Abschied von Abdelwahab Doukkali, Stimme eines ganzen Landes
Abdelwahab Doukkali war weit mehr als ein Sänger. Über Jahrzehnte prägte er das musikalische Gedächtnis Marokkos und der arabischen Welt mit einer Stimme, die Generationen begleitete. Mit seinem Tod verliert das Königreich eine kulturelle Ikone, deren Lieder bis heute Teil des kollektiven Erinnerns geblieben sind.

Der legendäre Sänger, Komponist und Musiker starb am heutigen Freitag im Alter von 85 Jahren. Mit ihm verstummt eine der letzten großen Stimmen jener Generation, die die moderne marokkanische Musik nach der Unabhängigkeit des Landes entscheidend geprägt hat.
Kaum ein anderer Künstler verband klassische arabische Musik, marokkanische Melodik und moderne Komposition so selbstverständlich miteinander wie Doukkali. Seine Lieder gehörten über Jahrzehnte zum Alltag vieler Familien - im Radio, auf Hochzeiten, in Cafés, während langer Autofahrten oder in den stillen Stunden der Nacht. Für viele Marokkaner war seine Stimme nicht einfach Musik, sondern ein Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte.
Geboren wurde Abdelwahab Doukkali 1941 in Fès als eines von dreizehn Kindern einer konservativen Familie. Bereits früh zog es ihn zur Kunst und zum Radio. Ende der 1950er Jahre arbeitete er zunächst bei der marokkanischen Rundfunkanstalt RTM in Rabat, bevor er in Casablanca erste Schritte im Theater- und Musikbereich machte.
Sein Weg führte ihn später nach Ägypten - damals das kulturelle Zentrum der arabischen Welt. In Kairo entwickelte Doukkali seinen Stil weiter und gewann erstmals auch außerhalb Marokkos größere Bekanntheit. Anders als viele Künstler seiner Generation kopierte er jedoch nie einfach den orientalischen Musikstil jener Zeit. Er schuf vielmehr eine eigene Verbindung zwischen marokkanischer Identität und arabischer Klassik. Und gerade darin lag seine Besonderheit: Seine Musik blieb tief marokkanisch, ohne sich kulturell abzuschotten.
Lieder, die Teil des kollektiven Gedächtnisses wurden
Titel wie „Kan Ya Makan“, „Mana Illa Bachar“ oder „Agharo Alayki“ gehören längst zum kulturellen Erbe Marokkos. Viele seiner Kompositionen verbanden poetische Texte mit einer außergewöhnlichen melodischen Tiefe. Seine Stimme konnte gleichzeitig kraftvoll und verletzlich wirken - getragen von jener melancholischen Eleganz, die die große arabische Musiktradition auszeichnete.
Doukkali sang sowohl im marokkanischen Dialekt als auch im klassischen Arabisch. Dadurch erreichte er unterschiedliche Generationen und Milieus - vom einfachen Publikum bis hin zu Liebhabern anspruchsvoller klassischer Musik.
In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde er endgültig zu einer kulturellen Institution. Zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland bestätigten seinen Rang innerhalb der arabischen Musikwelt. Er erhielt unter anderem Preise bei Musikfestivals in Kairo, Marrakesch und Mohammadia sowie internationale Ehrungen aus Frankreich und dem Vatikan.
Teil einer kulturellen Erinnerung
Mit Abdelwahab Doukkali verliert Marokko nicht nur einen Künstler, sondern einen Teil seiner kulturellen Erinnerung. Sein Tod kommt nur wenige Monate nach dem Abschied von Abdelhadi Belkhayat - einer weiteren großen Stimme der marokkanischen Musikgeschichte. Damit endet allmählich eine kulturelle Epoche, die das musikalische Selbstverständnis des modernen Marokko geprägt hat.
Große Künstler entziehen sich dem Vergessen. Ihre Stimmen bleiben präsent - in alten Aufnahmen, im familiären Gedächtnis und in Liedern, die über Generationen weitergetragen werden.
Abdelwahab Doukkali gehörte zu jenen seltenen Künstlern, deren Werk eine Epoche überdauerte. Mit seinem Tod nimmt Marokko Abschied von einem Künstler, dessen Werk längst Teil seines kulturellen Gedächtnisses geworden ist.