräche hinter den Kulissen: die Parteinominationen. Niemand sagt offen, dass er sie will. Doch jeder deutet es an. Man lächelt den richtigen Leuten zu, besucht die passenden Persönlichkeiten und verwendet Formulierungen wie: „Ich stehe der Partei zur Verfügung“ oder „Ich suche kein Amt“. Gerade dieser Satz verdient besondere Aufmerksamkeit. Denn häufig wird er ausgesprochen, während der Blick bereits auf den zukünftigen Stuhl gerichtet ist und alle auf den entscheidenden Anruf warten. Hinter den Kulissen drehen sich die Gespräche um andere Fragen: Wer hat die besseren Chancen? Wer verfügt über eine stabile Basis? Wer besitzt die richtigen Kontakte? Die Kompetenz hingegen sitzt oft still in der Ecke und wartet darauf, dass jemand ihren Namen aufruft.
Politische Gespräche sind in diesen Tagen zu einer Kunstform geworden. Niemand lehnt etwas ab, doch niemand bestätigt etwas. Fragt man nach dem Programm, spricht man über das Vaterland. Fragt man nach einem Viertel, erzählt man von der Geschichte. Fragt man nach einer kaputten Straße, hört man plötzlich vom „partizipativen Ansatz“. Fast entsteht der Eindruck, das Schlagloch werde sich aus Höflichkeit selbst schließen.
Kalt, ganz kalt
So wirkt der Wahlkampf vor dem eigentlichen Wahlkampf: ruhig in seinem Ton, vorsichtig in seinen Aussagen und unschuldig in seinen Überschriften. Doch unter der Oberfläche glimmt eine politische Glut. Heute ein Treffen, morgen ein Gruppenfoto, übermorgen ein Besuch vor Ort - und plötzlich befindet sich das Land mitten in einer Wahlkampfsaison, der nur noch die offizielle Ankündigung fehlt. Es ist die Politik des Sprichworts: „Kalt, ganz kalt - doch wenn sie sich erhitzt, kann sie die Hand verbrennen.“
Sie beginnt mit einem Lächeln und einem Glas Tee - und endet mit der entscheidenden Frage: Wer hat die Nominierung bekommen? Und wer sitzt noch immer da und trinkt seinen Tee allein?
Über Mounir Lougmani
Übersetzung aus dem Arabischen