Europa verbindet seine Energiezukunft zunehmend mit Marokko
Europas Energiekarte verändert sich. Während über Jahrzehnte Öl- und Gaspipelines die Verbindungen zwischen Nordafrika und Europa bestimmten, entstehen heute neue Stromachsen für erneuerbare Energie. Marokko rückt dabei zunehmend ins Zentrum dieser Entwicklung: Innerhalb weniger Tage haben Frankreich und Portugal ihre Vorhaben für direkte Stromverbindungen mit dem Königreich vorangetrieben, während parallel ein Projekt zwischen Marokko und Deutschland konkretere Formen annimmt.

Frankreich und Marokko eröffneten im Juli 2026 ein Interessenbekundungsverfahren für eine direkte Stromverbindung zwischen beiden Ländern - auf Grundlage einer 2024 vereinbarten strategischen Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Konnektivität und Transformation. Ziel ist es, erneuerbaren Strom aus Marokko direkt nach Frankreich zu transportieren.
Auch Portugal hat sein lange ruhendes Vorhaben wiederbelebt. Erste Untersuchungen für einen marokkanisch-portugiesischen Interkonnektor reichen bis 2018 zurück. Beide Staaten wollen nun gemeinsam Unterstützung der Europäischen Kommission beantragen und zugleich private Investoren sowie Netzbetreiber ansprechen. Offen ist noch, ob eine direkte Unterseeverbindung entsteht oder die Leitung teilweise über bestehende Netze auf der Iberischen Halbinsel geführt wird. Der geplante Anschluss würde Portugal eine zusätzliche Versorgungsroute eröffnen und die schwache Einbindung der Iberischen Halbinsel in das europäische Stromnetz verbessern - ein Anliegen, das seit dem großflächigen Stromausfall in Spanien und Portugal im April 2025 an Dringlichkeit gewonnen hat.
Marokko beginnt dabei nicht bei null: Über die Straße von Gibraltar ist sein Stromnetz bereits mit Spanien und damit mit dem europäischen Verbundsystem verbunden. Die neuen Projekte würden diese Achse verbreitern - im Osten und Norden über Spanien und Frankreich, im Westen über Portugal.
Nach dem britischen Rückzug: Deutschland als neuer Partner
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung des ursprünglich für Großbritannien geplanten Xlinks-Projekts. Die britische Regierung beendete im Juni 2025 ihre Gespräche über eine staatlich abgesicherte Stromabnahme und begründete dies mit finanziellen, technischen und sicherheitspolitischen Risiken. Das Vorhaben sollte Wind- und Solarstrom aus der Region Guelmim-Oued Noun über eines der längsten Unterseekabel der Welt nach Großbritannien bringen. Die marokkanischen Erzeugungspotenziale und die technischen Vorarbeiten verschwanden mit dem britischen Rückzug jedoch nicht. Xlinks richtete sich neu aus und entwickelte über seine Tochtergesellschaft Xlinks Germany das Projekt Sila Atlantik: zwei Hochspannungs-Gleichstromkabel, die Marokko über rund 4.800 Kilometer mit Deutschland verbinden sollen. Vorgesehen ist ein wechselseitiger Austausch erneuerbarer Energie: Marokkanischer Wind- und Solarstrom soll den deutschen Markt erreichen und zugleich Versorgungssicherheit sowie industrielle Dekarbonisierung auf beiden Seiten unterstützen.
Von einer bereits beschlossenen Übernahme der britischen Leitung durch Deutschland kann dennoch nicht die Rede sein. Sila Atlantik ist ein eigenständiges Projekt mit verändertem Zielmarkt: Der marokkanische Strom soll nicht mehr an der englischen Küste anlanden, sondern über das europäische Netz bis in die deutschen Industriezentren gelangen. Politisch knüpft eine solche Verbindung an eine bereits enge Energiepartnerschaft an - Deutschland und Marokko arbeiten seit Jahren beim Ausbau erneuerbarer Energien und bei der Entwicklung von grünem Wasserstoff zusammen und bekräftigten diese Zusammenarbeit im April 2026 im Rahmen ihres strategischen Dialogs.
Eine neue Karte der europäischen Energieversorgung
Frankreich, Portugal und Deutschland verfolgen unterschiedliche Projekte mit unterschiedlichen technischen Voraussetzungen, Finanzierungsmodellen und Realisierungschancen. Gemeinsam ist ihnen die Richtung: Noch vor wenigen Jahren galt Marokko vor allem als Absatzmarkt europäischer Energietechnik. Heute entwickelt sich das Königreich zunehmend selbst zu einem strategischen Energiepartner Europas. Marokko verfügt über hohe Sonneneinstrahlung, beständige Windverhältnisse an der Atlantikküste, große Flächen für erneuerbare Energieprojekte, geografische Nähe zu Europa und eine langjährige, langfristig angelegte Energiepolitik - eine Kombination, die das Königreich für europäische Staaten attraktiv macht, die ihre Stromsysteme dekarbonisieren und stärker vernetzen wollen.
Für Marokko eröffnet sich dadurch eine neue wirtschaftliche Rolle: Das Land könnte nicht nur Energie exportieren, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue Industrien aufbauen, von technischen Komponenten über Speicherlösungen bis zur Produktion von grünem Wasserstoff. Entscheidend wird sein, dass der Ausbau zugleich der eigenen Versorgung, der wirtschaftlichen Entwicklung und den Bedürfnissen der marokkanischen Bevölkerung dient.
Ein Teil dieser Vorhaben befindet sich noch in der Planungs-, Prüfungs- oder Finanzierungsphase: Frankreich schnürt tragfähige Konzepte, Portugal gewinnt europäische Unterstützung, und Sila Atlantik stellt seine technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit unter Beweis. Zahl und Reichweite der Projekte zeigen bereits jetzt, dass es längst um mehr geht als eine einzelne Leitung. Über Jahrzehnte verliefen die wichtigsten Energieströme aus den Öl- und Gasregionen Richtung Norden; nun entsteht eine neue Ordnung, getragen von Sonne, Wind, Stromnetzen und Speichern - damit verändern sich nicht nur die Stromnetze Europas. Es verändert sich auch die Rolle Marokkos. Aus einem südlichen Nachbarn entwickelt sich Schritt für Schritt ein strategischer Energiepartner, dessen Bedeutung weit über einzelne Leitungen hinausreichen dürfte.