Außenpolitischer Kurswechsel: Algerien im regionalen Abseits
Vom Machtzentrum zum Randakteur: Algeriens Beziehungen zu Marokko, Frankreich und den Golfstaaten verschlechtern sich spürbar. Gleichzeitig entstehen neue regionale Formate, in denen Algier kaum noch eine Rolle spielt.
Während sich die geopolitischen Machtverhältnisse in Nordafrika und im Sahel neu ordnen, gerät das algerische Militärregime immer stärker unter Druck - sowohl durch regionale Akteure als auch durch internationale Allianzen.
Seit der Unabhängigkeit 1962 hatte Algerien den Anspruch, eine zentrale Macht in Nordafrika und im Sahel zu sein. Heute jedoch zieht sich das Land aus mehreren regionalen Dossiers zurück oder verliert dort an Einfluss. Parallel dazu wachsen die Spannungen mit wichtigen Akteuren wie Marokko, Frankreich und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ihrerseits ihre Zusammenarbeit vertiefen. Diese Konstellation verstärkt das Gefühl strategischer Verwundbarkeit in Algier.
Die algerische Führung reagiert auf diese Entwicklung mit einer konfrontativen Rhetorik, die sich je nach Gegenüber unterschiedlich zuspitzt. Frankreich wird vorgeworfen, gezielte propagandistische Kampagnen zu unterstützen, die Vereinigten Arabischen Emirate werden der Desinformation und subversiver Medienarbeit beschuldigt, während Marokko als historischer Gegner seit 1962 dargestellt wird. In der offiziellen Lesart Algeriens handelt es sich dabei um feindselige Akte, die angeblich das Völkerrecht verletzen.
Ein zentraler Auslöser der aktuellen Spannungen ist die internationale Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Sahara, die von einer wachsenden Zahl von Staaten getragen wird und am 31. Oktober 2025 auch durch die Vereinten Nationen politisch bekräftigt wurde. Für Algerien, das sich seit Jahrzehnten als Schutzmacht der Gegenseite positioniert, stellt dies einen strategischen Rückschlag dar.
Während Nachbarstaaten und ihre Partner diese Entwicklung als Ergebnis langfristiger diplomatischer Prozesse betrachten, erlebt Algerien sie als abrupte Verschiebung der Kräfteverhältnisse - mit dem Ergebnis einer zunehmenden Distanz zu den großen regionalen Entscheidungszentren.
Vom Wirtschaftspartner zum Gegner
Ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist die Kündigung des Luftverkehrsabkommens mit den Vereinigten Arabischen Emiraten am 7. Februar. Das Abkommen regelte seit zwölf Jahren den zivilen Flugverkehr zwischen Algier und Dubai und galt als einer der letzten funktionalen Kanäle zwischen beiden Staaten. Seine Aufkündigung führt zur Einstellung direkter Flüge, zum Verlust von Überflugrechten und zum Abbruch logistischer Kooperationen.
Offiziell wird dieser Schritt rein juristisch begründet. Tatsächlich spiegelt er jedoch eine schleichende Verschlechterung der Beziehungen, die sich seit 2022 auch auf höchster institutioneller Ebene bemerkbar macht.
Besonders auffällig ist der Bruch mit den Emiraten vor dem Hintergrund der Vergangenheit. Unter Präsident Abdelaziz Bouteflika galten sie als wichtige Investoren und privilegierte Wirtschaftspartner Algeriens. Diese Nähe beruhte nicht zuletzt auf persönlichen Beziehungen aus der Zeit seines politischen Exils.
Die heutige Konfrontation deutet auf eine interne Neujustierung der Machtverhältnisse in Algier hin. Frühere Arrangements werden kritisch neu bewertet, insbesondere seit der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel sowie deren enger Abstimmung mit Marokko.
Marokko als strategischer Knotenpunkt und die strategische Vereinsamung Algeriens
In dieser Neuordnung nimmt Marokko eine Schlüsselrolle ein. Aus algerischer Perspektive ist Rabat nicht mehr nur ein direkter Gegner im Sahara-Konflikt, sondern der Mittelpunkt eines Netzwerks aus politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Initiativen, die als Bedrohung wahrgenommen werden.
Besonders kritisch gesehen werden marokkanische Projekte im Sahel, etwa Initiativen zur wirtschaftlichen Anbindung der Binnenstaaten an den Atlantik. Auch wenn viele dieser Vorhaben noch im Planungsstadium sind, markieren sie symbolisch einen Machtzuwachs Marokkos - auf Kosten Algeriens.
Am deutlichsten zeigt sich der Bedeutungsverlust Algeriens im Sahelraum, insbesondere im Verhältnis zu Mali. Bamako wirft Algier inzwischen offen Einmischung vor, distanziert sich von früheren Vermittlungsabkommen und orientiert sich sicherheitspolitisch neu - unter anderem in Richtung Russland, Türkei und Golfstaaten.
Die Gründung der Allianz der Sahelstaaten wird in Algier als weiteres Zeichen der Marginalisierung wahrgenommen. Algerien, einst zentraler Akteur in der Region, findet sich zunehmend außen vor.
In der Summe entsteht das Bild eines Landes, das sich in eine defensive, zunehmend abgeschottete Haltung zurückzieht. Die Militarisierung der Grenzen, die Schließung technischer Kooperationskanäle und der schärfer werdende Ton nach außen deuten auf eine Strategie der Abschottung statt Anpassung hin.
Selbst innerhalb Algeriens mehren sich Stimmen, die diese Entwicklung als Sackgasse betrachten. In einer Welt, die zunehmend von flexiblen Allianzen und pragmatischen Interessen geprägt ist, wirkt die algerische Außenpolitik aus dieser Perspektive starr und reaktiv.
Frankreich, Marokko und die Vereinigten Arabischen Emirate erscheinen im algerischen Diskurs als zentrale Gegenspieler einer neuen regionalen Ordnung. Marokko gilt dabei als politischer und diplomatischer Profiteur, Abou Dhabi als finanzieller und strategischer Unterstützer, Paris als sensibler Knotenpunkt internationaler Einflussnahme.