Sardinen für Europa: Die stille Abhängigkeit von Marokko
Marokko ist zum zentralen Pfeiler der europäischen Sardinenversorgung geworden. Niedrige Energie- und Lohnkosten, hohe Fangmengen und eine stark integrierte Verarbeitung haben eine strukturelle Abhängigkeit entstehen lassen, die weit über den Handel hinausgeht.
Marokko konzentriert heute den Großteil der pelagischen Fischressourcen, die für die europäischen Konservenindustrien bestimmt sind. Als weltweit größter Exporteur von Sardinenkonserven und wichtigster Lieferant der Europäische Union stützt sich diese Stellung auf ausgeprägte strukturelle Kostenvorteile. Der durchschnittliche Strompreis beträgt etwa 0,09 Euro pro Kilowattstunde, hinzu kommen deutlich niedrigere Lohnkosten.
Eine dem Europäisches Parlament vorgelegte Studie des Referats für Kohäsions-, Agrar- und Fischereipolitik (CASP) beschreibt die wirtschaftlichen und fischereilichen Grundlagen dieser Dominanz und hält fest, dass Marokko der wichtigste außereuropäische Lieferant von Wildfang-Fischereiprodukten für den EU-Markt ist. Diese Position beruht laut Bericht auf dauerhaften Kostendifferenzen, die es marokkanischen Produzenten ermöglichen, große Mengen zu deutlich niedrigeren Preisen anzubieten als innerhalb der Union.
Besonders hervorgehoben wird der Energiefaktor. Der Preis für Schiffsdiesel lag in Marokko im Herbst 2025 bei etwa 1,20 Euro pro Liter, während er in den wichtigsten EU-Erzeugerländern zwischen 1,60 und 1,90 Euro schwankte. Auch an Land bleiben die Stromkosten niedriger als in Spanien oder Portugal, was die Verarbeitung in marokkanischen Konservenbetrieben begünstigt. Ergänzt wird dieser Vorteil durch geringere Löhne im Fischerei- und Verarbeitungssektor sowie günstigere Bedingungen beim Bezug von Aluminium für Konservendosen.
Diese Kostenstruktur hat zu einer Neuordnung der Wertschöpfungskette geführt. Zahlreiche europäische Konservenbetriebe sind inzwischen auf marokkanische Lieferungen angewiesen, um ihre Produktion aufrechtzuerhalten. Ein im Bericht zitierter Industrievertreter schätzt, dass heute nahezu zwei von drei in Europa konsumierten Sardinenkonserven in Marokko hergestellt werden.
Der Bericht verweist zugleich auf die außergewöhnlichen Fangmengen. Marokko meldete für das Jahr 2022 Sardinenfänge von 991.103 Tonnen, während die gesamten Fänge der Europäischen Union im selben Zeitraum 174.283 Tonnen betrugen. In den Jahren 2024 und 2025 kam es laut Studie zu Versorgungsengpässen, die auf Überfischung und klimatische Faktoren zurückgeführt werden und sowohl marokkanische als auch europäische Betriebe betrafen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den südlichen Fanggebieten. Etwa 73% der marokkanischen Sardinenfänge stammen aus den an die Sahara angrenzenden Gewässern, die laut Bericht nur unzureichend kontrolliert werden und in denen auch illegale Fischerei durch Drittstaaten festgestellt wird. Abschließend verweist die Studie auf die wachsende Bedeutung weiterer außereuropäischer Anbieter wie der Türkei und Chiles im europäischen Fischereihandel.