Djamaa Elfna und die vergessene Seele

Das informelle Gewerbe Marokkos, vom Märchenerzähler bis zum Straßenhändler, ist durch die Auswirkungen der Pandemie stillschweigend in seiner Existenz bedroht. Sie und ihre Familien leben von den Tageseinnahmen und haben keine Lobby und stoßen auf kein Medieninteresse. Versäumnisse der letzten Jahrzehnte fangen an sich zu rächen. Das offizielle Augenmerk lag zu stark auf den etablierten Protagonisten und die Auswirkungen der Gentrifikation wurden vernachlässigt.

 

 

Exemplarisch sei hier Platz Djamaa Elfna, in Marrakesch genannt. Dieser weltberühmte Platz ist die Attraktion von Marrakesch schlechthin. Jeder Besucher der ockerfarbenen Stadt sucht vor allen anderen Sehenswürdigkeit als Erstes diesen einzigartigen orientalischen Jahrmarkt auf, der im Jahre 2001 zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wurde. Es bleibt zu hoffen, dass die UNESCO diesen Status in Zukunft nicht in Frage stellt, denn der Platz Djamaa Elfna verdankt seinen Status ausschließlich seinen Akteuren. Nur stehen die Hauptdarsteller aktuell aufgrund mangelnder Unterstützung vor dem Nichts.

Der Platz Djamaa Elfna, die Lokomotive des Tourismus in Marrakesch ist verwaist, er vermittelt zurzeit den Charme eines leeren Großraumparkplatzes. Die Märchenerzähler, Musiker, Garköche, Akrobaten, Gaukler und andere, die mit ihrer Kunst  für sich und ihre Familien dort ihren Lebensunterhalt verdienten und dadurch dafür sorgten, dass das jahrhundertealte kulturelle Erbe erhalten blieb, befinden sich in einer existentiellen Notlage. Und das, aus heutiger Sicht, auf unabsehbare Zeit. Denn auch wenn die Pandemie morgen vorbei sein sollte, wird es lange dauern bis das „echte“ Leben auf dem Platz zurückkehrt. Industrie und Gewerbe werden finanziell unterstützt, aber den tausenden von ambulanten Straßenhändlern und Akteuren Marokkos ist ihre Lebensgrundlage entzogen, sie sind schlichtweg vergessen worden. 

Um die Aufmerksamkeit seiner Besucher aus Marokko und der ganzen Welt auf diesen von der Öffentlichkeit unbemerkten Untergang aufmerksam zu machen, startete der bekannte Journalist und Fernsehmoderator Yassin Adnan, zusammen mit einer Gruppe von Schriftstellern und Künstlern, eine Initiative zur Rettung der Protagonisten und damit der Seele des Djamaa Elfna, nach dem Motto „Die Künstler des Djamaa Elfna müssen unterstützt werden bevor es zu spät ist“.

Siehe zum Thema auch Veröffentlichungen von Schriftstellern wie Elias Canetti oder Walter M. Weiss sowie die Einträge zum Weltkulturerbe und Platz Djamaa Elfna bei Wikipedia

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