Kühle Nächte, reiner Himmel

Jean Pierre Datcharry  machte sich in Begleitung seiner Freunde Brahim und Addi und fünf Kamelen auf den Weg, um von Ouarzazate nach Essaouira - auf den Spuren der alten Karawanen - zu laufen. marokko.com veröffentlicht in lockerer Folge das Tagebuch seiner 21tägigen Tour. Heute Tag 4 bis 6:

Den Bericht ab Tag 1 finden Sie hier

Auf alten Karawanenrouten, Tag04 Kasbah Telouet, Foto: Jean-Pierre DatcharryIch nehme einen kleinen Pfad, um das Dorf Anguelz zu erreichen. Der kleine Ort ist aus Lehm gebaut, wie auch die prächtige, schlanke Kasbah. Um sich gegen feindliche Stämme zu verteidigen wurden diese  befestigten Kasbahs gebaut. Die feindliche Stämme hatten es meistens auf die reichhaltigen Vorräte abgesehen.

Jacques Majorel, orientalistischer Maler, hielt sich in den Jahren 1935-40 in Dorf Anguelz auf, sein Freund René Euloge, Schriftsteller, Maler und großer Entdecker der Täler des Atlas, begleitete ihn oft.

Ich durchquere die saftig grünen Gärten und stelle mir diese beiden großen Maler vor, ihre Staffelei unter den Mandelbäumen aufgestellt, die Kühle ausnutzend, vor diesen inzwischen fast verschwundenen Kasbahs. Die Knospen der Damaszener-Rose leuchten in kräftigem Rosa.

Ich gehe das Wadi entlang und tauche über einen Umweg in ein kleines Tal ein, das auf der Höhe von einer Festungsruine bewacht wird. Dieses enge Tal, in die roten, ockerfarbenen Erde geschnitten und von einer Ader aus schwarzem Gestein gesäumt,  führt zum alten Salzbergwerk, dessen Stollen mit einer schweren Eisentür verschlossen ist. Diese Mine war berühmt für die Qualität ihres Salzes und Kamelkarawanen exportierten es in entfernte Länder.

Ein paar Täler weiter sehe ich entlang des Wadis die Gärten von Telouet. Ein äterer Mann geht mit einer geflochtenen Schleuder in der Hand durch die Gärten. Ich vermute, dass er auf Taubenjagd ist und begrüße ihn - ein paar Höflichkeitsfloskeln werden ausgetauscht. Er ist überrascht, dass ich zu Fuß aus Ouarzazate komme. Gefragt, was er mit seiner Schleuder jagt, entgegnet er: "Ich behüte meine Bienen". Und in der Tat kommen einige Vögel, um seine Bienen zu fressen, die mit Honig beladen zum Bienenstock zurückkehren.

Ich fahre zur riesigen Kasbah von Telouet, wo früher Karawanen Halt machten, bevor sie den Atlas überquerten. Echte Karawanserei, wo die Karawanenführer eine Steuer für die sichere Durchfahrt und den Schutz von Waren und Menschen zahlten. Die prächtige Kasbah des Pascha Glaoui ist heute leider nur noch eine Ruine. Schade, dass dieses architektonische Meisterwerk aus politischen Gründen (Pascha Glaoui kollaborierte mit den Franzosen) nicht restauriert wird. In ein paar Jahren wird diese Kasbah unwiederbringlich zerfallen sein.

Wir sind sieben Stunden gelaufen, etwa 30 km und ich bin sehr froh, mich hinzusetzen und über die Begegnungen des heutigen Tages nachzudenken.

 

Tag 5

Gestern Nachmittag hatten wir einen sehr starken Wind mit stürmischen Böen. Fünf Minuten vor dem Ramadan-Fastenbrechen um 19 Uhr kamen zwei junge Frauen aus dem Dorf, um uns das Ftor-Essen zu bringen. Zwei Sorten Brot, noch warm in eine kleine Decke eingewickelt, Pfannkuchen, Kaffee, Tee. Die Gastfreundschaft, die den Reisenden geboten wurde, machte uns nach einem langen Tag sehr glücklich.

Danke!

Wir durchqueren Tamjoucht, das letzte Dorf, das sich direkt am Fuße des Berges anschmiegt und von Terrassen aus grünem Getreide umgeben ist, die nun von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet werden. Das Dorf schläft noch. Wir begegnen einer Frau mit einem Eimer von 15 Litern aufgeschäumter Milch. Ein Kind blickt zu Boden, als es an uns vorbeigeht. Es ist sehr einfach gekleidet, wohl auf dem Weg zur Schule, in das vier Kilometer entfernte Telouet, mit grauen Plastiksandalen an den kleinen Füssen, wie bei den Kinder der Hirten üblich. Vielleicht hütet es am Nachmittag einige Ziegen oder Schafe. Dank der Schule wird sich das Kind eine bessere Zukunft aufbauen können.

Wir gehen zu den Atlas-Kämmen und über den Tizi n'Telouet auf 2600m. [Tizi = Pass]

 

Tag 6

Wir werden durch die Gesänge des Dorfimams geweckt, das Sternenbild des große Bären ist noch am Horizont zu sehen.

Kleine frische Brise sind noch mit dem morgentlichen Tau beladen. Der Weg folgt der Höhenlinie bis zum Grund der Täler und macht kilometerlange Umwege notwendig, um eine Schlucht zu passieren.

Die Vegetation ändert sich  andauernd. wieder. Duftender Lavendel schmückt unsere Passage.

Die Zwergpalme "Doum" bedeckt einen ganzen Abschnitt eines Berges. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so viele von ihnen gesehen zu haben. Aus ihrem spitz zulaufenden Blatt werden die großen Strohhüte hergestellt.

Der Tag wird eintönig, wir kreuzen viele Einschnitte, um dieses tiefe Tal zu verlassen. Wir landen vor dem Zerkten-Tal und sehen die Straße, die der Tichka verbindet. Wir erreichen das Dorf Aghbalou n'Oghgue, einen Ort, an dem früher Karawanen Halt machten. Wir schlagen unser Biwak in dem herrlichen, von Pinien beschatteten Hof der völlig verfallenen Glaoui-Kasbah auf.

"Aghbalou" bedeutet "große Quelle", die in der Tat einen schönen, terrassenförmig angelegten Olivenhain an einem Steilhang und Gärten bewässert.

6 Stunden 45 Minuten Gehzeit, 28 - 30 km.

Wir Drei haben alle schwere Füße und sind müde. Sobald wir uns hinlegen, ist das Nickerchen vor lauter Stechfliegen allerdings unmöglich. Wir bedecken uns mit unseren Djellabas, aber diese Fliegen finden immer einen Weg, um uns zu quälen. Morgen werden wir nach dem Naturprodukt "Ouijane" suchen, das in einigen Orten des Atlas und im Saghro aus dem Harz der Thuja oder des Wacholders hergestellt wird. Dieses sehr wohlriechende und antiseptische Mittel hält Insekten fern. Es wird auch zur Verzierung traditioneller Töpferwaren und zur Parfümierung von Wasserkrügen verwendet. Vielleicht hat das auch den Effekt, das Wasser zu desinfizieren.

Um 19 Uhr bringen uns die freundlichen Bewohner eines Dorfes, das auf dem Gipfel des Ghdat-Tals thront, mehrere Tabletts beladen mit gefüllten Pfannkuchen, einem sehr fruchtigen Olivenöl, Kuchen mit Orangengeschmack, Apfelsaft, Suppen und Datteln. Unser Menü an diesem Abend. Eine Freundlichkeit der Bewohner dieses Dorfes, das auf dem Gipfel des Ghdat-Tals thront.

 

Fortsetzung (Tag 7 bis 21) folgt


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