Der Ziegenbock und das Basilikum

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Der Ziegenbock und das Basilikum von Abderrazzak Benchaâbane (siehe Biographie)

Der Ziegenbock und das Basilikum: Feier mit Gnaoua-Musik und -Tanz (Foto: Eberhard Hahne)

Wortbedeutung:
Baraka: Eine Art Segenskraft
Chaâbane: 8ter Monat nach islamischer Zeitrechnung
Chorfa: Nachkommen des Propheten Mohammed
Gnaoua: Ethnische Minderheit und Nachfahren von Sklaven südlich der Sahara
Moqqadem: Medium mit Heilkraft und hellseherischen Fähigkeiten
Zaouia: Heiliger Ort, Mausoleum eines Heiligen

Meine Tante, die oft krank und anfällig für epileptische Anfälle war, wurde eines Tages nach mehreren Versuchen der modernen Medizin nach Tamaslouht zum Grab des Heiligen Sidi Abdellah Ben Houssein, eines Schülers von Sidi Ben Sliman Al Jazouli, Sufi-Meister des 16. Jahrhunderts, Gründer von Zaouia Jazoulia in Marrakesch und Autor des Gebetbuchs Dala'il Al-Khayrat, was in etwa „Wegeweiser der guten Taten“ heißt.

Sidi Abdellah Ben Houssein war in der gesamten Region Marrakesch für seine Baraka (Segenskraft) bekannt. Viele Pilger strömen auch heute noch zum Mausoleum des Heiligen und bitten um Schutz, Heilung, Wohlstand und Fruchtbarkeit.

Als meine Tante das Grab des Heiligen erreichte, fiel sie in einen Trance-Zustand. Sie schrie und stöhnte und sprach Wörter aus, deren Bedeutung niemand verstand. Sie schien mit dem Heiligen zu sprechen und Dinge zu hören, die aus dem Jenseits kamen. Als sie wieder bei Bewusstsein war, war sie fast geheilt. Ihr Gesicht strahlte und ich bekam den Eindruck, dass sie von dem Bösen, das sie so viele Jahre geplagt hatte, vollkommen befreit war.

Diese wundersame Heilung entging dem „Moqqadem der Zaouia“ (Hüter des heiligen Ortes), dem Nachkommen von Sidi Abdellah Ben Houssein nicht. Er hatte die Trance meiner Tante und die verschiedenen Phasen des Rituals, die sie durchlebt hatte, mitverfolgt.

Von nun an band ein Pakt meine Tante an den Heiligen. Sie würde ihm ihr ganzes Leben lang zu Dank verpflichtet sein und die Regeln und Pflichten des ihr übertragenen neuen Amtes und der mystischen Verbindung mit dem Heiligen einhalten.

Der Moqqadem befahl, Weihrauch anzuzünden und ihn nach Hause zu begleiten. Das Haus der Chorfa (direkte Nachkommen des Propheten Mohammad) in Tamaslouh öffnet seine Türen nur für verdiente Menschen. Damit war meine Tante ab sofort Teil des geschlossenen Kreises des Hauses der Nachkommen des Heiligen. Dieses seltene Privileg verlieh ihr und ihrer Familie eine mystische und magisch-religiöse Dimension, die ihren Eindruck auf mich nicht verfehlte.

Meine Tante wurde infolgedessen vom Haus der Chorfa kooptiert (hier: In die Bruderschaft als Nachfolge des Verstorbenen aufgenommen). Sie wurde vom Heiligen auserwählt, dessen Baraka sie soeben erhalten und sie von ihrer langen Krankheit befreit hatte. Sie hatte nun den Status einer Moqqadema und musste ihrerseits die Botschaft des Heiligen verbreiten und die Baraka an die Kranken, die sie brauchten, weitergeben. Kurz gesagt, meine Tante war ein Medium mit Heilkraft und hellseherischen Fähigkeiten geworden und hatte damit auch Verpflichtungen gegenüber ihrer neuen Bruderschaft bzw. ihrem Schutzpatron eingegangen.

Die mystische Beförderung meiner Tante war eigentlich kein Zufall. Ihr Vater war ein bekannter Meister der Gnaoua-Bruderschaft in Marrakesch. An seinem Todestag, verbot sein Sohn jedes magisch-religiöse Ritual im väterlichen Haus. Der Klang von Klapperschlangen und die Schritte ritueller Tänze sollten verbannt werden und der Moderne weichen. Alles, was für die von meinem Großvater organisierten rituellen Trance-Sitzungen notwendig war (Weihrauch, Pilgerstöcke, Tabletts ...), wurde in einer Nische neben Souvenirs und Familiendokumente aufbewahrt. Das mystische Erbe der Familie samt Tradition wurde somit beendet.

Die Abstammung allein reicht jedoch nicht aus, um Zugang zu einem solchen Erbe zu bekommen. Die Person muss zudem von den Geistern auserwählt und den Schutz der Heiligen und ihrer Baraka empfangen.

Nach der Episode in Tamaslouht, wurde meine Tante die legitime Erbin des spirituellen und magisch-religiösen Erbes ihres Vaters und musste die Tradition der Bruderschaft bzw. der Familie fortsetzen. Meine Tante sammelte alles notwendige Material, um entsprechende „Lilas“ (=Nächte, bedeutet in dem Zusammenhang "Nächte mit rituellen Klängen und Tänzen zu feiern“) zu organisieren. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und das Datum des 25. des Mond-Monats Chaâbane, der dem heiligen Monat Ramadan vorausgeht, wurde beibehalten. Lila sollte, wie es die Tradition vorschreibt, jedes Jahr zu diesem Datum stattfinden. Während dieser Nacht der Trance kamen die Schüler meiner Tante zum Klang der Lieder und Musik der Gnaoua, um ihre Seelen von den bösen Geistern zu reinigen, bevor sie dem heiligen Monat Ramadan entgegentraten.

Meine Tante wurde die Hüterin des immateriellen Erbes ihres Vaters und seiner geistigen und magisch-religiösen Kraft. Meine Mutter half ihrem Bruder das materielle Erbe der Familie zu verwalten, damit es weiter gedeiht und floriert. Sie versorgte kranke Menschen mit Heil- und Aromapflanzen. Diese Praxis erlernte sie von ihrer Mutter berberischer Herkunft.

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