Bildungsmigration

Migranten*Innen spielen eine wichtige Rolle als Brückenbauer zwischen Staaten. Mit ihren sozialen Kompetenzen, Ansichten, Erfahrungen, Kontakten und ihrem Know-how gestalten sie nachhaltige Veränderungen mit und leisten damit einen Beitrag für die Entwicklung ihrer Herkunftsländer, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

 

Bildungsmigration und Zukunftsperspektiven (Foto: davide-cantelli-e3Uy4k7ooYk-unsplash.com)

In einer zunehmend globalisierten Welt sind Individuen und Gesellschaften in Bewegung: Rund 232 Millionen Menschen haben nach Schätzungen der Vereinten Nationen ihr Herkunftsland verlassen (Zeit online 2013), um in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen (Stand: 2015). Im Jahr 2000 etwa lag die Zahl bei 175 Millionen. Dies zeigt, dass Migration in der internationalen Zusammenarbeit mittlerweile als bedeu­tender Entwicklungsfaktor gilt. Denn Vielfalt und der Austausch über Grenzen hinweg fördert wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Veränderungen sowohl im Aufnahme- als auch im Herkunftsland.

Migration ist ein entscheidender Faktor für den demographischen Wandel: Inzwischen haben rund 23 Prozent der 82 Millionen in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt 2016), Wie sich Wachstum und Wohlstand in einem Land entwickelt, hängt davon ab, wie Integration gelingt. Somit ist Integrationspolitik auch Demographie-Politik. Aufenthaltsrecht, Unterbringung, Sprache, Wertevermittlung und Ausbildung sind dabei entscheidende Faktoren für eine erfolgreiche Integration.

Deutsch-marokkanische Anwerbeabkommen

Aufgrund des rasanten Wirtschaftswachstums kam es Mitte der 1950er-Jahre zu einem Arbeitskräftemangel. Aus diesem Grund warb Deutschland Migranten aus verschiedenen Ländern an, darunter auch aus Marokko. „Infolgedessen hat die Bundesrepublik im Jahr 1963 mit der Regierung des Königreiches Marokko das sogenannte deutsch-marokkanische Anwerbeabkommen über die vorübergehende Beschäftigung marokkanischer Arbeitnehmer*Innen in der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet.“ (Vgl. Shirin Schatz, 50 Jahre marokkanische Migration, 2013, Zugriff am 26.12.2017) Die Bundesanstalt für Arbeit vermittelte ein Jahr später in diesem Rahmen die ersten 1.800 befristeten Arbeitsverträge an marokkanische Arbeiter*Innen im Steinkohlebergbau (Schüttler, Die marokkanische Diaspora 2007). „Dies war der offizielle Beginn der Einwanderung vieler marokkanischer Frauen und Männer nach Deutschland. Eine Großzahl dieser Menschen fand in der Bundesrepublik eine neue Heimat. Auch schon vor sowie nach dem Ende des Anwerbeabkommens kamen weitere Menschen zum Studium und zum Arbeiten aus Marokko nach Deutschland und leben hier bereits in dritter und vierter Generation als fester Bestandteil der Gesellschaft“. In Europa bilden die Marokkaner heute sogar die zweitgrößte Gruppe an Migranten nach den Türken.

Die Bildungsmigration marokkanischer Studenten*Innen begann 1989 mit dem Abschluss des deutsch-marokkanischen Kulturabkommens. Seitdem kommen Marokkaner*Innen zunehmend zu Ausbildungszwecken nach Deutschland. Marokkanische Bildungsmigranten standen laut des Hochschul-Informations-Systems 2005 auf Platz sieben der wichtigsten Herkunftsstaaten ausländischer Studierender in Deutschland (Schüttler, Die marokkanische Diaspora 2007).

Im Vergleich zu Arbeitsmigranten*Innen sind Studienmigranten*Innen bzw. sogenannte Bildungsausländer (Personen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht in Deutschland erlangt haben, werden als Bildungsausländer bezeichnet. Hingegen sind ausländische Staatsangehörige Bildungsinländer, wenn sie in Deutschland die Hochschulreife erwarben. Letzteres vorausgesetzt, gehören in manchen Studien auch Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit und ggf. Migrationshintergrund zu den Bildungsinländern: Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013) im Vorfeld auf einen möglichen Kulturschock vorbereitet, denn sie lernen die Sprache und die deutsche Kultur bereits in ihrem Herkunftsland kennen.

Voraussetzung für die Fortsetzung des Studiums in Deutschland

Die Voraussetzung für die Fortsetzung des Studiums in Deutschland ist nicht leicht zu erfüllen: Dafür müssen Bildungsausländer zuerst ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben haben und dann für ein bis zwei Jahre die deutsche Sprache lernen. Außerdem benötigen sie bei Antrag auf ein Studentenvisum den Zulassungsbescheid einer deutschen Hochschule oder eine anerkannte Hochschulzugangsberechtigung sowie einen Nachweis über die Finanzierung des ersten Studienjahres. Meist wird zusätzlich gefordert, dass sie über ca. 8.700 Euro pro Studienjahr verfügen. Alternativ können sie auf unterschiedliche Art nachweisen, dass sie ihr Studium finanzieren können. Dabei sind folgende Formen möglich:

  • Die Eltern legen Einkommens- und Vermögensnachweise vor.
  • Jemand mit Wohnsitz in Deutschland verpflichtet sich gegenüber der Ausländerbehörde, die Kosten für sie zu übernehmen.
  • Ein Sicherheitsbetrag wird auf ein gesperrtes Konto eingezahlt (Sperrkonto).
  • Sie legen eine Bankbürgschaft vor.
  • Sie erhalten ein Stipendium von einem anerkannten Stipendiengeber.

Trotz der obigen Hindernisse bleibt ein Studium in Deutschland das große Ziel vieler marokkanischer Abiturienten*Innen. Es hat sich gezeigt, dass marokkanische Bildungsmigranten*Innen in Deutschland in zahlreichen Bereichen erfolgreich sind: als IT-Fachkräfte, Maschinenbauer, Ingenieure, Ärzte oder Sozialwissenschaftler. Eine große Anzahl hat sich dabei gut integriert und fand in der Bundesrepublik eine neue Heimat und konnte Deutschland durch ihre Arbeitskraft etwas zurückgeben. Doch bleibt bei vielen der Wunsch - trotz der erfolgreichen Existenzgründung - in Zukunft nach Marokko zurückzukehren.

Die Rückkehr-Frage

Die Rückkehr-Frage bzw. Gedanken bewegt in letzter Zeit immer mehr marokkanische Akademiker*Innen und Fachkräfte, vor allem durch die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Lage Marokkos. Das nordafrikanische Land hat in den letzten Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen und wird von internationalen Investmentgesellschaften und Banken als möglicher Zukunftsmarkt eingestuft. „In den Jahren 2009-2013 konnte Marokko ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 4,1% pro Jahr verzeichnen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im Jahr 2015 sogar auf 4,8% angestiegen.“ (Vgl. o.V. https://marokko.ahk.de)

Die Rückkehrer*Innen sind in der Lage mit ihrem aktuellen Fachwissen, ihrem aufgebauten Netzwerk, sowohl in Deutschland als auch in Marokko, und ihrer sozialen und internationalen Kompetenz an der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politische Entwicklung Marokkos aktiv mitzuwirken. Dabei werden Rückkehrer*Innen durch Institutionen wie dem Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) über den gesamten Rückkehr-Prozess begleitet, unterstützt sowie unter bestimmten Bedingungen gefördert. Sie sorgen außerdem dafür, dass die Rückkehr sowohl für ihren zukünftigen Arbeitgeber als auch für das Herkunftsland erfolgreich wird. Das CIM ist das Kompetenzzentrum für weltweite Arbeitsmobilität in der internationalen Zusammenarbeit der deutschen Bundesregierung. Die Rückkehrförder-Programme werden von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) im Auftrag des Bundes und der Länder durchgeführt. Seit Bestehen dieser Programme ist die freiwillige Rückkehr von über 600.000 Menschen in ihr Heimatland oder die Weiterwanderung in ein aufnahmebereites Drittland finanziell und organisatorisch unterstützt worden (BAMF 2015).

Migranten sind Brückenbauer zwischen den Ländern

Die Emigration von Hochqualifizierten wurde in den 1970er-Jahren als brain drain bezeichnet: Denn dadurch verlieren Entwicklungsländer deren Spitzenkräfte in Bereichen wie Wirtschaft und Wissenschaft. Für Hochqualifizierte bietet Migration die Möglichkeit auf eine bessere Zukunftsperspektive: Sie profitieren von einem hohen Gehalt, einem höheren Lebensniveau und besseren Karriereaussichten. Die Migration qualifizierter Migranten*Innen oder Bildungsausländer wird nicht mehr vor dem Hintergrund eines negativen Verlusts kluger Köpfe für die Entsendeländer beschrieben, sondern wird nunmehr als brain circulation oder brain-(re)gain bezeichnet. Auf der einen Seite kann das Herkunftsland von stetigen Rücküberweisungen der Migranten*Innen profitieren, meistens werden Familienangehörige finanziell durch Rücküberweisungen unterstützt. Auf der anderen Seite spielen die Migranten*Innen und auch sogenannte Bildungsausländer eine Rolle als Brückenbauer*Innen zwischen den Ländern. Mit ihrem Know-how, ihren Ideen, Erfahrungen und Kontakten gestalten sie nachhaltige Veränderungen mit und unterstützen ihre Herkunftsländer dabei, zukunftsfähig zu bleiben. Dies führt zu einer dreifachen Gewinnsituation (Triple-Win): Zielländer, Entsendeländer und die Migranten*Innen selbst profitieren von dieser Situation.

Im Bereich der internationalen Mobilität spielt Deutschland als Ausbildungsland eine wichtige Rolle, denn Deutschland gehört „laut Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weltweit zu den drei beliebtesten Zielländern für internationale Studierende und belegt  innerhalb der EU den zweiten Platz“ (Vgl. Hanganu, E; Heß, B.: Beschäftigung ausländischer Absolventen deutscher Hochschulen 2013, S. 21). Besonders groß ist dabei der Zustrom in Hinblick auf Masterstudiengänge.

„Die Zahl der ausländischen Studierenden in Deutschland ist in den letzten Jahren stark angestiegen, wobei sich die Anzahl der Bildungsausländer in Deutschland zwischen 1995 und 2013 auf rund 205.000 mehr als verdoppelt hat.“ (Vgl. Hanganu, E; Heß, B.: Beschäftigung ausländischer Absolventen deutscher Hochschulen 2013, S. 21). Im Jahr 2015 haben sich an deutschen Hochschulen 321.569 ausländische Studierende eingeschrieben. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich ihre Zahl um 7 % oder rund 20.000 Studierende erhöht. „Dabei stieg die Zahl der Bildungsausländer stärker (+ 8 %) als die der Bildungsinländer (Personen, die nicht Deutsche sind, aber eine deutsche Hochschulzugangsberechtigung erworben haben, z.B. das deutsche Abitur in Deutschland oder an einer deutschen Auslandsschule) (+ 4%)“. Durch den Anstieg hat sich der Anteil der ausländischen Studierenden an allen Studierenden von 11,5 % auf 11,9% erhöht.“ (Vgl. Dr. Burkhart, et al.: Daten und Fakten zur Internationalität von Studium und Forschung in Deutschland 2016, S 6) Jeder zehnte Studierende an deutschen Universitäten ist somit ein Bildungsausländer*In (10,1%). (Vgl. Dr. Burkhart, et al.: Daten und Fakten zur Internationalität von Studium und Forschung in Deutschland 2016, S 8)“.

Marokkaner stellen die größte Gruppe afrikanischer Studierender dar

„Seit Ende der 1980er Jahre kommen verstärkt marokkanische Studierende zum Studium nach Deutschland. Mittlerweile stellen Marokkaner*Innen die größte Gruppe afrikanischer Studierender dar. Im Wintersemester 2005/06 waren laut Statistischem Bundesamt 8.213 Studierende mit marokkanischer Staatsangehörigkeit eingeschrieben. Darunter 7.190 Bildungsausländer.“ (Vgl. Kirsten Schüttler, Die marokkanische Diaspora in Deutschland 2007 (Seite 7). Im Wintersemester 2016/2017 waren allerdings nur 5.674 Studierende marokkanischer Herkunft eingeschrieben. (Ausländische Studierende in Deutschland nach Herkunftsländern 2018)

Marokkanische Studierende standen laut Statistischem Bundesamt 2005 mit 6.986 Studierenden auf Platz fünf der wichtigsten Herkunftsstaaten ausländischer Studierender in Deutschland. Im Jahr 2015 wurden sie jedoch mit einer Zahl von 4.680 Studierenden auf Platz 16 runtergestuft. Der Frauenanteil unter den marokkanischen Studierenden liegt bei rund einem Fünftel, während Frauen aus den osteuropäischen Ländern Russland, Ukraine und Polen jeweils rund drei Viertel aller Studierenden ausmachen. Im 2015 kamen 30.259 Studierende aus China zum Studium nach Deutschland. Darauf folgen mit deutlichem Abstand Studierenden aus Indien, der Russischen Föderation und Österreich (Dr. Burkhart, et al. 2016).

Marokkanische Studierende belegen vor allem ingenieurwissenschaftliche Fächer, insbesondere Elektrotechnik und Maschinenbau. Daneben oft auch Rechts-, Wirtschafts-, und Sozialwissenschaften. Darauf folgen Geisteswissenschaften und Mathematik und Naturwissenschaften und in geringerem Ausmaß Humanmedizin und Kunstwissenschaften.  

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